Wohl bekomm‘s

Auch bei der Ernährung ist die Palucca Hochschule für Tanz in Dresden ein Trendsetter – dank eines ernährungsphysiologischen Gesamtkonzepts

Noch auf seine alten Tage in New York geriet George Balanchine ins Schwärmen, wenn er sich der längst vergangenen kulinarischen Hochgenüsse des Jahres 1924 erinnerte: «In Deutschland war das Essen wundervoll. Ich erinnere die billigste Mahlzeit – gekochte Kartoffeln mit Hering und gehackten Zwiebeln. Obendrauf etwas Olivenöl. Dazu wurde Weißbrot gegessen und Bier getrunken.

So gut!»

Klar, diese Begeisterung verdankte sich maßgeblich dem Umstand, dass Balanchine damals mit seinen Tänzern nicht nur dem Terror der Bolschewisten, sondern auch dem Hunger in der alten Heimat Russland entkommen war. Zugleich aber verweist der Enthusiasmus von Mr. B. auf etwas Wesentliches, Allgemeingültiges: auf die alte Allianz von Entbehrung und Genussfähigkeit, auf die stimulierende Wechselbeziehung zwischen (geschärftem) Bewusstsein und (sensibilisierten) Geschmacksnerven.

Im Grunde ist es genau das, was die Palucca Hochschule für Tanz in Dresden seit geraumer Zeit zu fördern sucht. Und das unter dem speziellen Blickwinkel einer so zielgerichtet effizienten wie nachhaltigen Optimierung von Körper und Gesundheit. Eigens dafür hat sie sich Experten zugelegt: den Body Awareness Coach Matthew Squire und die promovierte Ernährungswissenschaftlerin Marion Fischer. Das Institut hat einen dezidiert auf die Bedürfnisse von Tänzerinnen und Tänzern zugeschnittenen Ernährungsratgeber ins Netz gestellt und bietet vor Ort die passende Beratung an. Palucca also unternimmt sozusagen eine Ernährungsbewusstseins-Offensive auf wissenschaftlicher Basis – ein in diesem Umfang bisher einmaliges Unterfangen, das es so an keiner anderen deutschen Ausbildungsakademie gibt.

Gesunde Grundsätze

Wie kam es zu dieser Fokussierung? Wie kam es dazu, dass die Ernährung so explizit in die konzeptionelle Ausrichtung der Schule einbezogen wurde? Am Anfang stand – natürlich – eine Untersuchung. Sie wurde 2014 durch Drittmittel ermöglicht und belegte empirisch, was man bis dato zwar immer wieder registriert hatte, aber eben nur «als punktuelle Beobachtung, eher gefühlt als analysiert». So beschreibt es im Gespräch Eileen Mägel, die Leiterin der Stabsstelle Strategische Hochschulentwicklung und Kommunikation der Hochschule. Ihre Aussage bezieht sich auf die mehr oder weniger latente Unzufriedenheit bei Schülern und Studenten, aber auch in Teilen der Elternschaft, was die Handhabung des Ernährungsthemas betraf. Offensichtlich bestand ein großes Bedürfnis nach Verbesserung, und die Hochschule zog daraus die Konsequenzen. Was mehr bedeutete, als einfach ein anderes Speiseangebot in der Kantine zu servieren. Tatsächlich ging es um die schrittweise Einführung eines ernährungsphysiologisch fundierten Gesamtkonzeptes.

«Wissen Sie, ich bin ja eine Strukturspießerin», lacht Mägel und setzt hinzu: «Aber in dem Fall fanden wir es wichtig, eine Strategie zu entwickeln und eine Systematik zu etablieren. Und dieses Vorhaben wollten wir planvoll verwirklichen.» Genau deshalb kam mit ­Marion Fischer eine Expertin, die daran ging, besagtes Gesamtkonzept zu erstellen, in Form zu bringen und umzusetzen, und zwar auf Grundlage der Vorarbeit, die Matthew Squire als Coach für Körperbewusstsein vorher geleistet hatte. «Es geht ja zuerst einmal darum», erklärt Fischer, «die Aspekte ins Bewusstsein zu rücken oder das Bewusstsein für die Aspekte zu schärfen, die sich um die Ernährungsfrage gruppieren. Da sind natürlich die biologischen Faktoren, das jeweilige Umfeld, das vorhandene Wissen und schlicht die Essensversorgung an sich. Das alles gilt es in seiner Gesamtheit und in den Wechselwirkungen untereinander zu berücksichtigen.» Richtig essen lernen, richtig kommunizieren. Auch im Schulalltag, in der Routine des Schulbetriebs ist das möglich. Das Schülerinteresse daran ist enorm, sagt Fischer. Und zwar bei Mädchen und Jungen gleichermaßen: «Sicher, da geht es auch um die Modellierung des individuellen Körperbildes. Gerade bei Tänzern, gerade bei Teenagern. Deshalb ist es enorm wichtig, dass nicht nur die älteren Studenten, sondern vor allem die jüngeren Schüler in dieser Hinsicht gesunde Grundsätze verinnerlichen. Psychisch und physiologisch.»

Dampfende Kochtöpfe

Aber wie geht das vor sich, wie läuft die entsprechende Bewusstseinsarbeit konkret ab? Marion Fischer sagt: «Hilfreich ist es, erst einmal auflisten zu lassen, was man isst. Über einen gewissen Zeitraum zu protokollieren, was jemand so über den Tag zu sich nimmt.» Protokollieren als erster Schritt zur Bewusstseinsmachung. Und dann? «Was gut funktioniert, ist, die Schüler aufzufordern mal ein gesundes Lebensmittel aufzuschreiben und eines, das sie favorisieren. Also eins, das sie wirklich gern essen.» Wenig überraschend: Der Unterschied zwischen «gesund» und «lecker» manifestiert sich im Zuckergehalt. Die Fragen, die daraus folgen, liegen auf der Hand: «Auf was kann, auf was muss ich verzichten? Und was kann ich mir gönnen, auch wenn ich es vielleicht nicht sollte?»

Das klingt erst einmal alles recht rational, weit weg von sinnenfreudigen Bekundungen à la Balanchine. Aber Ernährungsgewohnheiten und -bedürfnisse ändern sich. Die Zeiten auch. Eventuelle Entbehrungen sind hier und heute selbstgewählt. Von Bier und Weißbrot dürften Tänzerinnen und Tänzer inzwischen tendenziell eher weniger schwärmen. Zumindest nicht öffentlich. Abgesehen davon, dass Zwiebel- und Heringsduft sich auch beim Tanztraining nicht sonderlich gut machen. Es ist im Grunde ein Kulturwandel, der über die reine Esskultur hinausgeht, dem hier Rechnung getragen wird. Und doch bleibt da eine wesentlich Konstante. Die mag sich in dem hübschen Satz äußern, den Fischer einschlägig interessierten Eltern der Palucca-Schüler gern mit auf den Weg gibt: «Gönnen Sie Ihren Kindern die dampfenden Kochtöpfe.» Soll heißen: Es geht also auch hier um Genussfähigkeit, darum, Lust zu machen aufs und am Essen. Dem richtigen, versteht sich.

Die Praxis sieht vielleicht etwas anders aus als die Theorie. Denn die Essensversorgung mag selbst an der Palucca Hochschule noch nicht das gewünschte ernährungsphysiologische Optimum erreicht haben. Der Speiseplan liegt in der Hand des Studentenwerks, das aber, wie Mägel und Fischer mit Nachdruck betonen, ausgesprochen kooperativ ist, was die spezielleren Wünsche der Hochschule betrifft. Man passt sich eben auch dort an wandelnde Bedürfnisse an. Und außerdem dürften alle Studierenden von gesundem Mensa-Essen profitieren, nicht nur die Palucca-Schüler!

Der Leitfaden «Ausgewogene Ernährung für Tänzer» bei www.palucca.eu


Tanz Mai 2017
Rubrik: Serie: Ernährung, Seite 66
von Steffen Georgi