Theater sehen, hören – und jetzt auch riechen

Gerüche inszenieren und direkt ins Unterbewusstsein treffen

Der Einsatz von Multimedia am Theater ist mittlerweile Standard geworden, um die Sinne auf vielen Ebenen anzusprechen. Was aber passiert, wenn wir Theater auch riechen können? Steht es am Anfang einer neuen Ära, wenn auch die Gerüche ein Wort mitreden dürfen? Die Pariser Regisseurin Violaine de Carné inszeniert, in Zusammenarbeit mit der Biochemikerin Laurence Fanuel, olfaktorische Theatererlebnisse. Das riecht nach mehr! 


Der Wunsch, dem Zuschauer ein multisensorielles Spektakulum zu bieten und ihn mit Haut und Haar in das Geschehen einzubinden, wird immer stärker.

Helfen könnten dabei bald vermehrt die Recherchen der Biochemikerin Laurence Fanuel, die mit der Kompanie Le TIR et la Lyre die Entwicklung eines olfaktorischen Theaters vorantreibt. Bisher stand der Geruchssinn selbst im Mittelpunkt ihrer Theaterstücke. In „Parfums de l’âme“ ist er der Weg zurück zu verlorenen Erinnerungen und eröffnet den sechs Figuren die Möglichkeit, mit abwesenden Personen in Kontakt zu treten. Da wird dem Geruch nicht nur zugestanden, wie ein „Madeleine de Proust“ – bei ihm über den Geschmackssinn – verdrängte Erinnerungen ins Bewusstsein zurückzuholen, das Olfaktorische besitzt hier geradezu übernatürliche Kräfte. Und „L’Encens et le Goudron“ (Weihrauch und Teer) zeigt, wie Patienten, die aus dem Koma erwachen, über Musik und Gerüche ihr Gedächtnis reaktivieren. In diesem Stück ist auch ein Parfüm-Jockey (Emmanuel Martini) auf der Bühne, der die Essenzen verbreitet. 

Das Know-how von Fanuel, die sowohl im Chemiekonzern Procter & Gamble als auch in der Parfümindustrie Erfahrungen sammelte, trifft auf jenes von Violaine de Carné, die bei den größten Regisseuren des französischen Theaters (von Ariane Mnouchkine bis Jean-Pierre Vincent) und auch im Kino (u. a. mit dem tunesisch-französischen Regisseur Abdellatif Kechiche) zur Regisseurin reifte. Die Zusammenarbeit der beiden bildet eine außergewöhnliche Fusion von wissenschaftlicher Forschung und Bühnenkunst. 

Dem Zuschauer bieten die zwei ein neuartiges Theatererlebnis, das allerdings auch zu dessen Verwirrung beitragen kann und im Innersten einen Sturm der Emotionen auslöst, der auf einer unerwartet intimen und persönlichen Ebene stattfindet. Denn der Zuschauer geht unter anderem mit seiner Nase in eine Vorstellung, ist sich dessen aber gar nicht bewusst. Es geschah ja bisher im Theater auch so gut wie nichts, um den Geruchssinn in Erinnerung zu rufen. 

Wenn überhaupt, dann erwischte es die Nase auf eher unwirsche Weise, wie bei dem berühmt-berüchtigten Stück „Sul Concetto di Volto nel Figlio di Dio“ („Das Konzept von Gott, der sich in seinem Sohn spiegelt“) der Theaterkompanie Socìetas Raffaello Sanzio in der Regie von Romeo Castellucci, in dem ein inkontinenter Senior unter einem gigantischen Jesusporträt die Tragik des menschlichen Daseins symbolisiert. Während der ersten Aufführungen wurden, als olfaktorisches Echo seiner analen Ergüsse, Fäkaliengerüche im Saal verbreitet. Sie trugen ihren Teil zum Skandal um das Stück bei und wurden recht bald aus der Inszenierung gestrichen. Die Idee, den Zuschauer auch in einer frontalen Inszenierung sensoriell in das Geschehen einzubinden, wurde in diesem Fall zum Bumerang. 

Am einfachsten, aber auch unverfänglichsten, funktioniert die Einbindung des Zuschauers akustisch. Es genügt, an den Seitenwänden und im Rücken des Publikums Tonquellen aufzustellen und so den Klang räumlich erfahrbar zu machen. So entsteht im Empfinden der Zuschauer zumindest halbwegs der Eindruck, Saal und Bühne seien nur noch ein einziges Ganzes. Spatialisierter Surround-Ton und sogar 3D-Ton bleiben allerdings rational erlebbar und die eigene Wahrnehmung bleibt für den Zuschauer bewusst steuerbar. 

 
Anforderungen

Doch wie bringt man überhaupt Düfte während einer Theateraufführung so präzise in Umlauf, dass sie den Zuschauer führen anstatt ihn zu verwirren? Lohnen sich der technische Aufwand und das Risiko, die Moleküle eines Geruchsstoffs nicht vollständig zu beherrschen? Jemand, der wie Fanuel aus der Parfümindustrie kommt, trifft im Theater auf eine gänzlich neue Welt. Geruchsstoffe reagieren in der Luft ganz anders als auf der menschlichen Haut. Und es stellt sich die Frage der Beschaffenheit der Moleküle und der Methode ihrer Verbreitung im Raum. Schließlich müssen sie sich in einem kontrollierbaren Zeitraum wieder auflösen. 

Die Biochemikerin und Parfümdesignerin erklärt: „Die Kopfnoten müssen den Zuschauer schnell erreichen, um bei ihm ein Signal auszulösen. Würde man Weihrauch in seiner ursprünglichen Form versprühen, würde er lange in der Luft verweilen, weil er aus schweren Molekülen besteht. Wir kreieren daher denselben Duft mit Leichtmolekülen, die sich einfacher evakuieren lassen und schneller zur Saaldecke aufsteigen.“ 

Aber bevor sie losgelassen werden, müssen Fanuel und de Carné die Moleküle ins Theater bringen. Und dazu müssen die Partikel gebunden werden. Dafür gibt es Feststoffe, halbflüssige und flüssige. „Um die richtige Wahl zu treffen, muss der olfaktorische Designer wissen, mit welcher Technik die Duftstoffe im Saal verbreitet werden.“ Gleichzeitig hat die Regisseurin ihre eigenen Vorgaben: „Der Übergang von einem Duft zum nächsten ist entscheidend. Die Gerüche dürfen sich nicht überlagern.“ Dafür können Ventilatoren eingesetzt werden, aber auch die Entlüftungsanlagen. „In modernen Theatern sind sie relativ leise. Wir können das Betriebsgeräusch aber auch mit Musik überlagern.“ Ein gutes Beispiel dafür, warum das gesamte Team von Anfang an in engem Austausch stehen muss. 

Geht olfaktorisches Theater auf Tournee, steigen die Anforderungen an die Technik enorm. Fanuel hat ihre Erfahrungen: „Ein System zur Verbreitung von Düften lässt sich wie ein Beschallungssystem installieren. Aber wir müssen die Luftströme im Saal in Betracht ziehen. In jedem Theater verlaufen sie anders. Die Entlüftungsanlagen sind mal in den Seitenwänden, mal im Boden und mal in der Decke installiert. Es kommt auch vor, dass sie seit Jahren nicht mehr benutzt wurde oder dass während der Proben alles glatt läuft und bei der Aufführung die Präsenz des Publikums die Saaltemperatur um ein paar Grad steigen lässt, was unsere Moleküle dann viel zu schnell unter die Decke steigen lässt. Manchmal müssen wir während der Aufführung die Parameter anpassen.“ Es wäre schon viel geholfen, verfügten die technischen Leiter über Entlüftungspläne. Doch darauf sind die Theater nicht vorbereitet. So muss die Truppe mindestens einen, meistens sogar zwei Tage vor der Premiere den Saal belegen, um die Technik abzustimmen. Und das verursacht Kosten.

 
Erkenntnisse

Fanuel und de Carné betreiben sozusagen Grundlagenforschung. Obwohl ihre Recherchen eigentlich noch in den Kinderschuhen stecken, lieferte die Praxis der bisher von Le TIR et la Lyre verwirklichten Inszenierungen bereits eine Reihe wertvoller Erkenntnisse:

1. Gerüche wirken direkt auf das Unterbewusstsein und binden den Zuschauer emotional auf einer Ebene ein, die er selbst nicht über das Bewusstsein kontrollieren kann. Dabei spielen individuelle Erfahrungen ebenso eine Rolle wie das kollektive Gedächtnis. Düfte sind kulturell besetzt. Selbst ein so bekannter Duft wie Jasmin ist kein Selbstgänger: „Bei einer Aufführung in Zentralfrankreich reagierte das Publikum überhaupt nicht. Sie brachten den Geruch mit nichts in Verbindung. Die nächste Aufführung fand in einem Gefängnis bei Paris statt. Dort löste der Duft starke Erinnerungen an die Kindheit aus“, erinnert sich die Regisseurin. 

2. Die Wahrnehmung eines Dufts steht in direkter Verbindung mit den anderen Sinnen und wird von diesen beeinflusst. So können die Emotionen und Reaktionen der Zuschauer bewusst gesteuert werden. „Als ich an einer musikalisch-olfaktiven Performance arbeitete, fand ich heraus, dass die Reaktionen der Zuschauer negativ ausfielen, wenn der Geruch verbreitet wurde, bevor die Musik einsetzte. Kam die Musik zuerst, empfand das Publikum den Geruch dagegen als angenehm. Wenn der Zuschauer mit einem Geruch konfrontiert wird, weiß er nicht, wie er mit diesem immateriellen Reiz umgehen soll. Er will ihn mit einer Basis verbinden, es sei denn, der Duft ist ihm bereits bekannt und er hat ihn sozusagen in seiner Duftkartei gespeichert“, sagt Fanuel.

3. Die olfaktorische Wahrnehmung ist individuell sehr unterschiedlich. Laut de Carné sind bei Düften „die Differenzen von Mensch zu Mensch weit größer als im Bereich der Farben“. Die emotionalen Reaktionen fallen dagegen sehr schematisch aus. Man mag oder man mag nicht. Hinzu kommt, dass es dem Zuschauer generell am Bewusstsein der eigenen Wahrnehmung von Gerüchen fehlt. Fanuel, die auch Kunstausstellungen olfaktorsich bereichert, machte die Erfahrung, dass die Integration von Gerüchen regelrecht schockieren kann. Nicht weil es „schlecht“ riecht, sondern weil der Kunstfreund hier mit seiner Ursprünglichkeit und seiner Animalität konfrontiert wird, die er doch gerade über die Kunst zu abstrahieren sucht. 

4. Bei ihren Recherchen stieß Fanuel auch auf Thomas Hummel, Professor am Interdiziplinären Zentrum für Riechen und Schmecken des Universitätsklinikums Carl Gustav Caros in Dresden. Er fand im Zuge seiner Forschungen heraus, dass Menschen, die ihren Geruchssinn verlieren, die Welt nur noch bruchstückhaft wahrnehmen. Sie verlieren die Verbindung zu ihrer Umwelt, die Freude am Essen und die Libido. Düfte sind ein Zugang zur Welt und können im Fall von Hirnschädigungen das Gedächtnis und den Kontakt zur Umgebung reparieren. 


Prinzipien

Aus der gewonnenen Erfahrung leiteten de Carné und Fanuel mehrere Grundsätze ab. Wichtig ist, eine olfaktive Inszenierung um den Einsatz der Düfte herum aufzubauen. Ton, Bilder sowie die Dramaturgie müssen von Anfang an im Zusammenhang mit den Aromen konzipiert werden, nicht umgekehrt. „Es bringt nichts, eine bestehende Inszenierung nachträglich mit Gerüchen auszustatten. Das wäre immer nur Effekthascherei, die verpufft“, sagt de Carné mit all ihrer Erfahrung als olfaktorische Regisseurin. Das Beispiel der o. g. Castellucci-Inszenierung, die letztendlich ohne Geruchseinsatz besser funktionierte, mag das unterstreichen. 

Die möglichen emotionalen Reaktionen und Verbindungen zwischen der persönlichen Geschichte und jener, die sich auf der Bühne abspielt, bringen die Theaterkonventionen ins Wanken. Castellucci wollte den Geruch auf der symbolischen Ebene einsetzen. Dabei prallte er auf die reflexhaften Reaktionen des Publikums, das aufgrund des Ansturms der ausgelösten Ängste und Instinkte zum Teil fluchtartig den Saal verließ. Zum Symbol wurde der Geruch dagegen außerhalb des Theaters. Katholische Fundamentalisten demonstrierten gegen das Stück, stürmten die Bühne und bewarfen Zuschauer mit Mehl und Motoröl. Sie assoziierten die braune Flüssigkeit, die am Ende des Stücks hinter dem Antlitz Jesu die Wand herunterlief geradezu zwanghaft mit Fäkalien. 

Was sich daraus automatisch ableitet, ist die Notwendigkeit perfekter Koordination zwischen Technik, Theaterregie und Duftdesign. Auch aus dem Grund muss sich eine olfaktorische Inszenierung von Anfang an an den technischen Möglichkeiten orientieren. Es darf nur nicht nur so aussehen. Das ist wie im Zirkus, wenn die Musik den Rhythmus der Pferdehufe imitiert und es dem Zuschauer genau umgekehrt erscheint. Bei Le TIR et la Lyre hat deshalb die Geruchskünstlerin ein Vetorecht und einen Status, der den eines klassischen Ausstattungsszenografen übersteigt. „Laurence Fanuel ist praktisch Koregisseurin. Sie warnt mich, sobald ein Geruch überhandnimmt, weil ja bereits der Text und das Verhalten der Figuren den Zuschauer zur Wahrnehmung eines Dufts führen können“, räumt de Carné ein. Andererseits stellt sie klar: „Der Geruch ist eine Szenografie an sich. Das bedeutet, dass wir die anderen Elemente unserer Bühnenbilder so schlicht wie möglich gestalten.“ Und selbst die Düfte sollen nicht zur Überschwemmung ausarten: „Ich habe mir ein Limit von zehn verschiedenen Düften pro Inszenierung gesetzt. Werden es mehr, übersättigt dies die Nase.“ 

 
Die Schöne und das Biest

Die neueste Kreation von Le TIR et la Lyre ist eine Bearbeitung des berühmten Films „La Belle et la Bête“ („Die Schöne und das Biest“). Technisch ist sie anspruchsvoll, da hier Schauspiel, Video und Gerüche in komplizierten Verfahren koordiniert werden müssen. Die Idee, die der Bearbeitung zugrunde liegt, ist, dass das „Biest“ nur durch seine Stimme und seinen Geruch existiert. Aber der ist komplex konzipiert und nur so abschreckend wie nötig, um so subtil und hintergründig in Erscheinung zu treten wie die Figur selbst. Schließlich verbirgt sich hinter dem vermeintlichen Monstrum ein sensibles Wesen. Und vor der fatalen Begegnung steht ja in dem Märchen der Rosengarten. „Wir haben zwei Rosendüfte, der eine von Wildrosen, der andere süßlicher. Aber die Zuschauer verfügen kaum über einen derart differenzierten Geruchssinn.“ Trotz oder gerade wegen der physischen Abwesenheit der Figur heißt das Stück „La Bête …“. 

Der Text aus der Feder der Regisseurin selbst wurde 2016 vom Centre National du Théâtre mit einem Preis ausgezeichnet. Er richtet sich in erster Linie an ein junges Publikum. Aber dabei muss es nicht bleiben. Gerade eine Tragödie, die sich wie im antiken Theater in Echtzeit und an einem Ort abspielt, wäre sehr geeignet für eine olfaktorische Inszenierung. Der Gedanke trifft bei de Carné auf offene Ohren: „Das ist es doch gerade! Das Theater der Griechen war olfaktorisch! Es war mit Opferzeremonien verbunden und die verursachen Düfte. Und weil man sie im Verlauf der Tragödie loswerden musste, wurden andere Düfte losgelassen. Wenn wir heute ein olfaktorisches Theater entwickeln, dann tun wir das, um den Geist eines Theaters neu zu beleben, das die Bürger zusammenbringt und eine Katharsis auslösen kann.“ Und damit Wissenschaft und Künste den Geruchssinn immer mehr wahrnehmen, gründeten sie „ino-sens“, eine Agentur zur Unterstützung der Entwicklung von Technologie, die das olfaktorische Theater weiter ins Rampenlicht rücken kann.

www.tiretlalyre.com


 

 


BTR Ausgabe 6 2017
Rubrik: Thema: Produktionen, Seite 86
von Thomas Hahn