Streng nach Vorschrift, aber frei

Wie der gelernte Tänzer Bernd R. Bienert und sein Teatro barocco die Habsburger Theaterästhetik wiederzubeleben suchen

Es lebt sich anscheinend nicht allzu unangenehm auf einer verlassenen Insel. Gut, einige Büschel getrockneter Gräser und etwas Tigerfell sind den Damen nach 13 einsamen Jahren über die Roben gewachsen. Aber das Unzivilisierte bleibt noch immer zivilisiert, ebenso wie sich Felsen und Wälder in geordneten Bahnen zur klassischen Gassenbühne staffeln. Wir sind schließlich im Zeitalter Maria Theresias – «da wahrt man immer die Form», sagt Bernd R. Bienert.

Seit 2012 arbeitet der Regisseur mit seinem Teatro barocco an der Wiederbelebung einer szenischen historischen Aufführungspraxis, bisher vor allem im Theater des Schlosses Laxenburg, einer Sommerresidenz der Habsburger. Nun wird dort umgebaut, weshalb Bienert erstmals ins Congress Casino in Baden bei Wien umgezogen ist, wo er in Zukunft regelmäßig rund um Ostern spielen will. Wie Österreich mit seinen wenigen verbliebenen Barocktheatern umgeht, ärgert ihn. Schließlich ist dem geborenen Wiener der Bezug zu seiner Stadt wichtig. Bienert hat als Balletttänzer unter anderem an der Wiener Staatsoper begonnen, war später Ballettchef am Opernhaus Zürich und in Saarbrücken. Sein stilistisch verblüffend vielfältiges Werkregister umfasst Choreografien ebenso wie Performances, Musiktheaterinszenierungen wie gleichfalls solche im zeitgenössischen Sprechtheater, darunter Ur- und Erstaufführungen etwa von Elfriede Jelinek. Mit dem Teatro barocco lebt er nun seine weitreichende Liebe zum Barock und Rokoko der Wiener Prägung aus. Der Schwerpunkt liegt vor allem auf den Zeitgenossen Mozarts, dessen «Figaro» und «Così» er bereits in Gesten und Bildern der Epoche realisiert hat.

Im historischen Theatersaal in Baden geht es nun mit Joseph Haydns «L’isola disabitata» auf die titelgebende unbewohnte Insel, wo eine Frau nebst Schwester von ihrem Mann zurückgelassen worden ist. Ein Happy End ist möglich, weil dieser sie keineswegs freiwillig verlassen hat, sondern entführt worden ist, weshalb er nun nach 13 Jahren mit einem Freund zurückkehrt. Aus indischen Gefilden, wie man sieht oder mindestens sehen könnte. «Indisch, persisch und türkisch», so Bienert, «unterscheiden sich für die Epoche hauptsächlich in der Kopfbedeckung.»

Das Stück ist ein Solitär auch in Haydns Opernschaffen, weil er Metastasios Libretto vollständig in Recitativi accompagnati durchkomponierte. Musikalisch bindet Christoph U. Meier am Dirigentenpult die vielen kleinteiligen Affektwechsel zu einer sehr natürlich wirkenden Rhetorik. Wobei ihm und den Sängern sicher auch hilft, dass die Wechsel von entsprechenden körperlichen Gesten unterstützt werden. Bienert streift da innerhalb der fließenden Bewegungen mit ihren typischen Arm- und Handhaltungen immer wieder die Grenze zur Konkretheit der Gebärdensprache, wenn eine Klage über Anstrengung durch die Geste des Schweißwischens oder der kluge Einfall durch den Zeigefinger an der Schläfe unterstrichen wird. Die Herangehensweise erscheint handfester als bei der in Deutschland bereits bekannteren Barockspezialistin Sigrid T’Hooft, die mehr auf eine alles umfassende tänzerische Eleganz setzt. Und es stärkt vor allem die komischen Aspekte – wohl nicht umsonst hat sich Bienert der Opera buffa bisher häufiger gewidmet als der abstrakteren Seria. Das «niedere Paar» aus Schwester und Freund bewegt sich ohnehin rascher und zeigt im Bewegungsrepertoire Einflüsse aus der Commedia dell’arte. Aber sogar das «hohe Paar» aus verlassener Gattin und Ehemann bekommt hier leicht parodistische Züge.

Bienert versteht das durchaus als Akt der bewussten Interpretation. Alle im Libretto vorhandenen Regieanweisungen und alle indirekt erschließbaren szenischen Vorgänge befolgt er wörtlich. Für den Rest, sagt er, gebe es schließlich keine Aufzeichnungen gestischer Abläufe. Da erfindet er frei mit den Mitteln der Epoche. Wie er sich für Kostüm und Bühne von Wandgemälden des Barockmalers Johann Bergls hat inspirieren lassen, die eine einsame Südseeinsel zeigen. Die Frage nach dem Original vergleicht der Wiener deshalb gern mit der Sachertorte: Auch hier kursierten allein in Wien drei verschiedene Rezepte, von denen jedes den Anspruch erheben könne, das historische Original zu sein. 


Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Magazin, Seite 82
von Michael Stallknecht