Artem Ovcharenko, der im Wechsel mit Vladislav Lantratov die Titelrolle tanzt; Foto: Damir Yusupov

Nurejew

Der Regisseur steht unter Hausarrest, das Stück unter Verdacht: Selten hat eine Uraufführung im Vorfeld so viel Wirbel verursacht.

Ovationen, fast eine halbe Stunde lang. Im Parkett: Vertreter aus Wirtschaft, Politik, die Hautevolee Russlands. Zuletzt verbeugt sich das Produktionsteam, auf seinen T-Shirts prangen das Porträt Kirill Serebrennikovs und der Slogan «Freiheit für den Regisseur». So endet ein denkwürdiger Abend am Moskauer Bolschoi-Theater, die mit außerordentlicher Spannung erwartete Uraufführung von «Nurejew».  

Zur Erinnerung: 2016 kündigte das Theater eine Weltpremiere an, gewidmet dem Jahrhunderttänzer Rudolf Nurejew, der sich 1961 aus der Sowjetunion abgesetzt hat.

Bei einem Gastspiel des Sankt Petersburger Kirow-Balletts, das heute wieder Mariinsky heißt, begab sich «Rudik» kurz vor dem Rückflug in die Obhut der französischen Staatsmacht. Der Westen empfing ihn mit offenen Armen, der Tänzer machte Weltkarriere und schrieb Tanzgeschichte, zuletzt als Direktor des Pariser Opernballetts. In der Sowjetunion aber blieb er bis kurz vor seinem Tod 1993 persona non grata.

Uraufführung mit Hürden

Über drei Jahrzehnte später schien die Zeit reif für eine Rehabilitierung. Das Bolschoi, auf dessen Bühne Nurejew nie getanzt hat, setzte die Inszenierung für den 11. Juli 2017 an. Der Premierenabend war ausverkauft, die internationale Ballettwelt bereits angereist. Da erfolgte am 8. Juli die kurzfristige Absage, zunächst in schriftlicher Form. Auf einer Pressekonferenz, die ohne Vertreter des Produktionsteams – Regisseur Kirill Serebrennikov, Choreograf Yuri Possokhov und Komponist Ilya Demutsky – stattfand, verkündete Bolschoi-Intendant Vladimir Urin sichtlich nervös die Absetzung vom Spielplan, was weltweit Schlagzeilen und Skandal machte. Genaueres zum weiteren Schicksal der gekippten Uraufführung wurde seinerzeit nicht mitgeteilt. Aber der Druck war groß, von Zensur die Rede. Schließlich wurde eine Verschiebung angekündigt, die Doppelpremiere für den 9. und 10. Dezember anberaumt. Doch selbst als der Ticketverkauf abermals anlief, konnte niemand mit Sicherheit sagen, ob «Nurejew» wirklich herauskommen würde. Und das nicht etwa wegen künstlerischer Vorbehalte, sondern aufgrund der gesellschaftspolitischen Lage im Land.

Es kursieren drei verschiedene Versionen über den Hintergrund des «Nurejew»-Skandals. Die erste führt die Premierenabsage im Sommer auf die von behördlicher Seite betriebene Verfolgung des Regisseurs Kirill Serebrennikov zurück, der offiziell im Verdacht steht, Gelder an seinem eigenen Haus, dem Gogol Zentrum, veruntreut zu haben. Dahinter aber wird eine Intrige vermutet, Revanche für Serebrennikovs kritische Verlautbarungen zum Kurs der Putin-Regierung. Die zweite Version nennt ursächlich das in Russland geächtete Thema «Homosexualität», das niemand ausblenden kann, der Nurejews Leben schildern will. Die dritte Lesart bezieht sich aufs Budget und die hohen Kosten der Produktion. 

Es gab indes auch Fürsprecher der Aufführung. «Nurejew» wurde nicht nur vom höchst einflussreichen Bankier Andrey Kostin befürwortet, sondern auch von Roman Abramovich, seinerseits ein milliardenschwerer Geschäftsmann. Abramovich ist ein bekennender Ballett-Aficionado, Vize-Präsident des einflussreichen Bolschoi-Beratergremiums und könnte bei den diesjährigen russischen Präsidentschaftswahlen mitmischen, obwohl er es derzeit vorzuziehen scheint, sich aus der Spitzenpolitik herauszuhalten. Kurzum: Die gesellschaftspolitische Gemengelage im Vorfeld der «Nurejew»-Premiere blieb bis zuletzt unübersichtlich. Das trübte zwar das herbeigesehnte Theaterereignis, vermochte es jedoch nicht zu überschatten.

Spektakuläres Gesamtkunstwerk

Serebrennikov hat mit «Nurejew» ein synthetisches Opus kreiert, das über die genuine Ballett-Choreografie hinaus auch Schauspiel, bildende Kunst, Solo- und Chorgesang sowie Geigen- und Harfenspiel auf der Bühne vereint. Über 200 Künstler waren an der Produktion beteiligt und zogen unter der cleveren Gesamtleitung des bis auf Weiteres unter Hausarrest stehenden Regisseurs, der auch für Libretto und Ausstattung verantwortlich zeichnet, erkennbar an einem Strang. Im Ergebnis ging in Moskau nicht weniger als ein alle Sinne ansprechendes, tiefgründiges und optisch spektakuläres Gesamtkunstwerk über die Bühne.

Ähnlich wie in John Neumeiers «Kameliendame» werden die Episoden des biografischen Balletts durch eingeschobene Szenen einer Versteigerung gegliedert, wie sie nach Nurejews Tod tatsächlich stattfand. Dank der aufgeregten Auktions-Atmosphäre treten die Charakterzüge der beteiligten Figuren pointierter zutage, als man es im klassischen Ballett gewohnt ist. Ansonsten folgt die lineare Erzählweise des Librettos den wichtigsten Etappen im überaus bewegten Leben Rudolf Nurejews. Da sind zunächst die frühen Jahre an der Waganowa-Akademie, inszeniert im Rahmen einer – durchaus unorthodoxe Asymmetrien aufweisenden – Ballettklasse: Rudi ist unverkennbar der Klassenbeste. Die Wand des Ballettsaals zieren illustre Porträts des letzten Zaren, Nikolaus II., sowie der berühmtesten Ballettpädagogin des Landes, deren Anfänge in vorsowjetische Zeiten zurückreichen: Agrippina Waganowa. An die Stelle des Zaren-Konterfeis treten im Verlauf des Ballettunterrichts nacheinander die Bildnisse Lenins, Stalins und schließlich Nikita Chruschtschows, der während des Kalten Krieges, in den auch Nurejews Flucht fiel, als Partei- und Regierungschef der Sowjetunion amtierte. Geradezu mit Händen greifbar wird die ideologiegetränkte Atmosphäre jener Epoche, wenn Geheimdienstdokumente über den «abtrünnigen tatarischen Jung-Künstler Nurejew» verlesen werden, während im Hintergrund die Karikatur eines dunkelrot gewandeten Chores ihr Unwesen treibt, sekundiert von Ballettroutiniers, die auf Publikumsvergnügen geeicht sind.

Nurejews legendärer «Sprung in die Freiheit» am Flughafen von Le Bourget wird nicht explizit erwähnt, sondern symbolisch veranschaulicht: Da springt der charismatische Vladislav Lantratov als Nurejew über ein Absperrgitter, wie es bis heute überall anzutreffen ist, wo Menschen gewaltsam voneinander getrennt werden, sind und bleiben. Begleitet wird die beklemmende Stimmung von einem todtraurigen tatarischen Wiegenlied. Denn für Nurejew ist dieser Moment nicht weniger als der Abschied von der Heimat, auf unabsehbare Zeit.

Freiheit einer staatsfernen Kunst 

Anders als die Bolschoi-Ballerina Maya Plisetskaya, die in eine gebildete, als «volksfeindlich» eingestufte Familie hineingeboren wurde und allen Anfechtungen zum Trotz in Moskau blieb, war Nurejew der Sohn eines Soldaten der Roten Armee und von Lebensgier getrieben. Dem Spross einer patriotischen, vergleichsweise mittellosen Familie gingen in Paris natürlich die Augen über. Nicht nur lebten ihm die französischen Kollegen persönliche Freiheit vor, sondern auch die Freiheit einer staatsfernen Kunst. Überdies reizten Travestie, Kabarett, Partys und das exzessive Nachtleben der Seine-Metropole Nurejews Sinne. Diese wie andere «heiße Eisen» in der Vita des Tänzers behandelt das Kreativteam um Serebrennikov mit taktvoller Behutsamkeit. Die berühmte Foto-Session bei Richard Avedon wird als Einführung Nurejews in die libertäre Welt des Westens gedeutet, wobei die Nacktaufnahme des Tänzers, die während der sommerlichen Endproben noch als Großformat die Bühne beherrschte, zur Premiere deutlich geschrumpft worden ist. Serebrennikov hat zudem professionelle Bodybuilder angeheuert, die sich zunächst als beflissene Masseure um den Körper des Megastars kümmern, bevor sie dem zunehmend hinfälligen und hilfsbedürftigen Maestro in den letzten Tagen seines irdischen Daseins treu zur Seite stehen.

Von inneren Dämonen zerrissen

Serebrennikov bettet Nurejews Aufstieg faktengetreu in die wilden 1960er-Jahre ein. Der protestfreudige Zeitgeist mag zusammen mit dem Lebenshunger des Tänzers den Kern seiner ungebrochenen Faszination ausmachen. Dennoch nimmt Serebrennikov auch die Metamorphose in den Blick, die Nurejews rebellischer Geist im Lauf der Jahre durchlief. Hier arbeitet die Inszenierung die ewige Dualität von Spiritualität und irdischer Verwurzelung heraus, das Spannungsfeld zwischen geis-tiger Erhabenheit und profaner Banalität, in dem sich Nurejews Genie bewegte: Einerseits mit Haut und Haar seiner Tanzkunst verschrieben, andererseits nicht weniger verliebt in alles, was mit Luxus und Prachtentfaltung zusammenhing. Diese Zerrissenheit verdichtet sich in einer Theater-auf-dem-Theater-Szene, die – wie auch das Finale – zum Stärksten gehört, was «Nurejew» zu bieten hat. Eine Hälfte der Bühne wird vom strahlenden Sonnenkönig Ludwig XIV. in Anspruch genommen, der, in königliches Ornat gewandet und von devoten Vasallen umringt, Order in die ganze Welt entsendet. Derweil tanzen auf der anderen Bühnenhälfte halbnackte Männer eine beinahe aggressive zeitgenössische Choreografie. Unverkennbar treffen hier Strenge und Saturiertheit des Barockmenschen auf die Verunsicherung und Sinnsuche seines modernen Nachfahren. Es sind die zwei Herzen, die auch in Nurejews Brust schlagen. Ein nicht minder bezwingendes Bild findet Serebrennikov für den scheinbaren Widerspruch zwischen Nurejews Streben nach Ganzheit und seiner Anfälligkeit für Verführungen aller Art: Ein älterer Herr spielt auf der Bühne seelenvoll die Solo-Geige, flankiert von einem attraktiven jungen Mann an der Harfe. Das Nebeneinander dieser beiden gerinnt zum Porträt eines gespaltenen Mannes – Nurejew, von seinen inneren Dämonen schier zerrissen.

 Diese lebhafte, dabei stets plastische Doppelbödigkeit ruft die eine oder andere Kreation des Engländers Matthew Bourne ins Gedächtnis. Zumal Kirill Serebrennikov mit dem talentierten, für sein dramatisches Feingefühl bekannten Choreografen Yuri Possokhov einen nicht minder inspirierten, wenn auch nicht so berühmten Ballettschöpfer an seiner Seite hat. Possokhov hat sich erkennbar von Serebrennikovs Regie beflügeln lassen, selbst wenn er dessen Motive bisweilen mit gegenläufigen Bewegungsmustern zu parieren scheint.

Die Liebe seines Lebens

Wie viel Possokhov von seinem Handwerk versteht, wird sinnfällig, wenn Nurejew und Erik Bruhn – der dänische Tänzer, der als Liebe seines Lebens galt – aufeinandertreffen und damit die Differenzen zwischen russischer Schule und Bournonville-Stil. Genauso eindrucksvoll wirkt es, wenn Briefe von Nurejews Freunden, Protegés oder Bühnenpartnerinnen wie Alla Osipenko und Natalia Makarova verlesen werden, während Tänzer und Tänzerinnen den Verfassern ein Gesicht verleihen. So schlüpft beispielsweise Svetlana Zakharova in Makarovas Haut und kopiert minutiös deren ästhetische Eigenheiten. Herausragend schließlich die beiden choreografischen Bravourstücke des Abends: das dem jungen Nurejew auf den Leib geschneiderte Adagio (mit vier Kavalieren) als Paraphrase des Rosenadagios aus «Dornröschen» sowie das Finale mit einfühlsam abgewandelten Szenen aus dem Schattenakt von «La Bayadère», dem letzten Werk, das der todkranke Nurejew 1992 in Paris herausgebracht hat. Ilya Demutsky, mit 34 Jahren der Benjamin des kreativen Dreiergespanns, war unter den zur Verfügung stehenden zeitgenössischen Komponisten der ausdrückliche Favorit des Regieteams. Schon 2015 hatten Serebrennikov und Possokhov den Petersburger für ihre Bolschoi-Produktion «A Hero of Our Time» verpflichtet. Dafür erhielt Demutsky den begehrten russischen Theaterpreis «Die goldene Maske». Mit «Nurejew» hat er sich nun abermals im bisweilen als unpopulär geltenden Genre der abendfüllenden Ballettmusik behauptet.

Die Tänzer des Bolschoi-Balletts waren am Premierenabend sichtlich nervös und elektrisiert – Folge der nachhaltigen Verwirrung und des Schocks, den die kurzfristige Absetzung der Premiere im Sommer für sie bedeutet hatte. Zugleich war die Anspannung auch Resultat eines immens anspruchsvollen Arbeitspensums, hatte das Bolschoi doch erst kurz zuvor Alexei Ratmanskys «Romeo und Julia» ins Repertoire übernommen. Für «Nurejew» blieb eine Woche Probenzeit übrig, der überdies drei nervenaufreibende Casting-Runden vorausgegangen waren. Die Mühe hat sich gelohnt: Vladislav Lantratov glänzt in der Titelpartie, Vyacheslav Lopatin steht ihm in den Rollen zweier französischer Nurejew-Schützlinge – Charles Jude und Laurent Hilaire – nicht nach. Denis Savin gibt als Erik Bruhn einen Danseur noble aus dem Bilderbuch. Dazu gesellen sich eine exzellente Tänzerinnen-Riege, ein tadelloses Corps de ballet, ein erstklassiger Tenor – Marat Gali, der das Wiegenlied interpretiert – sowie ein nicht minder großartiger Igor Vernik, der als Bolschoi-Gast die gesprochenen Passagen bestreitet.

 

Auf der Höhe der Zeit

Wie wird es nun weitergehen mit «Nurejew»? In den russischen Führungszirkeln wie in Kulturkreisen war die Resonanz kolossal. Niemand bezweifelt, dass man in Moskau Zeuge einer ganz außergewöhnlichen und strahlkräftigen Ballettpremiere geworden ist. Aber wie sich die dramatische Auseinandersetzung mit Rudolf Nurejews Biografie auf Leben und Zukunft von Kirill Serebrennikov auswirken wird, steht in den Sternen. Für das Bolschoi bedeutet die Produktion einen Fortschritt, denn sie ist von hoher Qualität, inhaltlich kontrovers und absolut auf der Höhe der Zeit. Kunst, wie sie Russland gut zu Gesicht steht.  

Postscriptum: Die Tänzerin Alla Osipenko hat an den gerade geflüchteten Nurejew einen Brief geschrieben, den Igor Vernik auf der Bühne verliest. Darin steht ein Satz, der auch als Motto dieser skandalumwitterten «Nurejew»-Premiere dienen könnte und unverändert Gültigkeit besitzt: «Ein Land, das seine Helden nicht wertschätzt – so etwas ist sehr kränkend.»

Aus dem Englischen von Marc Staudacher

 

 


Tanz Februar 2018
Rubrik: Produktionen, Seite 8
von Leila Guchmazova