Was für Menschen!

Bernhard Minetti über Peter Zadeks triumphale Münchner Inszenierung des «Baumeister Solneß» mit Hans Michael Rehberg

Hans-Michael Rehberg ist am 7. November 2017 im Alter von 79 Jahren in Berlin gestorben. Er wurde am 2. April 1938 in Fürstenwalde bei Berlin geboren. 

Rehberg studierte an Folkwang-Schule in Essen Schauspiel. Später arbeitete er an den wichtigsten Theatern in Deutschland, Österreich und mit den Regisseuren Ingmar Bergman, Luc Bondy, Andrea Breth, Dieter Giesing, Franz Xaver Kroetz, Hans Lietzau, Claus Peymann, Volker Schlöndorff, Peter Stein und Peter Zadek.

In Film und Fernsehen spielte er u.a. bei den Regisseuren Klaus Maria Brandauer, Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge, Wolfgang Petersen, Ulrich Seidl, Steven Spielberg und Margarethe von Trotta; aber auch in Serien wie „Pfarrer Braun“.

Woran liegt es, daß das, was so einfach, so leicht (schwebend) aussieht und das doch so schwierig ist, faszinierend und immer überzeugender in Erscheinung tritt – wenn ich die Münchner Aufführung des «Baumeister Solneß» nach vier Wochen aus der Erinnerung betrachte?

Ich meine, daß es sich, vom Feinsinnigen und Fühlsamen abgesehen, um das Wissen handelt. Der Regisseur Zadek weiß vom Stück: er entkleidet es seines fatalen Symbolismus'; er weiß von Ibsen, seinem Autor, wie dem zu leben war, als er es schrieb. Und sicher weiß er, Peter Zadek, von sich selbst und von seinen Schauspielern. Weiß von ihrem Wesen, ihren Fähigkeiten. Er hat sie, da sie jeder für sich, Hans Michael Rehberg, Barbara Sukowa, Annemarie Düringer, wunderbare Schauspieler sind – kraft Handwerk und Persönlichkeit –, zu ihren Mühelosigkeiten geführt.

Sie spielen schier übergangslos ihre Gefühle, ihre Gedanken zum Partner hin, ihre Verfassung, ihre Absichten, ihre Ziele. Ihre Nöte, ihre Sehnsüchte. Ihre Ängste, ihre Verkürzungen, ihre Unfreiheiten, ihre Bedrohungen, ihre Forderungen, ihren Kummer. Ihre kurzen Freuden. Wohin zur Freiheit? Wohin zu sich selbst?

Am Schluß des Stücks: Tod, Leere, Last. Eine bittere Tragödie. Im einzelnen: da ist die Titelrolle. Ein Mannskerl (sozusagen), ein vernarbter Bauer eigentlich; der Höhepunkt ist überzogen, der Baum spürt die Spitzen seiner Äste dürren; alsdann in tiefen Ängsten (gegenüber der Jugend). Bärbeissig, wie fleischlich aber seine Augenlider; wie genüsslich und gekonnt er die Zigarre schmauchend handhabt; er baut ein Haus – sinnlos – , in dem er nicht «leben» wird, dies weiß er: da die große Irritation: «Sie»!

Flirrend, jungheiß, Gewittersturm im Frühling, reißt hoch, reißt hin. Eine knappe Szene brennen die beiden, verzehrt. Weiter. Der Turmstieg ein sinnloser Vollzug. Und die Pflichtversessene, Zerrissene von Anbeginn des Stückes, die Ehefrau, still gehärmt, grotesk, ergreifend, sie bleibt. Der Wander-Vogel, der süße, berstend verwirrende, zärtliche, kraftstrotzende – wird er seine Flügel behalten? G e s t u t z t . . . Bleibt ihr Aphrodite? Kaum. Da Zeus tot, Juno unfruchtbar, bleibt die nicht vorgezeigte Leiche; der unbedarft in Ungerührtheit sieghafte Junge.

Es bleibt – solang wir uns erinnern: das Schauspiel, das wir sahen. Die Lebendigkeit Theater. Die sichtbar gemachten Gefühle. Triebe, Wahrheiten. Verlorenheiten. Glücksmomente. Zu danken: dramaturgisch der sprechbare Text, die Mentalität des Heute (Zadeks und Gottfried Greiffenhagens Übersetzung). Dekor: kleine Räume, Spielflächen im Riesenraum der steilhohen, bösen Wände; das Mobiliar auf Götz Loepelmanns Bühne bezeichnend (historisch) und benutzbar. Der Prospekt: wilder Gletscher, romantisch-nordisch.

Zuerst setzte ich, mich zu wehren, Botticellis «Venus» dagegen. Jetzt nicht mehr. Zu danken den Kollegen, die Leben brachten, teils prächtig bajuwarisch: der hilflose Helfer (Fritz Strassner), der betroffen machende gezeichnete Kranke (Toni Berger), das verwendete Mädchen (Beate Finckh), der zäh unbedingte Junge (Paulus Manker).

Was für Menschen; dieser Ibsen! Glücklich, «so viel Leben im Schauspiel zu betrachten», ist Minetti.

Aus „Theater 1983“, in dem Hans-Michael Rehberg zum Schauspieler, Barbara Sukowa zu Schauspielerin und Peter Zadeks Inszenierung von Ibsens «Baumeister Solneß» zur Aufführung des Jahres gewählt wurden.