Sidi Larbi Cherkaoui: Über Trauern. Bangen. Hoffen. Und tanzen

In den letzten Wochen hat sich das Leben drastisch verändert. Ich merke, wie ich seither zwischen allen möglichen Gefühlslagen hin und her schwanke: Nicht-wahrhaben-Wollen, Traurigkeit, Wut, Sich-Abfinden ... Immer noch befinde ich mich in einer Art Schockzustand, bin überwältigt von der Tragweite und den unglaublichen Auswirkungen, die ein winziger Virus auf das riesige Netzwerk haben kann, das wir «Gesellschaft» nennen. Er verschont niemanden – Fußballer und Schauspieler ebenso wenig wie Gesundheits- und Pflegepersonal, Politiker oder Popstars.

Er kennt keine Unterschiede, ist sozusagen auf die rücksichtsloseste Weise demokratisch. 

Also lauschen wir den Experten, folgen ärztlichen Ratschlägen, harren aus, warten und hoffen, dass das alles bald vorüber sein möge. Für die meisten von uns ist diese Situation, ist die soziale Isolation traumatisch. Neben der Angst, sich zu infizieren oder jemanden anzustecken, ist aber noch etwas anderes spürbar: eine dramatische Entschleunigung, die für die meisten von uns Tanzschaffenden mit einem beklemmenden Gefühl von Verlust einhergeht. Wir verlieren gerade unsere ultimative Berufung: das körperliche Ritual des Tanzens mit- und füreinander. Nicht mehr gemeinsam tanzen – das heißt, Abschied nehmen von dem, was wir unser Leben lang hingebungsvoll getan haben: mit anderen Künstlern körperlich in Verbindung zu treten, gemeinsam zu kreieren, zu proben, zu performen und Hunderte, manchmal Tausende von Menschen – unser Publikum – zusammenzubringen. 

Die Tage vergehen schleichend, und noch ist kein Ende in Sicht, keine «Rückkehr zur Normalität» zeichnet sich ab. Diese Einsicht stürzt die mei­sten Tanzschaffenden in eine fassungslose Traurigkeit und erzeugt in uns ein schmerzliches Bewusstsein vom Wert dessen, was nun verloren scheint. Wir bewegen uns, kollektiv, auf vollkommen unbekanntem Gefühlsterrain. 

Tänzerinnen und Tänzer entwickeln ganz persönlichen Strategien, um mit dieser beispiellosen Lage umzugehen. Künstler verfügen über schier unglaubliche Widerstandskräfte: Sie spüren das unbändige Verlangen, selbst dann noch schöpferisch Brücken zu bauen, wenn ihnen, wie uns allen jetzt notwendigerweise, Dis­tanz zueinander verordnet worden ist. Manche nutzen soziale Medien wie Instagram, um sich «live» miteinander in Verbindung zu setzen oder online kostenlosen Unterricht oder ganze Vorstellungen anzubieten. Zu wissen, dass man trotz allem noch Bewegungen und Schrittfolgen gemeinsam trainieren und lernen kann, selbst wenn Nähe und körperliche Berührung fehlen, gibt Kraft. Dann müht man sich eben im eigenen Wohnzimmer oder auf dem Küchenfußboden ab und tanzt dort! Mich erinnern solche Initiativen an meine Kindheit, als ich irgendwelche Künstler, die im Fernsehen auftraten, in meinem Zimmer imitierte. Das Ganze hat etwas ungeheuer Berührendes und Herzerwärmendes.

Andere Künstler tauschen witzige Memes aus und helfen sich mit Humor über diese düsteren Tage hinweg. Wenn sonst nichts mehr hilft, bleibt immer noch das Lachen als bewährtes, therapeutisches Ventil. Albernheit, aber auch Sarkasmus und Ironie können den eingefleischtesten Pessimisten aufmuntern. Wieder andere begegnen der Generalpause philosophisch oder spirituell, indem sie versuchen, im jähen Einfrieren der zwischenmenschlichen Aktivitäten einen tieferen Sinn zu erkennen. Und dann gibt es diejenigen, die sich komplett aus der virtuellen Welt zurückziehen, die lange Spaziergänge machen und allenfalls das miteinander teilen, was wir allzu oft vernachlässigen: die alljährliche Wiedergeburt der Natur in ihrer frühlingshaften Schönheit. 

Meine Arbeit als Choreograf und Künstlerischer Leiter zweier Kompanien, der ständig mit sozialer Interaktion, mit Planung und Strukturierung zu tun hat, ist bis ins Mark erschüttert. Und doch empfinde ich inmitten die­ses Horrors auch so etwas wie Dankbarkeit: Er ruft mir nämlich unser aller Gleichheit, unsere Hinfälligkeit und die Flüchtigkeit unseres Daseins in Erinnerung. Das macht demütig. 

Wo wird uns das alles hinführen? Unser Körper steht in konstanter Zwiesprache mit der Umgebung. Das spüren wir mehr denn je, seit wir zu gegenseitigem Mindestabstand aufgerufen sind und uns aus Angst vor einer Infektion ständig Gedanken darüber machen müssen, was wir überhaupt noch berühren dürfen. Dieser Virus ist in uns alle eingedrungen: Wir begreifen, dass unser Körper durchlässig ist und einen Raum darstellt, in dem eine Menge vor sich geht. In uns ist Kampf, ist Tanz, in uns vollzieht sich Gemeinschaft. Das wissen Menschen, die bereits mit ähnlichen, potenziell lebensbedrohlichen Krankheiten fertig werden mussten. Es ist wichtig, Angst und Spannungen abzuschütteln und dem Druck mit körperlichem Ausdruck zu begegnen. Das spüre ich, wenn ich Musik anmache – ohne soziale Medien, ohne Webcam und ohne die Absicht, das, was ich tue, mit anderen zu teilen. Ich tanze, um die Intensität zu verdauen und wieder mit meinem ureigensten Ich in Kontakt zu treten. Ich kann nur jedem empfehlen, dasselbe zu tun: Tanzt die Angst vor dem Unbekannten aus euch heraus!

Einen Zauberspruch, der alles wieder gut machen könnte, kenne ich nicht. Aber welche Bewältigungsstrate­gien ihr auch immer verfolgt – ihr seid nicht allein. Bittet Menschen in eurer Umgebung um Hilfe, kommuniziert, seid großzügig und geduldig mit denjenigen, die es schwerer haben als ihr.

Das hier geht uns alle an. Wir müssen den Mut haben zu trauern. Wir können beobachten, zuhören, die Dinge geschehen lassen. Und wenn wir all dies tun, wer weiß, vielleicht finden wir ja zu unserem innersten Selbst, das, irgendwann, endlich wieder mit allen in Verbindung treten kann. 

Aus dem Englischen von Marc Staudacher

Sidi Larbi Cherkaoui ist Künstlerischer Leiter des Ballet Vlaanderen und der Kompanie Eastman in Antwerpen; www.east-man.be 


Tanz Mai 2020
Rubrik: Side Step, Seite 25
von Sidi Larbi Cherkaoui