Zukunftsmusik, Wermutstropfen

«Berenice» im Opernhaus, «Parnasso in festa» im Goethe-Theater Bad Lauchstädt und eine gerührte Joyce DiDonato bei den Hallenser Händel-Festspielen

Mit breiter Brust steht er da, überblickt den Marktplatz: der Bronze-Händel. In Halle nennt man ihn den größten Sohn der Stadt. Und feiert ihn seit 1922 mit den Festspielen. Ministerpräsident Reiner Haseloff schwärmt stolz von diesem Sohn, dessen Ausstrahlung in die Welt, schwärmt von der Kulturstadt Halle. Während seiner Eröffnungsrede steht er auf der Bühne des Opernhauses. Es ist in akuter Finanzierungsnot – das Land könnte helfen, damit der Stolz auch in Zukunft Begründung findet.

Dem Festspielorchester, das sich aus Mitgliedern der Staatskapelle Halle zusammensetzt, ist keine Verunsicherung anzumerken. Unter Jörg Halubek kostet es die reiche Musik von Händels Oper «Berenice, Regina d’Egitto» (1737) auf historischen Instrumenten aus. Mit der Premiere der «Berenice» (Ende  Mai) sind nun alle 42 Händel-Opern auf die Hallenser Bühne gebracht worden – das gelang weltweit zum ersten Mal.

Das Stück blieb wohl nicht grundlos Jahrzehnte ungespielt. Die Handlung ist selbst für eine Barockoper krude. Regisseur Jochen Biganzoli schafft es, sie sinnvoll herunterzubrechen, versetzt das Ganze in unsere Zeit. Die Sänger hängen ständig am Handy, posen für Selfies, feiern ihre öffentliche Existenz. Der Clou: Die Texte und Emojis werden projiziert. Man liest mit. Köstlich, wie Demetrio mit Berenice zugange ist und gleichzeitig ihrer Schwester Selene eindeutige Botschaften schickt. Auf Video-Screens flimmert es unentwegt: Da wird ein Huhn für die Bratröhre gefüllt, laufen Schminktipps, Facebook-Timelines – totale Reizüberflutung, kennen wir. Doch trotz der Leichtigkeit, dem heiteren Unernst, lässt Biganzoli den Figuren ihren Seelenschmerz. Gesungen wird prächtig, gespielt ebenso. Besonders beeindruckt die Stimme von Samuel Mariño (Alessandro): ein natürlicher Sopran.

Einen Wermutstropfen gibt es jedoch. Freie Plätze. Das lässt nicht auf mangelndes Interesse des Publikums schließen, sondern auf eine nicht nachvollziehbare Ticket-Politik. «Berenice» ist eigentlich eine Produktion der Oper, die Händel-Festspiele beteiligen sich finanziell. Für die zweite Vorstellung sind eine knappe Woche vorher über Ticketonline noch 19 Plätze frei, über die Homepage der Oper hingegen noch 118. Wer da wem ins Fleisch schneidet, ist unklar. Die Pressesprecherin der Festspiele verweist auf Entscheidungen «von oben». Den überregionalen und internationalen Besuchern tut man definitiv keinen Gefallen. Sie machen knapp 70 Prozent aus. 2017 lag die Auslastung der Eigenveranstaltungen mit 50 000 Besuchern bei 84 Prozent.

Ein wichtiger Veranstaltungsort der Festspiele ist seit 50 Jahren das Goethe-Theater in Bad Lauchstädt, 1802 erbaut. Zur Premiere von Händels «Parnasso in festa» am nächsten Nachmittag strahlt die warme Sonne hohe Linden an. Sie wachsen in einer Allee neben dem alten Fachwerkgebäude. Auf der kleinen Bühne läuft das Gegenprogramm zur «Berenice». Die Serenata ohne tatsächliche Handlung – das göttliche Personal trifft sich zur Hochzeit von Thetis und Peleus – hat Sigrid T’Hooft, Expertin für historische Aufführungspraxis, inszeniert. Das ausgezeichnete Ensemble steckt in barocken Prunkkostümen, es zeigt galant-gemessene Bewegungen, mit artifiziellen Affektgesten der Hände. Stück, Inszenierung und die Musik der locker-souverän spielenden Lautten Compagney Berlin harmonieren in dem intimen Raum hervorragend.

Abends, zurück in Halle, bringt uns Joyce DiDonato wieder ins Jetzt – mit Barock-Repertoire. Ihr neues Programm, «In War & Peace», umfasst Video- und Lichtkunst zur Musik, dazu Tanz. Barfuß, mit grellem Make-Up, in exzentrischen Kleidern von Vivienne Westwood, so steht DiDonato da. Und stellt die Frage, wie und wo innere Harmonie zu finden ist, bei all dem Aufruhr unserer Zeit. Eine Antwort: bei Händel zum Beispiel. DiDonato erzählt das oft gehörte «Lascia, ch’io pianga» wie neu, so intensiv, so leidensvoll. Das famose Kammerorchester Il Pomo D’Oro um den faszinierenden Maxim Emelyanychev spielt dazu ein zum Zerreißen gespanntes pianissimo. Man kann kaum atmen. Wie nebenbei wird hier das traditionelle, «ernste» Konzertformat revolutioniert – es funktioniert bei jungen wie alten Besuchern.

Als der Oberbürgermeister DiDonato den diesjährigen Händel-Preis verleiht, zeigt sie sich ganz gerührt. Und der Bronze-Händel auf dem Marktplatz schaut in diesem Moment bestimmt sehr glücklich herüber. 


Opernwelt Juli 2018
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Nora-Sophie Kienast