Von Athen lernen – 100 Tage documenta

Der erste Teil der großen Kunstausstellung in der griechischen Hauptstadt

Die documenta ist die bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst weltweit. Im Jahr 1955 in Kassel gegründet, findet sie mittlerweile alle fünf Jahre statt. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte gibt es zwei Ausstellungen, die erste Station war Athen vom 8. April bis zum 16. Juli. Der zweite Teil eröffnete am 10. Juni in Kassel, ebenfalls für 100 Tage. Die Grenzen in der Kunst sind fließend, und so waren auf der documenta 14 in Athen auch Performances, Ton- und Lichtinstallationen zu sehen.

Dass die krisengeschüttelte Stadt am südöstlichen Rand Europas in diesen Monaten das Publikum anziehen kann, beruht auf der Idee des 1970 in Polen geborenen Kurators Adam Szymczyk. Sein Konzept, das große Kunstlabor documenta auf den geografischen Kreuzungspunkt von Europa, Asien und Afrika auszudehnen, hatte die internationale Findungskommission 2013 überzeugt. Denn jede documenta solle auf ihre Art das globale Gespräch über Kunst in neue Bahnen lenken, so einer der Grundgedanken. Die Krise in der Region hatte sich zunehmend ausgeweitet, Tausende Menschen aus Kriegsgebieten in Nahost und Afrika hatten sich längst nach Westen und Norden auf den Weg gemacht. Die 14. Ausgabe der documenta versprach also, am Puls der Zeit aufzuschlagen – heraus aus der Komfortzone Kassel, hinein in die Problemzone Athen. Nun ist Szymczyk, der bis 2014 Direktor der Basler Kunsthalle und 2008 Co-Kurator der Berlin Biennale war, künstlerischer Leiter zweier Ausstellungen. Dieses Konzept bietet eigentlich gute Voraussetzungen für eine Kunstschau, die als Seismograf aktueller Kunstentwicklungen gilt, sie kamen aber bei vielen nicht gut an. Die Öffentlichkeit ließ man lange rätseln, welcher Art diese Ausstellung wohl wird. Die griechische Kunstszene fühlte sich übergangen. Deutschland ist in der griechischen Wirtschaftskrise, die in Hellas auch eine gesellschaftliche ist, nicht unbedingt gern gesehen. Adam Szymczyk ist zudem ein Mann der leisen Töne, zurückgezogen und auf die Arbeit konzentriert. Es war nicht einfach, diese Doppelstruktur in Athen und Kassel durchzusetzen.

Echoräume vor Graffiti und bis in die Antike

Seit September 2016 war wenig Konkretes und viel Theoretisches im Vorfeld durchgesickert, obwohl schon Programme, Performances und Gespräche in Athen einen Vorgeschmack geben sollten. Doch immer mehr kristallisierte sich heraus, wie konsequent das documenta-Team seine Arbeit entwickelte. So wurde für das Programm „Parlament der Körper“ schon mit dem Kulturzentrum im heute beschaulichen Parko Eleftherias ein geschichtsträchtiger Ort bespielt: Es war einst das Hauptquartier der Militärpolizei mit Foltergefängnis, wo 1973 nach der blutigen Niederschlagung der Studentenrevolten im Polytechneion Menschen eingesperrt wurden. Das ist deshalb von Bedeutung, weil beide Orte, das Polytechneion sowie der „Freiheitspark“ (Eleftherias heißt Freiheit), von der Athener documenta bespielt werden. „Das gehört zu unserem Narrativ durch die Orte“, erklärt Marina Fokidis. Die Griechin leitet das Athener documenta-Büro.

So liest sich die Liste der Orte wie eine eigene Geschichte, Institutionen wurden als Partner gewonnen: das Nationale Archäologische Museum, das im aufmüpfigen Viertel Exarchia liegt, das Benaki-Museum, das neue Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst (EMST), die Kunsthochschule ASFA auf dem Weg nach Piräus und das Konservatorium Odeion sowie Bibliotheken. Neben Plätzen, Straßen, Hügeln, im Lärm und vor geschlossenen, Graffiti-besprühten Läden sind sie nun, wie auch das antike Erbe und ihre Mythologien, die Echoräume dieser documenta.

Kunstliebhaber, Kulturreisende, viele Menschen und Akteure in Athen profitieren davon. Auch wenn die Kritik in den beiden Vorbereitungsjahren nicht verstummen wollte, so stellte sich spätestens an den Eröffnungstagen im April heraus, wie bereichernd diese Schau für die Stadt ist. „Von Athen lernen“ hieß der Arbeitstitel, als Motto ist er geblieben. Als publizistisches Organ und Ideenplattform fungiert das Magazin „South“. Von Marina Fokidis 2012 gegründet, erscheint es vierteljährlich. Der Süden versteht sich dabei als „A State of Mind“, als ein Bewusstseinszustand, der das Sehen, Hören, Lesen, Fühlen, Denken, Handeln miteinschließt.

Er beinhalte aber auch das Verlernen, sagt Adam Szymczyk: „Überlassen wir das Handeln nicht den anderen. Werden wir selbst aktiv.“ Darum geht es in dieser extrem politischen documenta. Auf dem Programm stehen Theateraufführungen, Radiosendungen, Konzerte und mehr. Der Lebenszyklus von Kunstwerken, das Sterben ganzer Industrieregionen, die Produktion unter den Bedingungen des globalen Handels, der Konsum und indigene Kulturen finden so zueinander.

Jede Tour ist ein Gewinn

Szymczyk hat sich dazu starke Kuratoren ins Boot geholt, wie den Franzosen Pierre Bal-Blanc, den Deutschen Hendrik Folkerts und auch den Kameruner Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, der in Berlin den Kunstraum SAVVY Contemporary betreibt. Er betrachtet Kunst aus einer lange marginalisierten, nicht-westlichen Perspektive und treibt den postkolonialen Diskurs voran. Athen sei für ihn wie ein Prisma, sagt er im Gespräch, durch das man die ganze Welt sehen kann. Ndikung leitet zudem das documenta-Radio, das – eine Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur – bis zum 17. September auf Sendung ist und den lautmalerischen Titel „Every Time A Ear di Soun“ trägt. Je 21 Tage lang senden Künstler nach und nach aus acht Ländern weltweit Programm, über Internet und Kurzwelle. Klangkunststücke reisen als Radiowellen schnell und überwinden physische Grenzen – aus Griechenland, Indonesien, Kolumbien, Kamerun, Berlin, Washington D. C., Beirut. So läuft die documenta 14 auch im Äther und mit den großen Ausstellungen und mit umfangreichem Musik- und Performanceprogramm selbst wie ein Kontinuum.

Ein einziger Rundgang kann bei der schieren Menge und den verschiedenen Orten natürlich nicht ausreichen. Jede Tour erweist sich – im Sinne des Aristoteles ein „Peripatos“ – als ein Lernen, das in der Bewegung Körper und Geist im Einklang hält. So findet sich bereits im Odeion im Amphitheater aus kahlem Beton in der grandiosen Soundarbeit von Emeka Ogboh eine erste Station für kritische Auseinandersetzung. Der Nigerianer durchstöberte Archive nach Informationen zu Finanzkrisen von 1929 bis heute, um diese dann von einem griechischen und einem Igbo-Komponisten vertonen zu lassen. Diese kurzen Geschichten, die von den Widrigkeiten des Kapitalismus erzählen, kreisen nun als polyphone Gesänge in der Arena aus Lautsprechern, während an der Wand eine Echtzeit-LED-Anzeige des Welt-Aktienindizes die Börsenkurse vorbeiziehen lässt.

In der Halle daneben hängen Fotografien von Akinbode Akinbiyi: aus Kapstadt, Berlin, Kassel, Nigeria – Bilder über die Spiritualität des Daseins. Und unter dem Treppenaufgang, wie im Unterschlupf, läuft das Video „Blind as the Mother Tongue“ von Hiwa K. Er reflektiert darin seine eigene Flucht und Reise aus dem kurdischen Teil Nordiraks nach Westen, über Athen. Als eine Besucherin die Kopfhörer ablegt, weint sie. Da muten Nevin Aladags Musikmöbel in der oberen Halle, auf denen gerade musiziert wird, geradezu banal an.

Riesige Masken und verbrannte Schriften

Mit dem Taxi erreicht man zügig das EMST an der Syngrou Avenue. Dort beeindruckt ein ganzer Raum voller riesiger Masken von Beau Dick. Er verstarb im März, war Künstler und Häuptling vom Stamm der Kwakwaka'wakw in Kanada. Seine rot-weiß-schwarz-grünen Tier- und Menschenköpfe aber leben hier auf und werden in Performances verwendet, was sie nahe ihrer eigentlichen, der rituellen Bestimmung bringt.

In einem weiteren Saal des EMST beherrscht der Film von Wang Bing eine der größten Leinwände: Der Chinese beobachtet die Arbeit in einer Schneiderei  in Echtzeit – stundenlang rattern die Nähmaschinen. Auch die Arbeit der deutschen Konzeptkünstlerin Maria Eichhorn findet sich in dem vierstöckigen Gebäude der ehemaligen Fix-Brauerei: In der obersten Etage verwandelt Eichhorn ein Athener Haus von 1928 in eine Immobilie ohne Eigentümer, damit es ungenutzt vor Gentrifizierung geschützt bleibt. Ein Widerspruch, denn tritt man danach auf die Dachterrasse und wirft einen Blick über das Häusermeer, fällt er auf das reale Bild, den Look der Stadt aus Leerstand, Zerfall, bankrotten Geschäften, Graffiti. Auf eine Metropole der Existenzängste, auf die gelebte europäische Krise.

Ganz anders fühlt es sich in der Gennadius-Bibliothek im Athener Kolonaki-Viertel an. Am Steilhang des mit Villen bebauten Hügels Lykabettus spürt man noch das Flair von Bildungsbürgertum. Drinnen herrscht eine ruhige Arbeitsatmosphäre. In dem hohen Lesesaal sitzen Menschen allen Alters an Tischen, entlang der Regale stehen zwei längliche Tischvitrinen. In einer lagert ein einzigartiger Schatz: Buchseiten von Schriften aus Timbuktu, jener Stadt in Mali, die einst Zentrum der geistigen Welt und Philosophie Afrikas war. In die Schlagzeilen kam sie, als die terroristischen Boko Haram mit ihrer Zerstörungswut über sie herfielen und viele der jahrhundertealten Kulturschätze vernichteten.

Nun liegen in der Vitrine daneben buchgleiche Artefakte zeitgenössischer Prägung, die sich auf die alten Schriften beziehen. Sie sind Teil der Galerie Medina, ein Projekt, das Igo Diarra in Bamako mit Kunststudenten gemacht hat. „Learning from Timbuktu“ ist die Antwort auf den Gedächtnisverlust durch die Verbrennung der Schriftschätze. Er komme aus einem Land mit einer anderen Art von Krise, sagt Diarra, als wir uns in den Kolonnaden der Bibliothek zum Gespräch hinsetzen, und er fügt hinzu: „In Afrika haben wir keine Zeit mehr, faul zu sein.“

Theater, Flucht und der „griechische Blues“

Und irgendwo in der Stadt wispern die Lautsprecher, die Pope L versteckt hat, geheime, versponnene Gerüchte. Das alles hat Platz auf der documenta 14. Wie auch das Theater. So konfrontiert uns die Schweizer Choreografin Alexandra Bachzetsis in dem kleinen, klassizistischen Stadttheater von Piräus in „Private Song“ mit ihrer eigenen Geschichte. Ihr Name lässt es erahnen: Der Vater ist Grieche. Aufgewachsen ist die Künstlerin in Zürich, zu Hause fühle sie sich weder hier noch dort. Es sei ein Zurückkommen zu den Wurzeln, die sie nicht kenne, sagt sie.

Ähnliches mussten Griechen aus Anatolien in den Zwanzigerjahren durchmachen. 1922 fand ein Bevölkerungsaustausch zwischen Griechen aus der Türkei und in Griechenland ansässigen Türken statt. Kriterium des Austauschs war die Religion: Christen galten als Griechen, Moslems als Türken. Eine brutale Unterscheidung, war es doch oft umgekehrt. Dieser Gau wird in Griechenland als „Kleinasiatische Katastrophe“ bezeichnet. Griechische Flüchtlinge strömten in die Großstädte und wurden als Fremde im eigenen Land angesehen.

Als Reaktion auf diese Ablehnung hat sich eine Subkultur namens Rembetiko gebildet, der „griechische Blues“. Diesen setzt Alexandra Bachzetsis’ Performance in Geschlechter-überschneidenden Rembetiko-Tänzen um. Dass die Aufführungen im Piräus-Theater stattfinden, ist kein Zufall: 1922 wurde das Haus temporär zum Flüchtlingsheim. So schafft Bachzetsis ein lebendes Archiv sozialer Partituren im Hafenviertel von Athen.

Im Benaki-Museum begegnet uns dann Hitler in der satirischen Arbeit „Leben und Sterben als Eva Braun“ des Israelis Roee Rosen. Der Maler und Autor erschafft Comic-haft das Intimleben im Führerbunker als surreal künstliche Vergangenheit. Miriam Cahns radikale Grafitzeichnungen zeigen Folter und Grauen – im größten Privatmuseum Griechenlands, das exquisite Kunstwerke aus allen Epochen präsentiert. Zum Benaki gehört auch das Museum für Islamische Kunst im Keramikos-Viertel. Hier hat die Libanesin Mounira al Solh eine ergreifende Installation eingerichtet: Ein Zelt, bestickt von Frauen in den Flüchtlingslagern ihrer Heimat, als symbolischer Zufluchtsort für durch Kriege Entwurzelte. Es umhüllt einen Tisch mit Buchseiten, auf die al Solh die Geschichten der Migranten geschrieben hat, denen sie zuletzt in Athen und Kassel begegnet ist.

Kunst als materialisierte Geschichte

Von hier aus wandert man am besten auf den ruhigen Philopappos, den Musenhügel mit Blick auf die Akropolis. Kurz vor der Anhöhe steht Rebecca Belmores handgemeißeltes Marmorzelt. Die Kanadierin hat hier ein Denkmal auf Zeit geschaffen, aus lokalen Materialien. Es verweist auf die Wigwam-Unterkünfte, die Teil von Belmores indigener Geschichte sind, und steht für einen Zustand, der für viele einen permanenten Notfall, ein behelfsmäßiges Obdach darstellt.

Zu Füßen der gewaltigen Akropolis war ein weiterer Künstler unterwegs, der in Rumänien geborene Daniel Knorr, der als Archäologe Ort und Zeit wirklich anpackt. Er machte sich aber nur an der obersten, der jüngsten Schicht zu schaffen. „Die Stadt drückt alles, was sie absondert, an ihre Ränder“, sagt Knorr und sammelt in den Vororten der Vier-Millionen-Metropole Spielzeug, Foto-Alben, Pässe oder Revolverhalfter ein und die gelben laminierten Bezugsscheine, auf denen mit der Lochzange markiert ist, ob ein Flüchtling schon seine Ration Windeln, Zahncreme und Toilettenpapier erhalten hat. So türmt sich im Innenhof des Konservatoriums Odeion ein Berg Müll, aus dem er Fundstücke auswählt, die er mit schwerem Gerät zwischen Buchseiten presst, als Archäologe, Historiker, Verleger und Autor in Personalunion. In „Materialisation“ zeichnet sich die Gewalt ab, die in jeder Geschichtsschreibung steckt. Nur wenige Werke drehen so am großen Rad wie Daniel Knorrs.

Die documenta 14 ist ein vielschichtiges monumentales Ereignis. Selten zeigte sich die Kunst so weit und offen. Adam Szymczyk, einer der schärfsten Denker und präzisesten Kuratoren der Gegenwart, hat viel von seiner Autorität aufgegeben zugunsten einer von Respekt und Vielstimmigkeit beherrschten Atmosphäre. In Athen freuen sich viele, dass sie die documenta in ihrer Stadt erleben können. Sie schafft auch Arbeitsplätze, eine Reise nach Kassel könnten sich die wenigsten leisten. Ob die documenta ihren eigenen Anspruch auf Veränderung erfüllt, wird sich an ihrem zweiten Teil erweisen, in Kassel. In Athen hat sie bereits bewirkt, dass die Künstler dort neue und wohl auch nachhaltige Netzwerke bauen mit Kreativen, die aus aller Welt in die Stadt kommen, und oft auch bleiben.


English version: Please download the BTR app or visit www.der-theaterverlag.de

 


BTR Ausgabe 3 2017
Rubrik: Foyer: Aktuell, Seite 6
von Irmgard Berner