„Wie ein schönes illustriertes Buch“

Interview mit dem Lichtdesigner Christian Glatthor

Christian Glatthor traut sich was. Der Lichtdesigner hat das Handwerk von der Pike auf gelernt, ist Rock ’n’ Roller durch und durch – und macht doch alles anders. Für sein Bühnenkonzept zur „Prisma“-Tour von Rea Garvey ist er 2017 mit dem Opus – Deutscher Bühnenpreis ausgezeichnet worden und auch der Bühnenraum zur Folgetour „Neon“ (2018) hat viel Beachtung gefunden. Unsere Autorin sprach mit Glatthor, der im Rahmen der DTHG-Regionaltagung West im November 2019 in Bonn seine Konzepte vorstellte.

Räume schaffen für den Künstler und die Kunst ist sein Leitmotiv. Für die Tour „Prisma“ schuf er Leuchtobjekte aus Neonschnüren, die mit unterschiedlichen Farbwelten bespielt wandelnde Bilder und Atmosphären erzeugen. Mit unterschiedlichen Ebenen aus verschiedenen Projektionsstoffen und Installationen aus Neonröhren hat er für „Neon“ einen theatralen Kunstraum geschaffen. Christian Glatthor ist ein Kind des Ruhrgebiets und lebt in Essen – Gelegenheit, sich für ein Interview bei ihm zu Hause zu treffen.

BTR: Herr Glatthor, in unserem Fachmagazin beschäftigen wir uns überwiegend mit Licht in Theater und Oper. Sie setzen Pop und Rockmusik in Szene. Was wird denn da eigentlich ausgeleuchtet: die Songstruktur, die Texte oder die Künstler?
Christian Glatthor: Bei Popmusik geht es nicht nur um die Musik, sondern auch sehr viel um die Persönlichkeiten auf der Bühne. Was ist das für ein Mensch, der da auf der Bühne steht? Manche Künstler haben eine starke Aura und brauchen nicht so viel Ablenkung, andere haben Angst auf der Bühne. Die kann man mit dem Set- und Lichtdesign schützen, damit sie sich ein bisschen sicherer fühlen. Dann geht es natürlich darum, mit welcher Musikart ich es zu tun habe. Man würde nie Metal-Licht bei einer deutschen Pop-Band sehen. Ich versuche mich immer auf die Künstler, auf die Art der Musik und auf das, was sie aussagen, zu konzentrieren und einzulassen. Deshalb involviere ich die Künstler möglichst viel bei den Designarbeiten. 

Mit Rea Garvey ist es zum Beispiel ein sehr großes Pingpong-Spiel. Wir treffen uns, er spielt mir neue Songs vor, ich nehme das mit nach Hause und überlege, welche Räume dazu passen würden, das ist ein Entwicklungsprozess. Ich nehme mir Song für Song vor, schaue, welche Aussagen ich darin finde und wie ich die unterstützen kann. Dann schicke ich dem Künstler die Farbwelten, um herauszufinden, ob er das selbst auch so oder ob er eine andere Farbe sieht. Warum sieht er da eine andere Farbe? Das finde ich auch spannend.

Ich setze Farbwelten ein, um eine Geschichte zu erzählen, aber nicht, um zu zeigen, dass wir jetzt im Refrain sind. Die Show soll wie ein schönes illustriertes Buch sein.

Sie kommen aus der Clubszene und haben als Lightjockey angefangen. Worum dreht sich das Licht im Club?
Ich habe mit 14 angefangen, Partys zu organisieren und den technischen Part zu übernehmen. Mit 16 habe ich in der Königsburg in Krefeld Licht gemacht. Ich bin ein Clubkind der 90er-Jahre: melodiöse House-Musik, Minimal und Trance, Happy House. Heutzutage gibt es in der elektronischen Tanzmusik kaum Harmonien, der Beat ist vor allem schnell und sechs Minuten werden mit zwei Tönen bestritten. Bei so monotoner Musik ist es schwierig, Licht zu machen. Früher wurde das DJ-Set zwei Stunden lang aufgebaut. Du hast die Leute abgeholt, bis sie auf den Tischen tanzten, und dann hast du sie wieder runtergeholt. Es war weniger aggressiv.

Als ich in der Königsburg angefangen habe, gab es 100 kW konventionelles Licht – PARs, Scans und Laser. Ich hatte einen guten Lehrmeister, der mir sofort auf die Finger gehauen hat: Keine Scanner, kein Laser, die Tasten da unten sind erst einmal dein Spielraum. Da habe ich gelernt: Man muss nicht immer alles anmachen. Es geht darum, Spannung über den Abend aufzubauen und den Bogen des DJ-Sets zu begleiten.

In Bonn haben Sie Ihren Vortrag mit einem Foto begonnen – eine Band vor einem LED-Screen – und zeigten damit: „Seit wir das haben, läuft auf den Screens irgendetwas, das nichts mit der Musik zu tun hat.“ Das machen Sie anders und sind dafür 2017 mit dem Opus für Bühnenbild und Lichtdesign der „Prisma“-Tour von Rea Garvey ausgezeichnet worden. Was machen Sie anders?
Ich gestalte einen sehr untypischen Raum im Vergleich zu dem, was sonst gerade so auf Bühnen zu sehen ist. Mein Ansatz ist ganzheitlich. Ich sehe Räume nicht nur in Licht, sondern für mich sind haptische Räume wichtig. Ich komme mehr aus der Theaterecke, obwohl ich nie mit Theater zu tun hatte. Ich versuche immer, den Raum zu verändern, eine Möglichkeit zu finden, den Raum immer wieder anders gestalten zu können. Moving-Lights und Nebel bilden zwar auch Räume oder Lichtwände, aber das finde ich langweilig.

Nachdem ich die Informationen und Bühnenmaße habe, versuche ich darin einen Raum für den Künstler und die Musik zu schaffen, der nicht nach meinem Raum aussieht, sondern nach dem „Wohnzimmer“, der Spielstätte für den Künstler. Die stehen da ja drin und im schönsten Fall bekommt ein Musiker mehr mit als nur hell und dunkel. Im besten Fall spürt er den Raum.

Bei den letzten beiden Touren mit Rea Garvey gab es viele Ideen, die man vorher nicht visualisieren konnte. Bei der „Prisma“-Tour zum Beispiel habe ich den Raum mit Neonschnüren gestaltet. Die kannte ich noch aus der Techno‑szene. Ich weiß also, dass sie leuchten, wenn man sie anleuchtet. Wir hatten unterschiedliche Neonfarben benutzt – bei den insgesamt 2,8 km, die verbaut wurden. Jede Farbe der Schnüre hat eine unterschiedliche Wirkung, je nachdem, mit welcher Lichtfarbe sie beleuchtet wird, bezogen auf die farbige Beleuchtung, sodass die Bühne immer anders gewirkt hat, und man konnte sie sprichwörtlich auch wegleuchten. Wie das auf der Konzertbühne wirkt, kannst du aber vorher nicht visualisieren. Das heißt, bei mir entsteht noch viel auf der Tour. Ich entdecke immer neue Sachen, die man mit dem Set machen kann. Auf der vergangenen Tour habe ich noch für die letzte Show einen Song komplett neu programmiert. Ein Lichtdesigner ist ein Lichtdesigner bis zum letzten Tag der Tour. 

Sie haben nach Ihrem Fachabi eine Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik absolviert. Das machen heute viele. Wie sind Sie Ende der 90er zu dieser Ausbildung gekommen?
Eigentlich wollte ich BWL mit dem Schwerpunkt Medien- und Veranstaltungsmarketing an der FH Gelsenkirchen studieren. Dann habe ich für einen Party-Gig bei der TDA Rental GmbH in Bottrop Material abgeholt und der Chef fragte mich, ob ich nicht bei ihm eine Ausbildung machen wolle, es gäbe jetzt so eine Fachkraft für Veranstaltungstechnik. Ich habe das mit meinen Eltern besprochen, mein Vater meinte: „Mach doch. Studieren kannst du ja immer noch.“ Im Konzertbereich waren ja früher alle Quereinsteiger ohne Ausbildung, Stefan „Steve“ Todeskino hat mit 18 Jahren eine Firma aufgemacht, die heute eine der renommiertesten Technikfirmen ist. 

Ich war also zur rechten Zeit am rechten Ort. Im ersten Jahr tourte ich direkt mit HIM, mit den Guano Apes und mit New Model Army. Ich habe mir selber den Schuh beim Licht angezogen, weil die anderen nur Tonleute waren, und so kam eins zum anderen. Ich habe viel Glück gehabt und Steve hat mir viel Vertrauen entgegengebracht. Nach Feierabend habe ich das Lichtpult und die Scanner mit nach Hause genommen und bei mir im Zimmer damit gelernt. Drei Jahre lang durfte ich in meiner Ausbildung auf der Straße unterwegs sein, 80 Prozent Fehlstunden in der Schule, aber alle entschuldigt, krank war ich nie.

Sie gehören noch knapp zu einer Generation, in der man einfach Ton- oder Lichttechniker wurde. Wie schätzen Sie das professionelle Niveau in Ihrem Bereich ein, was hat sich positiv entwickelt und an welchen Stellen müsste unbedingt etwas getan werden?
Ich habe keine Visitenkarte, auf der steht, dass ich Fachkraft für Veranstaltungstechnik bin, und stelle mich so auch nicht vor. Das ist ja bei anderen Ausbildungen nicht anders. Nach drei Jahren Lehre als Schreiner kannst du auch nicht schreinern. Du bekommst vielmehr eine Idee davon, was möglich ist. Ich habe zwölf Jahre gebraucht, bis ich mich Lichtdesigner nannte. Heutzutage kommen die Leute aus der Ausbildung und machen sich eine Visitenkarte, wo Lichtdesigner draufsteht. Der technologische Fortschritt in der Branche ist ja riesig. Wir machen heutzutage Licht mit Real‑time-Rendering-Programmen am Computer, Netzwerk ist ein großes Thema, aber die Basics gehen verloren. Es gibt heute kaum noch Leute, die den jungen Menschen sagen, dass man A kennen muss, um Z zu machen. Die können tausendmal besser ein Lichtpult programmieren als ich, aber das sieht oft alles gleich aus. 

Sie haben noch analog gelernt und setzten für Ihre Lichtdesigns durchaus auch konventionelle Leuchtmittel ein, wie etwa die Neonröhren für die „Neon“-Tour von Rea Garvey. Was hat die Entwicklung von digitalen Netzwerken aus Ihrer Sicht für den Lichtbereich gebracht?
Ich bin 41 und habe 1999 im Konzertbereich angefangen. Alle Leute, die ab Mitte der 90er-Jahre die Entwicklung mitgemacht haben, die kennen noch alles. Sie brauchen heute einem Azubi keine PAR-Kanne mehr in die Hand zu drücken. Der sagt dann, was soll ich damit, die kann doch nichts. Aber auch im Konzertbereich ist es genauso wichtig, mit 24 kW konventionelles Licht wie im Theater mit einem Profiler ein Gassenlicht für Ballett zu machen. 

Ich war mal mit Iron Maiden auf Tour. Da hingen 360 kW konventionelles Licht. Klar, man ist als Techniker zwei Stunden auf der Traverse herumgeklettert und hat eingeleuchtet, aber das war einfach ein DMX-Kabel, was aus einem MA Lighting LCD 120 herauskam, und das war alles. Und das war auch Licht. Die Netzwerktechnik ist Fluch und Segen zugleich, denn wir haben kein Protokoll, das dieses Netzwerk vernünftig nutzen kann. Wir waren im Licht eher digital als der Tonbereich, sind dann aber stehengeblieben. Was im Audiobereich zum Beispiel alles mit Dante geht, davon sind wir meilenweit entfernt. Denn wir kämpfen viel mit hausgemachten Problemen bei den Produkten, etwa mit falschen Libraries oder unterschiedlichen Softwareständen. Du brauchst ganz viel Zeit für das Setup, bevor du kreativ sein darfst. Heute stellst du an einem einzigen Scheinwerfer erst einmal viele Parameter ein: Netzwerk-Protokoll, IP-Adressen, Subnetmask, DMX Universe, Startadresse, den Mode und jetzt nimm mal 300 Scheinwerfer mit …

Im Theater gibt es einen festen Plan mit Proben und Technischer Einrichtung. Die Bühnenbildner bauen vorher Modelle ihrer Räume. Wie probieren Sie Ihre Ideen aus und bereiten die Tour vor?
Bei der letzten Tour waren vier Tage Programmierung eingeplant, aber wir hatten so viele technische Probleme, dass ich dann nur noch eine Nacht hatte. Für Rea Garvey arbeite ich mit TDA zusammen. Die haben eine Probenhalle, die ist 30 x 30 m groß und da kann man einmal alles komplett aufbauen und proben, oder man probt vorher in der Arena oder dem Club ein, zwei Tage. Die heiße Phase läuft vier Wochen vor dem Konzert. Es kommt immer darauf an, wann ich ins Boot geholt oder ob ich kurzfristig angefragt werde. Nur selten hat man zwei Wochen, um alles vorher zu programmieren, das ist ja auch eine Kostenfrage. Wir bewegen uns im deutschsprachigen Raum, da hat eine Clubtour 20 bis 30 Konzerte und Arenatouren haben 10 bis 12 Konzerte, dann ist die Tour auch vorbei.

Sie entwickeln Ihre Konzepte aus der Auseinandersetzung mit der Musik, mit den Gefühlen, die die Künstler, den Text und Sound transportieren. Wie empfinden Sie die derzeit so angesagten Bühnenshows?
Als sehr unästhetisch. Das ist nur noch brachial, es geht nicht darum, eine Lampe, sondern 500 Lampen anzumachen und die 300 m² LED-Wand zu bespielen, alles muss sich immer drehen, wackeln und bewegen. Das ist keine Ästhetik, das ist eine Massenschlacht.

Was inspiriert Sie?
Neue Materialien und Experimente. Ich besuche kleine Clubs und überlege, ob das im Großformat auf großen Bühnen auch funktionieren würde. Ich glaube, dass ich ein Talent für Raumgestaltung habe. Das kann auch bedeuten, dass ich alte Ideen neu interpretiere. Neuerdings gehe ich auch ins Theater, aber auch vorher habe ich schon oft das Feedback bekommen, dass meine Bühnendesigns sehr vom Theater inspiriert wirken würden. 

Woran arbeiten Sie aktuell?
Mit Rea Garvey werde ich dieses Jahr „Rock am Ring“ und „Rock am Park“ in Nürnberg machen. Vorher steht noch eine kleine Clubtour im Kalender. Darüber hinaus habe ich gerade sehr viel mit dem Tracking-Verfolgersystem „Follow-Me“ (Anm. d. Red.: siehe BTR 4/2019) zu tun, weil ich mich sehr früh damit beschäftigt habe. Ich gebe dazu viele Schulungen, denn im Moment bin ich der „Nerd“ in Deutschland für „Follow-Me“.

Sie sind auch Konzertfotograf.
Als Lichtdesigner erschaffe ich Momente und als Fotograf möchte ich gerne Momente transportieren. Ich fange Gefühle ein und möchte diese den Betrachter spüren lassen. Gerne und oft setzte ich dabei auf Schwarz-Weiß-Varianten und lasse die Fotos auch etwas analog aussehen, damit der Betrachter sich auf den Moment fokussieren kann, da Farbe sehr stark ablenken kann.

Was ist Licht?
Viel mehr als ein Scheinwerfer. Was im digitalen Zeitalter gefühlt, aber irgendwie ein bisschen verloren geht. Für mich ist es eine Passion, jungen Menschen zu vermitteln, dass wir die Kunst inszenieren und nicht die Technik, das Publikum soll den Künstler sehen, nicht den Scheinwerfer. 

Antje Grajetzky studierte Musikwissenschaft, Germanistik und Politik in Bochum und ist ausgebildete Tontechnikerin und Meisterin für Veranstaltungstechnik. Sie lebt und arbeitet als freie Kulturjournalistin und -managerin im Ruhrgebiet. Schwerpunkte: Musik und Sound, Bühnenproduktionen auf der Schnittstelle
zwischen Kunst und Technik, Kulturförderung und kulturelle Bildung.


BTR Ausgabe 1 2020
Rubrik: Thema: Licht & Ton, Seite 18
von Antje Grajetzky