Stille ist nichts für Mutlose

Die Ausstellung «Sounds of silence» im Museum für Kommunikation Bern

Wie klingt Stille? Das Museum für Kommunikation in Bern widmet sich bis zum 7. Juli 2019 den „Sounds of Silence“ mit einem mutigen Konzept. Das akustische Experiment, mehr Hörerlebnis als klassische Ausstellung, beschäftigt sich mit einem knappen Gut – der Stille. Und das mit einem erstmals in der Schweiz eingesetzten immersiven Soundsystem. In den visuell reduzierten Räumen kann man sich dem aktuellen Thema intuitiv nähern und dabei Alltägliches, aber auch Überraschendes erleben.

 

Bilder und Geräusche – ständig sind wir von ihnen umgeben, müssen aufmerksam sein, sind ihnen mal freiwillig, mal unfreiwillig ausgesetzt. Verkehrs- und Baulärm auf Straßen, Musik und Werbung in Geschäften. Smartphones sind im Dauereinsatz, kaum eine Stunde vergeht ohne blinkende, klingende Nachricht. Ruhe auf dem Land, oft eine Illusion – irgendwo rauscht eine Autobahn, tönen Rasenmäher. Unsere Sehnsucht nach Ruhe ist daher oft groß. Zahllose vielversprechende Angebote laden zum Innehalten ein, um Kraft und Energie zu schöpfen – sie versprechen bei Meditation oder in Schweigeseminaren Entspannung durch die positiven Effekte der Stille. Auch die Kuratoren Kurt Stadelmann und Angelina Keller sowie die Hörspielautorin Bettina Mittelstrass haben sich Gedanken zu diesem aktuellen Thema gemacht. Ihr Konzept zeugt von der Experimentierfreude des Berner Museums und bietet einen vor allem akustischen Zugang zu Fragen wie: Was ist Stille? Und wie wirkt sie? Wie gehen wir mit ihr um, wie erleben wir sie? 

Doch nicht nur von schönen Seiten erzählt „Sounds of Silence“, auch Unerträglichkeit und Schrecken der Lautlosigkeit fehlen nicht: „Es ist vor allem auch die Ambivalenz der Stille, die uns fasziniert hat“, erzählt Museumsdirektorin Jacqueline Strauss. „Wir sehnen uns oft nach stillen Momenten, weil sie Erholung und neue Ideen ermöglichen. Wenn die Stille aber da ist, wird sie nicht selten zuerst einmal zu einer Herausforderung.“ Der Wert der Stille würde also meist unterschätzt, zugleich fällt es schwer, sich ihr lange auszusetzen. 

Im Erdgeschoss des Museums gibt es Kopfhörer und Smartphone, handliche Technik. Bedienen muss ich nichts, ein ungestörtes Erleben mit dem Soundsystem ist also sicher. Eine schmale Rampe geht es hi-nauf, über die bunte Dauerausstellung voller Exponate hinweg. Schon im ersten Raum, ganz in Weiß, beginnt die Ruhe. Der Blick fällt auf einen tief verschneiten Park. Gedämpfte Geräusche, weit entfernt ein Hundebellen, das Krächzen einer Krähe. Schritte knirschen im Schnee. Eine weibliche Stimme dringt sanft in die Stille: „Sag nichts, hör einfach zu. Ich bin die Stille“, begrüßt und begleitet sie mich nun. „Wo ist der Klang? Der Schnee schluckt alle Geräusche, nur dein Herzschlag ist zu hören. Erleb mich, deine, meine Stimme. Deine Stimmung.“ Auge und Ohr werden beruhigt. Ein paar Meter weiter wird erklärt, wie ich durch den Raum navigiere, bei welcher Bewegung was passiert. Stehen blei-ben, sich drehen, wo ist jetzt die Stimme?

Interaktives Hörerlebnis statt Ausstellung

Ein langer Raum breitet sich vor mir aus. Schwarz-Weiß dominiert auf Wänden und Boden, nur ein paar bunte Sitzkissen sind Blickfang und Ruhepol. Feine Schnurvorhänge schaffen transparente Übergänge, statt den Raum zu trennen. Reduziert ist die Gestaltung vor allem auf abstrakte grafische Muster und Elemente auf Boden und Wänden, die sich als Schallwellen lesen lassen. Kreise oder Rahmen bieten einen Standort oder einen Durchgang an. Doch eine Reihenfolge, einen vor-geschriebenen Weg gibt es nicht, jeder entdeckt seine individuelle Tour durch diese akustische Welt, in ganz individuellem Tempo. Die eigene Bewegung bestimmt Dauer und Intensität der akustischen Einspielun-gen. Der Blick wird nicht gefesselt, man kann ganz Ohr werden. Und so wandern alle Besucher langsam, in sich versunken, sehr still und aufmerksam durch eine Landschaft aus Geschichten über die Stille oder eben deren Abwesenheit. Das Atelier ZMIK aus Basel hat in enger Zusammenarbeit mit den So-unddesignern des Basler Studios Idee und Klang, den Kuratoren vom Museum und den Grafikern vom Büro Berrel Gschwind die Szeno-grafie für den klingenden Raum im Berner Museum entwickelt. Rolf Indermühle, einer der beiden Partner des Ateliers für räumliches De-sign, sieht in dem Projekt eher ein interaktives Hörerlebnis, weniger eine Ausstellung im herkömmlichen Sinn: „Wir sind mit ,Sounds of Silence‘ einen experimentellen Weg gegangen. Um den Fokus ganz auf den Hörsinn zu setzen, haben wir bewusst komplett auf visuelle Inhalte verzichtet. Es werden keine Exponate, keine Fotos, keine Sta-tistiken, keine Filme gezeigt. Den eigenen Gedanken und Empfindun-gen der Besucher wird beim ,Erwandern‘ der Audioinhalte viel Raum gelassen.“ „Sounds of Silence“ sei wie ein bunter Blumenstrauß, ein Angebot, um sich noch später mit Fragen zu beschäftigen, Themen zu vertiefen. 

Auch die Wahl der Technik war eine wichtige Basis für die Hör-Ausstellung: Das Soundsystem usomo von FRAMED immersive projects aus Berlin erlaubte die offene Raumgestaltung, denn nur so ist das unabhängige und ungestörte Hören und Erleben für die Besucher möglich. Von der Audio-Technik ausgehend entwickelten die Sounddesigner von Idee und Klang die Klanglandschaft. Wie viele akustische Informationen im Raum untergebracht werden konnten, mussten mehrere Testaufbauten in Basel und Berlin zeigen. „Wir mussten ein Gefühl dafür bekommen, wie viel Inhalt auf welcher Fläche erzählt werden kann. Anfangs war er viel zu dicht, zu detailliert“, erinnert sich Indermühle. Das inhaltliche Konzept entstand also aus dem Zusammenspiel von Sound und Raum. Direkte Bezüge zwischen visueller und akustischer Gestaltung, wie sonst üblich, fehlen in Bern jedoch konsequent. 

Stille mit Klang erzählen – akustische Szenografie 

Ramón De Marco, einer der Gründer und Sounddesigner von Idee und Klang, beschreibt Stille als eine der elementarsten und sinnlichsten Erfahrungen, die man als Mensch machen kann. Nach dem Grundgedanken des Konzepts zu „Sounds of Silence“ befragt, sagt er: „Wir können eine Umgebung nur dann als still empfinden, wenn wir sie mit einer Umgebung vergleichen, die wenig still ist. Wer über Stille erzählen möchte, kann dies also nur mit dem Vokabular des Klangs tun. Diese Erkenntnis bildete den Grundpfeiler bei der Konzeption und Umsetzung von ‚Sounds of Silence‘. Die Dramaturgie stützt sich daher voll und ganz auf Klang.“ 

Ausstellungsräume leben immer von visuellen Eindrücken und Konzepten. Lassen sich Inhalte auch ausschließlich akustisch transportieren und erzählen? Mit dieser Fragestellung beschäftigt sich Steffen Armbruster, Geschäftsführer von FRAMED immersive projects, schon seit Längerem. Mensch und Raum über den Ton verbinden, das sei die Grundidee für viele Projekte des Unternehmens – und letztlich auch Basis für die Entwicklung von usomo gewesen. Seit etwa einem Jahr ist das System bereits in mehreren Projekten installiert, u. a. im Popmuseum Gronau. usomo ist für Räume ohne reale Tonquellen entwickelt worden, es kann virtuelle Soundquellen räumlich genau platzieren. Es läuft unabhängig von Servern, ohne Streaming und beschränkt daher auch nicht die Anzahl der Nutzer. Die genaue Ortung, also Position und Rotation, Abstand und Ausrichtung zu den virtuellen Tonquellen übernimmt das Tracking-Modul auf dem Kopfhörer. Durch seine eigene Bewegung bestimmt der Besucher, wann, wo und wie oft die Audio-Inhalte automatisch abgespielt werden. Auf dem Smartphone für den Besucher befinden sich alle Audiodaten für „Sounds of Silence“. Durch das usomo-Tracking-System steuert die usomo-App alle Sounds präzise (bis auf 10 cm Entfernung und 1° in der Rotation) und schnell, also in Echtzeit. 

Etwa 20 Sender sind an der Decke und in den drei räumlich getrennten Bereichen kaum sichtbar installiert worden. Mit der usomo-Software können die Sounddesigner alle Eigenschaften, alle Effekte der Töne steuern, ob das Höhen und Tiefen, Hall oder Geschwindigkeit sind. 

Was ist laut, was leise? 

Mit dem Soundsystem erlebt man in der Hör-Ausstellung tatsächlich einen sehr natürlichen, dynamischen Effekt: Laut und leise wechseln, ich nähere und entferne mich auch akustisch den Einspielern. Diese fließenden Übergänge wirken real und fokussieren die Aufmerksamkeit. Nur nichts überhören! Oder noch einmal umdrehen und ein zweites Mal gut zuhören … 

Zu Beginn fällt der Blick in kleine, in die Wand eingelassene Fotokästen und dazu hört man den passenden Sound: Erstaunlich, eine Bibliothek ist gar kein ruhiger Ort, Neonröhren summen dort, gleichmäßig und laut. In einem fahrenden Auto hört man das Brummen, Surren der Räder vom Straßenbelag, das Außen dringt ins Innere. In einer Höhle – Wassertropfen fallen, ein natürlicher Ton, ein dominantes Geräusch in dem sonst so stillen Raum. Jeder Raum klingt völlig anders, jedes Geräusch hinterlässt eine andere Wirkung. 

„Soundclouds“ nennen die Szenografen die Hörstationen im Hauptteil von „Sounds of Silence“, zwischen denen ich wandere und die mich umhüllen. Ich begegne vertrauten Geräuschen – so klingt der Wald, so eine Straße am Tag, in der Nacht. Was ist das? Schleifen, Rascheln von Stoff, ein Tennismatch, eine Kettensäge? Ohne vertraute Bilder müssen wir uns anstrengen, die Klänge und ihre Herkunft zu erkennen. 

Ein paar Schritte weiter in den Raum verrät die so angenehme weibliche Stimme aus den Kopfhörern: „Vor uns liegt eine Zeitreise. Rechts geht es zum Lärm und links in die Stille.“ Was ist nun laut, was leise? Und was hören wir hier? Zu Beginn vom Urknall, der kein Knall war, denn ohne Raum, im Vakuum gibt es keinen Schall. „Sounds of Silence“ schlägt einen großen thematischen Bogen, zitiert aus Musik und Literatur zum Thema („Der Mond ist aufgegangen … der Wald steht schwarz und schweiget“ oder wie Odysseus den Sirenen begegnet), streift religiöse Rituale wie Schweigegelübde und Bedeutung der Schweigsamkeit bei den Benediktinern, verblüfft mit Naturphänomenen (Grillen „lärmen“ tatsächlich mit bis zu 90 dB!) und erzählt die Geschichte von Stille – und Lärm: Denn der ist kein modernes Problem, sondern laut ist es seit der Industrialisierung, damals zog der Lärm in die Städte. Etliche Verbote und auch eine Anti-Lärmbewegung wollten schon Anfang des 20. Jahrhunderts die Stille zurück-bringen. Zudem ersetzten Ampeln schrille Trillerpfeifen der Polizisten, Gummireifen dämmten das Gepolter der Kutschenräder und 1907 wirbt man „Mit Ohropax im Ohr, kommt dir Lärm wie Stille vor!“. Darüber, was Lärm ist, wird schon lange gestritten – heute wird Lärm geprüft, gemessen und zum politischen Thema. Viele Gerichte verhandeln den „Krach über den Krach“, in unseren Städten geht es um Schutz vor Verkehrslärm oder auch um die störende Kita von nebenan. Lautstärke wurde früher auch mit Fortschritt assoziiert, heute nerven PS-starke Sportwagen mit ihrem ohrenbetäubendem Lärm. Laute Sounds werden extra für leise Technik wie Elektro-Autos oder Staubsauger designt. Denn wen man nicht hört, bemerkt man nicht. Andererseits: Vollkommene Stille, das ist der Tod – des Schalls. Ich erfahre über einen echo-losen Raum, ein Testlabor von Harley-David-son – wie fremd die eigene Stimme hier klingt, man hört nur seinen Herzschlag, das Rauschen des Blutes. Dieses Raumgefühl sei kaum aus-zuhalten, verrät die Stimme, die mich durch „Sounds of Silence“ begleitet. Um individuelles Erleben geht es hier immer wieder: Wie unterschiedlich doch das Laute von uns empfunden wird! Runde Markierungen auf dem Boden: Mit jedem Schritt weiter auf den Kreisen werden die Klänge eines Blasinstruments lauter, schriller empfunden – doch gemessen sind die Dezibel alle gleich hoch. Von Schönheit und Schrecken der Stille erzählt die Schriftstellerin Sara Maitland, die sich 40 Tage und Nächte allein auf eine abgeschiedene Insel begibt. Sie beschreibt Glück, Genuss, intensivste Emotionen, auch Panik und akustische Halluzinationen: „Die Stille glotzt!“ Seinen Gefühlen entkommt man in der Stille nicht, weiß Maitland, sie können im Extrem von Wahn bis Erleuchtung reichen. Eine intensive Erfahrung, von Menschen, die Stille suchen oder die ihnen aufgezwungen wird – die Ausstellung erzählt von der Sehnsucht, der Suche nach Stille: Christopher Thomas Knight lebte 27 Jahre ohne menschlichen Kontakt in einem Wald in Maine und schwieg auch nach seiner Entdeckung – sein Schweigen erschütterte alle. John Lilly, amerikanischer Physiker, schloss sich 1954 in einen Isolationstank ein, seine Erfahrung diente später dem Militär als Inspiration für Foltermethoden. Vor einer projizierten Betonwand sitzend höre ich das Surren von Beleuchtung oder Lüftung, kein menschlicher Laut ist zu hören. Diese unerträgliche Stille der Isolationshaft mündet bis in den Selbstverlust. Als besonderes Wellness-Angebot hingegen versprechen heute sogenannte Float Tanks den Stressgeplagten komplette Dunkelheit – und erholsame „Stille“. 

Die (vermeintliche) Stille im Innen 

Schließlich bin ich allein, in der „Stadt der Stille“. In einem gesichtslosen Hotelzimmer, leuchtende Wolkenkratzer vor dem Fenster, dringen ein stetes Wassertropfen und Sirenen ins Innere. Vermeintliche Stille. So wie in „4'33“ von John Cage, mein Blick fällt in den Konzertsaal des Berner Casinos. Ich höre ein Kunstwerk, aber ohne Musik. Stille herrscht dennoch nicht. Husten, Rascheln, Stühlescharren, die Zeit dehnt sich. Ein Spiel mit der Stille, die doch keine ist. 

In einem letzten, abgedunkelten Raum kann ich noch einmal innehalten, zur Ruhe kommen, hier wird es meditativ: Niklaus Brantschen, Jesuit und Zen-Meister, erklärt lebensklug, fast augenzwinkernd die Stille. Deren heilende Kraft und Wert kennt er gut: Nicht nur Pille, Stille sei gefragt. In ihr sei man sehr präsent, also ein Präsent für die anderen. Und: Stille sei nichts für Mutlose, denn Lautlosigkeit irritiert uns eben auch. Um Kraft zu schöpfen, braucht der Mensch Ruhe, für die Ruhe braucht er allerdings auch Kraft. Denn wir alle wissen: Je ruhiger es in und um uns ist, umso lauter werden die Gedanken. 

Ein kleines Geschenk ist diese erkenntnisreiche Hör-Reise in unserer unruhigen, oft lärmenden Zeit und Welt. Entspannt und nachdenklich verlasse ich die doch so wenig stille Ausstellung. Und frage mich, ob und wie viel Stille wir für unser Leben brauchen – und wo wir sie am besten finden.  

Projektbeteiligte
Auftraggeber, Inhalte und Gesamtprojektleitung:  Museum für Kommunikation, Bern 
Konzept: Museum für Kommunikation, Idee und Klang Audio Design, ZMIK Studio for Spacial Design 
Szenografie: ZMIK Studio for Spacial Design, Basel 
Sound-Design: Idee und Klang Audio Design, Basel 
Ausstellungsgrafik: Büro Berrel Gschwind, Basel 
Technik: FRAMED immersive projects GmbH & Co. KG, Berlin Licht: Gradation GmbH, Zürich 

Zum Nachlesen: Reichhaltige Materialsammlung zum Thema unter www.mfk.ch


BTR Sonderband 2019
Rubrik: Thema: Architektur & Raum, Seite 32
von Iris Abel