Getrieben

Jonas Kaufmann stößt bei seinem Debüt als Verdis Otello an Grenzen, das eigentliche Ereignis in Londons Royal Opera House: Antonio Pappano

Das vielleicht Schönste an dieser Premiere ist die Rückkehr zum Wichtigsten. Zur nie endenden Diskussion darüber, wie Giuseppe Verdis «Otello» musikalisch beizukommen sei, genauer: wie der ideale Titelheld klingen sollte.

Kompositorische Absicht und Rezeptionsgeschichte, die vokale Situation anno 1887 und die Herausbildung eines Geschmacks, in dem das Klangstahlbad des Verismo widerhallt, nicht zuletzt Veränderungen der orchestralen Spieltechnik – was will gegen all diese Themen Regie noch ausrichten? Dass der Otello eine Fortsetzung des Heldenbaritons nach oben ist, hat sich als common sense herauskristallisiert; Beleg hierfür mag eine Sentenz von Attila Csampai sein: «Die Seele eines Tenors verbirgt sich hinter der schroffen baritonalen Geste.»

So gesehen würde im aktuellen Fall doch alles passen. Das dunkle, erdige Timbre, die druckvolle bis harte Tongebung, eine Dramatik als permanente tour de force: eigentlich logisch, dass Jonas Kaufmann den Mount Everest (nicht nur) des italienischen Fachs besteigt. Und das Ganze auch noch nach einer Zwangspause, in der – das wird jedenfalls offiziell mitgeteilt – Blutergüsse auf den Stimmbändern auszuheilen waren. Lohengrin in Paris, Andrea Chenier in München und nun das Otello-Debüt in London – ein Reha-Programm sieht anders aus. Doch Kaufmann, das bewies er am Royal Opera House, ist wieder da. Das Vorsichtige beim Chenier, der ständige und wohl zwangsweise Tritt auf die Bremse: Fast nichts mehr davon  ist zu spüren. Das elektrisierende «Esultate» ist eine Ansage. Das so gefährliche, weil offenliegende F von «E tu m’amavi» wird fast unverspannt angesetzt, beim As von «Venere splende» rettet sich Kaufmann nicht ins Sicherheitssäuseln – gerade in solchen Momenten scheint er sich wohlzufühlen.

Doch dann mehren sich die Zweifel. Weniger, weil da ein Ton gefährdet oder getrickst wäre. Doch  beim «O gioia» am Schluss des «Dio mi potevi» und auch bei späteren Ausbrüchen müssten eigentlich die Wände wackeln. Das Aufbäumen, der (ja nur behauptete) Triumph, die eruptive Wut, all das ist nicht adäquat zu hören. Kaufmann fehlt für die Rolle die souveräne Geste im Dramatischen, Grandezza auch im Gebrochenen. Das ist nicht unbedingt eine Frage der Lautstärke, sondern jenes Quäntchens Restpotenzial, das eine Jonglage mit der Rolle erlaubt, die Partie musikalisch nicht nur als Arbeit, als (in diesem Fall grundehrliche) Tenormaloche abbildet. Vielleicht – mag es Kaufmanns eigene Reflexion sein oder doch, dann aber überraschend, eine Idee des Regisseurs – passt ja gerade die so andere Charakterzeichnung. Dieser Otello ist kein herrischer, selbstgewisser Gebieter, eher ein Getriebener, ein Zauderer. Sogar beim Morden zögert er. Am Lager der schlafenden Desdemona holt er mit dem Säbel aus, legt ihn aber unschlüssig wieder weg. Und wenn er ihr dann ein Kissen aufs Gesicht drückt, ist auch das nur verzweifelter, unvollkommener Affekt.

Interessante Momente, gewiss, doch verlieren sie sich im Rest. Regisseur Keith Warner tut so, als sei den Londonern Avanciertes nicht zumutbar. Weil das Stück schwarz ist (aber, ganz politically correct, nicht der Titelheld), spielt alles in einem hohen schwarzen Raum. Die Tuttiszenen driften ins Oratorische, ansonsten wird gut abgehangenes Schreit- und Gestenrepertoire praktiziert. Nach der Pause glimmt Ambition auf. Jago erstickt Otello beinahe mit einer dunklen Maske. Einmal wird ein Löwendenkmal durchs Bild gezogen, das später – Vorsicht, Zaunpfahl! – zerborsten auf der Szene liegt. Andere täuschen mit rotierender Drehbühne Aktion vor – Bühnenbildner Boris Kudlička erledigt das mit verschiebbaren Wänden. Im letzten Bild fährt rumpelnd Desdemonas weißes Schlafgemach herein; bei den Musicalbühnen nebenan flutscht so etwas professioneller.

Kaufmanns Kollegenkorona ist achtbar bis gut. Desdemonas Seelentöne vermisst man bei Maria Agresta. Statt fein Lasiertem gibt es Kühl-Herbes an der Grenze zum dramatischen Aplomb – auch das hätte man zur Figurenzeichnung nutzen können. Als Jago ersetzt Marco Vratogna den unter merkwürdigen Umständen aus der Produktion gekickten Ludovic Tézier. Vratogna tut alles, um sich in den Mittelpunkt zu spielen und zu singen. Doch sein graustimmiges Nuancenspiel hat etwas Gewolltes, Überprononciertes. Eher ein bissiger Luftikus denn ein gefährlicher Intrigant. Dass bei alledem Cassio aufgewertet wird, liegt an Belcantist Frédéric Antoun – und an der quasi natürlichen Attraktivität der Rolle.

Das eigentliche Ereignis des Abends ist, wie Antonio Pappano auf all dies reagiert. Londons Musikdirektor ist nicht nur ein Polyglotter, was die Auseinandersetzung mit Verdi, Rossini, Berlioz oder Wagner betrifft. Auch im Mikrokosmischen einer Partitur bedient Pappano souverän Strömungen, Stile und unterschiedlich gelagerte, sich überblendende dramatische Situationen. Pappano dreht auf, wo es sein darf, doch ist das nie Imponiergehabe.

Man registriert viel in diesem «Otello»: eine fast lakonisch ausgestellte Dramatik, trocken Rhythmisiertes, Details, die nie zu aufdringlich formuliert werden, eine hohe Umdrehungszahl selbst im Lyrischen. Nichts, das arbeitet Pappano mit dem Orchester und dem sehr genau reagierenden Chor heraus, ist hier im Reinen. Wieder einmal wird klar, warum sich die Stars diesen Dirigentenpartner in heiklen Situationen erwählen. Jonas Kaufmann hat das 2015 beim Londoner «Andrea Chenier» getan, im selben Jahr bei der «Aida» in Rom und nun eben beim «Otello». Ganz nachklanglos ist übrigens die Partie des Radames offenbar wieder aus seinem Repertoire verschwunden, Manrico wohl ebenfalls. Nachdem der Gipfel bestiegen und abgehakt ist, würde dies auch bei der aktuellen Debütpartie nicht überraschen. Zur Otello-Liga eines Vinay, Cossutta oder Domingo wird Kaufmann nie aufschließen. Und könnte sich nun den Referenzpartien Alvaro, Don Carlos, Des Grieux oder Cavaradossi zuwenden.


Verdi: Otello
LONDON

Premiere am 21. Juni 2017

Musikalische Leitung: Antonio Pappano
Inszenierung: Keith Warner
Bühne: Boris Kudlička
Kostüme: Kaspar Glarner
Chor: William Spaulding
Solisten: Simon Shibambu (Montano), Frédéric Antoun (Cassio), Marco Vratogna (Jago), Thomas Atkins (Roderigo), Jonas Kaufmann (Otello), Maria Agresta (Desdemona), Kai Rüütel (Emilia), Thomas Barnard (Herold), In Sung Sim (Lodovico)

www.roh.org.uk 


Opernwelt August 2017
Rubrik: Im Foucs, Seite 6
von Markus Thiel