Technische Raffinesse: Immersives Audio

Theatertonmeistertreffen 2020

Beim jüngsten Treffen der Theatertonmeister am 27. Januar 2020 in Zürich erlebten die Teilnehmer, mit welchen ­Komponenten die Oper Zürich immersives Audio im Zuschauerraum erzeugt und wie damit in „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ gearbeitet wird. Das Treffen zeigte auch: Nicht nur die Raumakustik wird durch die Installation von elektroakustischen Anlagen im Theater- und Zuschauerraum variabel, inzwischen werden neue Beschallungstechniken auch zunehmend in 3D für szenische Effekte eingesetzt.

 

Schon lange bevor 3D-Klangformate für Übertragungen denkbar waren, konnte man am Theater akustisch verfremdete Räume live erleben. Auftretende Klangquellen werden dabei nicht nur durch eine PA möglichst richtungsgenau verstärkt. Räumlich verteilte Lautsprecher bringen diese Quellen in verschiedenen, über die Zeit bearbeiteten Gestalten in den Raum zurück. Bezieht man in dieses Vorgehen Muster aus der originalen Raumakustik ein, können surreale Räume mit variablem akustischen Größen- und Qualitätseindruck entstehen. Inzwischen gelingt es, sozusagen nebenbei, die Wortverständlichkeit noch zu verbessern.

Während die Verfechter klassisch reiner Akustik noch immer empört Widerstände gegen jede „künstliche“ Veränderung der gegebenen Raumakustik äußern, werden die Möglichkeiten theatralischer Aufführungspraxis dank der elektroakustischen Einflussnahmen auf räumliche Abbildungen immer perfekter. Neben der Suche nach akustisch stilgerechten Räumen für unterschiedliche Besetzungen und musikalische Epochen entwickeln temporäre räumlich-akustische Theater-Baustellen szenisch eingebundene reale Objekte auch akustisch recht beliebig. Vor den Augen des Publikums verändern sich deren Eigenschaften durch die Wirkung von Szene und Bühnenlicht und nun auch noch vor den Ohren des Publikums durch die Variabilität der klanglich-akustischen Charaktere. Auch akustisch gewandert kann durch den virtuell zugespitzten Zuschauer- bzw. Zuhörerraum werden. Dazu tauchen vielleicht auch noch unsichtbare akustische Objekte auf und faszinieren so lange, bis dieser technisch raffinierte Zustand von den Beteiligten wieder in die Realität zurückgeführt wird. 

Welch eine ernüchternde Situation, sich dann plötzlich in der Realität wiederzufinden. Solche Reisen beeindrucken am meisten, wenn spürbar wird, dass die Immersion alle reale Welt – den Raum, die Darsteller und auch deren Hörer – in diese irreal erscheinende Welt mitgenommen hat. 

Was zuerst in gut ausgerüsteten Studiobühnen bei engagierten Avantgardisten des Theatertons begann, erreicht heute Häuser mit komplexer Innenraumarchitektur, in deren Bausubstanz mühevoll die vielen Lautsprecher des 3D-Audio versteckt, eingebaut und versorgt wurden.  

Jährliches Treffen unter Fachleuten

Jürgen Hanelt, Referatsleiter Theater des Verbands Deutscher Tonmeister (VDT), und Oleg Surgutschow, Leiter der Tonabteilung im Opernhaus Zürich, haben es ermöglicht, dass sich 50 Teilnehmer aus dem deutschsprachigen Theater in einem schmuckvollen Seitenfoyer des Züricher Opernhauses treffen konnten. Jedes Jahr kommen wir zum kollegialen Wiedersehen zusammen und tauschen uns über die regional unterschiedlich gewachsenen personellen und technischen Strukturen aus, vergleichen unsere Aufgaben und Inszenierungen. 

Nach der Begrüßung berichtete Surgutschow von seiner zielstrebigen, langwierigen Arbeit an der notwendigen Integration von Lautsprechern in den Zuschauerraum. Noch Mitte der 90er-Jahre gab es einige fest verbaute Philips-Autolautsprecher über 100-V-Leitungen. Aus einem damaligen Vergleichstest waren dann d&b-F1220-Systeme hervorgegangen, die als bewegliche Einheiten angeschafft wurden. Zu den Platzvorgaben in den Portalen entwickelte die Firma d&b extra kleine Zeilen, E2z („z“ für Zürich), die heute durch digital kontrollierte Systeme ersetzt sind. Nach einem weiteren Systemvergleich, der eine Nacht dauerte, konnten dann – besonders auf den Wunsch des Balletts hin – d&b-Q-Line-Arrays angeschafft werden, die im Portal temporär einzuhängen sind. Die Systeme sind an Subwoofer gekoppelt. Im letzten, dem aufwendigsten Schritt, wurden dann durch den Ersatz einiger Decken- bzw. Wandlautsprecher in allen Rängen kleine, farblich angepasste Hochleistungslautsprecher (> 60 x d&b E4) für das immersive Audio in den Raum integriert. 

Auf unserem Rundgang durch das Haus fanden wir in der Regie hinter dem 1. Rang ein Lawo mc²56. Für die 48-Fader-Konsole gibt es ein transportables Pendant für den Einrichtbetrieb im Saal. Diese zweite Konsole bietet 32 Fader, die mit einer 16-kanaligen Erweiterung betrieben werden kann. Die transportablen Bedienoberflächen lassen sich als Spiegeloberflächen oder für den kombinierten Betrieb konfigurieren. So können Proben­stände im Saal eingerichtet und in der Regie bei Vorstellungen abgerufen werden. Aus der vorherigen Installation eines mc²66 war noch ein Core vorhandenen. Dieses Herz der Anlage verfügt über einen Wave SoundGrid mit Gold Bundle. 

Beim Upgrade-Tausch der Pulte wurde lediglich eine zusätzliche Dante-Karte angeschafft. Die Kapazität der redundant ausgelegten Routing-Karte beträgt 8192 x 8192 Mono-Kanäle. Die vier DSP-Karten bieten eine Rechenleistung für insgesamt 192 DSP-Kanäle. Bei den Zuspielstationen setzen die Züricher auf QLAB und Pandora. Dezentrale Anwender wie die Ballettsäle kommen mit QuickTime auf iPod touch aus. 

Zweckmäßig ist auch die im Opernbetrieb unerlässliche Video-Anlage für die Übertragung des Dirigenten strukturiert. In Zürich wird eine SDI-Kreuzschiene verwendet, die ohne jede Verwendung von DSP keine relevante Signalverzögerung generiert. Eine ultraschnelle Dirigenten-Kamera, die in der Industrie für die Steuerung bei Fließbandprozessen verwendet wird und direkt digital aus der Kreuzschiene angesteuerte Sony-Monitore mit superschnellem Bildaufbau sorgen für eine knappe Signalverzögerung von überschlägig erfassten 26 ms. Das ist ein musikalisch brauchbares Synchronsignal entsprechend eines Halbbilds zu analogen Übertragungszeiten. Üblicherweise wird das Bild des Dirigenten zusammen mit den Audiosignalen des Orchesters an musikalisch beteiligte entfernte Orte übertragen.         >>

Die Praxis des Hörens

Der architektonische Mischstil des Gebäudes beeindruckt noch heute in seiner gepflegten Verspieltheit. Verspielt ging es auch audiophil über die SpatialSound-Wave(SSW)-Anlage vom Fraunhofer IDMT und die vielen Lautsprecher im Raum weiter – zum Schluss der Führung hatten die Kollegen noch Hörsituationen im Parkett vorbereitet. Zuerst wurden uns Ausschnitte aus einem Konzertmitschnitt von Verdis Requiem eingespielt. Die Verteilung der Instrumente des großen Klangkörpers über den gesamten Raum stellte uns virtuell zwischen die Musiker. Klanglich konnte bei diesem Versuch noch die geschlossene Abbildung des Chors am Schönsten abschneiden. Ein großes Orchester in einen virtuellen Raum zu transportieren und ihm gegen die ursprüngliche Aufstellung eine andere Form zu verleihen, scheint in einem Opernhaus gegen jede Hörgewohnheit jedenfalls als ein unerhörter Versuch. 

Der Auftritt zweier Violinistinnen im Orchestergraben gab uns anschließend einen Anhalt für die eigentliche akustische Qualität dieses Saals mit seiner über dem Graben konkav geformten Decke. In den 1,4 s Nachhallzeit entsteht im Parkett aus diesen zwei Instrumenten ein selten so wunderschön gehörter Klang mit ortbaren Quellen; eine hohe Schwelle für alle Versuche, diesen Signalen elektroakustisch andere Räume zu geben. Die Kollegen hatten dafür verschiedene Raumparameter vorbereitet, mit denen die Violinen in größere Räume bis hin zu Kathedralen eintauchten. Das funktioniert mit den SSW-Parametern und sicherlich einigem Engagement bei der Einrichtung des Lautsprechersystems sehr überzeugend. Selbst die Ortbarkeit der Quellen wurde eher unterstrichen. 

Zuletzt wurden wir noch umgeben von einer großen Anzahl punktuell akustisch im Raum auftretender verschiedener Musikinstrumente, die richtungsstabil und von überzeugender Qualität um uns auftauchten. Es handelte sich um Zuspielungen für die in Zürich von Christian Spuck choreografierte Ballett-Produktion der Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Helmut Lachenmann. In den Vorstellungen sitzen auch die Orchestermusiker und Sänger auf verschiedenen Ebenen in verschiedenen Logen um die Zuhörer herum verteilt. Die Frontalsituation ist somit aufgehoben und die Besucher teilen den Raum mit den Akteuren.  

3D-Sound: Fragen und Antworten

Nach einer Mittagspause antwortete Rene Rodigast vom Fraunhofer IDMT auf die technischen Fragen zur SSW-Anlage. Die objektbasierte Audioproduktion speichert bei Aufnahmen eine „Spatial Audio Scene“, die aus den Audiosignalen der Mikrofone und den jeweils zu diesen Quellen gehörenden zeitlichen und räumlichen Parametern besteht. Für das Wiedergabe-System im Opernhaus wird ein einmalig eingestelltes Set-up der vorhandenen Lautsprecheraufstellung zusammen mit einem „Aufdomen“ der Höhengestalt gebildet. Dieses Muster verwendet SSW bei der Wiedergabe als Zielsystem. Unter Zuhilfenahme von Spiegelquellen-Reflexionsmustern aus den Audioquellen bildet SSW den gewünschten Raumeindruck. SSW verhandelt also mittels beim Anwender abgefragter Parameter über die gewünschte Raumgestalt das Ergebnis richtungsstabiler Schallquellen aus der „Spatial Audio Scene“ auf dem Wiedergabe-System. Ein Software-Update würde inzwischen auch dynamische Veränderungen der Raumparameter mit dem Verfolgen von Audioquellen durch Tracker erlauben. 

Physikalisch verbinden 64 zeitstabile MADI-Kanäle den Zuspieler mit dem Astro-Spatial-Audio als dem SSW-Rendering-System.  

Gesamtkunstwerk für alle Sinne

Anschließend berichtet Mike Utz, der stellvertretende Leiter der Abteilung Ton und Bild der Oper Zürich, über die bei den Hörbeispielen schon erwähnte Ballett-Produktion in der Choreografie und Regie von Christian Spuck, die 2019 den Ausschlag für viele Anschaffungen gab. Entstanden als „Musik mit Bildern“ nach einem Stoff von Hans Christian Andersen und Texten von Leonardo da Vinci, Gudrun Ensslin, Ernst Toller und Friedrich Nietzsche und mit der Musik von Helmut Lachenmann. Der möchte den Zuhörer ergreifen und sieht die Verteilung der Musiker im Raum als Mittel dafür. Es besteht der Wunsch nach einem Gesamtkunstwerk, das alle Sinne gleich bedient und das Publikum in die Geschichte hineinzieht. Die Produktion stellte das Haus vor ungewöhnliche Herausforderungen: Das Orchester war zu groß für den Graben und der Chor hatte im Bühnenbild auf der Bühne keinen Platz. Mehrere Einspielungen kamen parallel und wurden von einzelnen Musikern bedient. Die Tänzer hatten keine eindeutigen Anhaltspunkte in der Musik.

Eine erste Aufgabe war es, für alle Beteiligten einen Platz zu organisieren. Zweite Violinen, Violas, zusätzliche vier Schlagwerke und 16 Vokalisten mussten im Zuschauerraum Platz nehmen. Sie wurden auf Logen und auf den 2. Rang aufgeteilt. Die Orgel sowie sieben CD-Player mit den sieben bedienenden Musikern konnten nur noch im Chorsaal, der sich im Neubau befindet, untergebracht werden.

Um das Klangbild jederzeit den wechselnden Gegebenheiten anpassen zu können, wurde in der letzten Reihe im Parkett eine Lawo-mc256-Konsole im Spiegelbetrieb aufgestellt. Da Instrumente des Orchesters über den Zuschauerraum verteilt waren und teilweise zusätzlich verstärkt werden mussten, wurden im 2. Rang pro Seite je eine mobile Stagebox (DALLIS) aufgestellt und via LWL-MADI mit der Lawo-Nova73 Core verbunden. 

Die zwei Solistinnen sowie die 16 Vokal-Solistinnen wurden mit angeklebten oder als Kopfbügel ausgeführten Funkmikrofonen ausgestattet. Einzelne Stimmen im Orchestergraben wurden ebenfalls einzeln mikrofoniert. Laut Partitur singen die Solistinnen für einen Effekt in den Flügel, wobei das Forte-Pedal gehalten wird. Die szenischen Abläufe erlaubten aber die Aufführung dieser musikalischen Technik nicht. Der Effekt wurde aus einem mikrofonierten Standort mittels elektrodynamischer Erreger auf dem Resonanzboden des Flügels übertragen. Zur Verstärkung des gewonnenen Klangs wurden Piezo-Kontaktmikrofone ebenfalls auf den Resonanzboden des Instruments geklebt. 

Die Übertragung der Orgel und der sieben CD-Player wurde über ein Kleinmischpult im Chorsaal via vier Analog-Leitungen zum Hauptpult organisiert. Insgesamt waren dann ca. 80 Eingangskanäle im Einsatz.

Das bestehende SSW-3D-Surround-System bildete bei der räumlichen Verteilung der Instrumente eine ideale Arbeitsplattform und dank des Lawo-Mischpults war es möglich, die notwendige Anzahl an Kanälen zu verwalten, ohne die Hardware-Konfiguration gegenüber anderen Vorstellungen ändern zu müssen.  

Mit Mikrofonen und Lautsprechern in neue Welten

Regisseure, Komponisten und Dramaturgen mit Fantasie und Mut werden akustische Mittel in Zusammenarbeit mit Sounddesignern immer selbstverständlicher in wirksame theatralische Techniken umsetzen. Die Palette erlaubt inzwischen eine weite Spanne von der kargen Einfachheit in Bühne, Licht und Akustik bis zur Überhöhung inszenierter Figuren und Atmosphären. Der Theaterbetrieb hat im Erlebnis des Hier und Jetzt den zeitgemäßen filmischen Mitteln eine starke authentische Erlebniskomponente voraus. Das wird bleiben, entwickelt sich aber. • 


Klaus Fritz

ist stellvertretender Leiter des Referats „Theater“ des VDT. Er war langjährig als Tonmeister in diversen Theatern tätig, zuletzt bei den Staats­theatern Stuttgart, leitete das Ton­studio in der ­Musikhochschule in Stuttgart, lehrte AV-­Studiotechnik an der Hochschule Offenburg und konzipierte medientechnische Einrichtungen verschiedener größerer Versammlungsstätten, für deren Einrichtung er auch die Bauleitung übernahm. 


BTR Ausgabe 2 2020
Rubrik: Thema: Ausstellungen & Tagungen, Seite 26
von Klaus Fritz