Musik aus der schwingenden Mitte

Am 4. März wurde in Berlins historischer Mitte der ungewöhnliche Pierre Boulez Saal eingeweiht. Er ist das öffentliche Fenster der 2012 gegründeten Barenboim-Said Akademie. Sie fand Platz in einem Teil des ehemaligen Kulissenmagazins der Staatsoper, das innerhalb von drei Jahren umgebaut wurde. Mit einer bunten Eröffnungssaison lädt der von Frank Gehry entworfene Saal zu vielfältigen musikalischen Begegnungen – in wechselnder Gestalt der Tribünen und Sitzreihen.

Zwei Konzertbesuche geben einen Eindruck von der Attraktion des neuen Berliner Musikorts. Zuerst beim Streichquartett: Der Sitzplatz ist eine Art Barhocker hinter der Brüstung der oberen Sitzreihe. Zusätzlich hineingestellt oder immer da? Es ist unerheblich, vermittelt einen Werkstattcharakter – wie auch die schlichten Stühle auf der Bühnenfläche rund ums Quartett. Licht fällt noch in den Saal, der Blick reicht auf die Straße, auch das ungewöhnlich! Erst kurz vor Konzertbeginn werden die Rollos heruntergelassen. Alle sehen alle, das ist eine neue Erfahrung.

Als Zuschauer ist man ähnlich exponiert wie die Musiker selbst. Besonders wenn man, wie im zweiten besuchten Konzert (syrische zeitgenössische Musik) einem Ensemble gegenübersitzt – direkt am musikalischen Geschehen, aber eben auch auf der Bühne und damit als Mitspieler. Im oberen Rang hingegen ist man etwas vom Geschehen weg, hier schaut man den Musikern auf den Kopf – dafür erlebt man dort intensiver die ins hohe Raumvolumen ausstrahlende Musik. Die Intimität des Raums schafft tatsächlich einen neuartigen Bezug zur Musik, „das Auge hört mit“, sagte Daniel Barenboim.

Beim Eintritt in die Akademie und während der Pausen hat das Auge dann aber auch viel zu sehen. Das Foyer ist gleichzeitig das Atrium der Barenboim-Said Akademie, an den Treppenaufgängen erläutern Text- und Fototafeln das Wirken des West-Eastern Divan Orchestra. Die hohe Rückwand ist mit „Kunst am Bau“ dekoriert: Der handgeknüpfte Bildteppich der Künstlerin Christine Meisner verbindet die beiden Etagen und stellt großformartig die Flüsse Nil, Jordan, Euphrat und Tigris dar.

Die Geschichte der Akademie geht zurück auf eine gemeinsame Initiative von Daniel Barenboim, Chefdirigent der Staatsoper auf Lebenszeit, und dem palästinensischen Literatur- und Kulturwissenschaftler Edward Said. Sie hatten 1999 das East-Western Divan Orchestra gegründet, das junge Musiker aus Israel, Palästina und den arabischen Ländern jeden Sommer zusammenführt. 2012 gründete Barenboim die Barenboim-Said Akademie (Edward Said verstarb 2003), um das Orchester als Ort des gemeinsamen Lernens zu etablieren. Er nutzte die Gunst der Stunde der Sanierung der Staatsoper. Im Zuge der Planung der Sanierung wurde das Magazin der Staatsoper nach außen verlagert und ein Teil des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes zu einem Probenzentrum ausgebaut. Den frei gewordenen Teil erhielt die Barenboim-Said Akademie für 99 Jahre mietfrei vom Berliner Senat und baute ihn für ihre Zwecke aus. Für das Projekt erhielt Barenboim Unterstützung von öffentlicher und privater Seite. Die Finanzierung des 34 Millionen Euro teuren Baus übernahm zu zwei Dritteln der Bund, und auch die Betriebskosten von derzeit 7 Millionen Euro wird er tragen.

Vom Magazin zur Akademie

Der denkmalgeschützte Bau ist Teil des Gesamtkomplexes der Deutschen Staatsoper Berlin und wurde von 1951 bis 1955 nach Plänen des Architekten Richard Paulick errichtet. Für den Ausbau zur Akademie nutzte das Architekturbüro HG Merz die vorhandene Gebäudestruktur. Eine 20 m hohe zentrale Halle gliedert das Gebäude in drei Teile. Vertikal und horizontal verfahrbare Stahlbrücken für den Transport der Kulissen, umlaufende Galerien und Stahlkonstruktionen sowie großformatige Schiebetore zu den Lagerräumen erinnern an die frühere Nutzung. Durch schräg eingestellte neue Räume bleibt die ehemalige Raumstruktur auch weiterhin ablesbar. Das großzügige Foyer an der Französischen Straße führt auf Erdgeschossniveau in den Konzertsaal und dient gleichzeitig als Atrium der Akademie.

„Im Pierre Boulez Saal treffen Ausbildung und künstlerische Kreativität aufeinander. Hier lässt sich die Philosophie der Barenboim-Said Akademie – Bildung durch Musik – in Realität umsetzen. Der Saal wird nicht nur als Bühne für die Studierenden und Lehrenden der Akademie fungieren, es werden auch akademische Veranstaltungen und Konferenzen darin stattfinden“, heißt es in der Broschüre zur Eröffnung. Ein Raum zum Proben, Lernen und für öffentliche Konzerte sollte es also sein. Drei befreundete Grandseigneurs ihrer jeweiligen Zunft taten sich zusammen: Barenboim hatte die Idee, der international renommierte Architekt Frank Gehry aus Los Angeles erstellte die Planung pro bono, ebenso der Akustiker Yasuhisa Toyota. Der Name des Saals ehrt den Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez (1925–2016), ein enger und lebenslanger Freund von Barenboim und Gehry. Alle waren begeistert von Gehrys kühnem Entwurf einer Ellipse – er selbst hegte zwischenzeitlich Zweifel an der Realisierbarkeit. Aber alle wollten ihn, und so nahm der ungewöhnliche Entwurf Gestalt an. In der weiteren Ausarbeitung entstand der nun fertige Raum, der das Publikum eng mit den Musikern zusammenbringt.

„Der mit Holz verkleidete Saal hat 683 Sitze, die über zwei Ebenen angeordnet sind. Sie umgeben die Musiker von allen Seiten. Die obere Ebene besteht aus zwei oval geformten, säulenlosen schrägen Rängen, die leicht gegen die Achse der ovalen Bühne gedreht sind und damit die Sichtlinien verstärken. Der Saal ist intim gestaltet, mit einem maximalen Abstand zwischen Dirigent und dem weitest entfernten Sitzplatz von etwa 14 m. Um eine direkte Begegnung zwischen Zuschauern und Musikern zu ermöglichen, sind die Sitzplätze in feste und mobile aufgeteilt. Diese Flexibilität ermöglicht den Zuschauern, nahe bei den Musikern zu sitzen. Für Solokonzerte und Veranstaltungen mit kleinem Ensemble werden die vorderen Sitzreihen direkt auf der Bühne platziert. Um die Sichtlinien zu verbessern, befinden sich die hinteren Reihen auf Teleskoptribünen. Die oberste Reihe besteht aus einer fest eingebauten Bank, alle anderen Sitze sind flexibel. Die Plätze im oberen Rang sind fest eingebaut; allerdings gibt es Lücken für den Auftritt von Musikern“, so die Projektbeschreibung von Frank Gehry Architects.

Akustik und Architektur

Um das notwendige akustische Volumen herzustellen, wurde der Saal als Haus-in-Haus-Konstruktion realisiert. An der Süd- und Ostseite schaffen jeweils drei Fenster eine visuelle Verbindung nach draußen. So fühlt man sich wie in einem Raum mitten in der Stadt. Mit dem Tageslicht spiegelt der Saal den sich ständig ändernden Himmel von Berlin, schreibt Gehry. An der Westseite schaffen drei Öffnungen die Verbindung zum Atrium der Musikakademie. Im Erdgeschoss und in der ersten Etage wurden diese licht- und schalldicht ausgeführt, und im zweiten Stock entsteht eine visuelle Verbindung zwischen dem Saal und dem Atrium.

Der obere Rang ist wie eine Brücke ausgeführt, die in die neuen Betonwände eingelassen wurden, die sich unsichtbar hinter der Nord- und Südfassade verstecken. Der Balkon besteht aus einem Stahlträger mit einem trapezförmigen Querschnitt. Der Offenheitsfaktor für die Akustik beträgt 35 Prozent. Wie ein Lautsprecher ist die offene Seite der Konstruktion mit akustisch transparenten Materialien verkleidet, die den Schall durchlassen und von den Hauptwänden in den Saal reflektieren.

Die Wände und die Decke sind mit Douglasien-Tanne-Platten verkleidet. Die Oberflächen, die Luftdurchlässigkeit erfordern, wurden entweder offen gelassen oder sind mit Lautsprecher-Stoff verkleidet. Die Handläufe bestehen aus angemaltem Stahl. Die Sitzpolster und das Material wurden von Gehry Partners individuell geplant. Die Wand- und Deckenoberflächen sind wegen der akustischen Anforderungen leicht gewellt, und die Fenster bestehen aus drei Glasschichten, um Schalldichte zur Straße hin zu erzielen.

Von der Planung zur Ausführung

Das Architekturbüro rw+ war mit der Ausführungsplanung und Projektleitung für den Saal betraut. Für das Büro bedeutete es eine große Herausforderung, die Schwünge des Saals baulich umzusetzen: „Der Konzertboden aus massiven Holzdielen wirkt mit seiner zimmermannsmäßigen Konstruktion als eigener Klang­körper an der gesamten Raumakustik mit. Um in der Ausführungsplanung auch kom­plexe Geometrien von Entwürfen in ihrer Gesamtheit zu erfassen, wurde mithilfe von 3D-Koordinaten jeder individuelle Gestaltungsansatz im CAD exakt bemessen und konstruiert. Um den zweifach geschwungenen, elliptischen Verlauf des Rangs bestimmen zu können, wurde der Entwurf geometrisch in Quadranten aufgeteilt, die mittels konzentrischer Achsen weiter detailliert wurden, um eine genaue Ermittlung von Radien, Maße und Höhen aus der Planung entnehmen zu können. Die gesamte Ausführungsplanung wurde in einem 3D-Modell erstellt.“

Die Firma Müller-BBM war mit der Bauakustik beauftragt. Die Ausführungen von Projektleiter Thomas Goldammer können wir an dieser Stelle nur auszugsweise zitieren: „Ein wichtiger Aspekt bei der Planung des Konzertsaals war die Sicherstellung eines ausreichenden Schallschutzes, damit der Konzertgenuss insbesondere bei leisen musikalischen Passagen und verklingender Musik nicht durch störende Geräusche beeinträchtigt wird. In einer frühen Phase des Projekts wurden seitens der Fa. Müller-BBM Erschütterungsmessungen durchgeführt, um sicherzustellen, dass es durch Erschütterungen aus dem unmittelbar angrenzenden Straßenverkehr nicht zu einer unzulässig hohen Schallübertragung in den Saal kommt. Üblicherweise wird bei der Planung eines neuen Konzertsaals darauf geachtet, dass der Saal nicht unmittelbar an eine Außenfassade angrenzt. Beim vorliegenden Pierre Boulez Saal war dies nicht möglich. Seitens der Fa. Müller-BBM wurden in Zusammenarbeit mit den Architekten die Fassadenkonstruktionen und dabei insbesondere die Fensterkonstruktionen zur Erzielung eines ausreichenden Schallschutzes entwickelt. Durch die ebenfalls seitens Müller-BBM geplanten raumakustischen Maßnahmen in den Proberäumen konnten optimale Probebedingungen für die Studierenden realisiert werden.“

Die Ergebnisse ihrer Proben, aber auch viele Gastensembles und Solisten aus aller Welt finden regen Zulauf und finden ein neues Publikum, alle Konzerte waren in kürzester Zeit ausgebucht. Berlins Mitte hat jetzt einen Ort mit neuer Musik und jungen Menschen aus aller Welt, der in die historische Umgebung ausstrahlt. Beim Besuch tagsüber sind die jungen Musiker eifrig diskutierend im Atrium zu beobachten. Gerade laufen Aufnahmeprüfungen für die neuen Stipendiaten. Gemeinsam musizieren und die Welt ein bisschen friedlicher machen, diese Aussicht stimmt optimistisch.


Projektbeteiligte

Bauherr: Daniel Barenboim Stiftung
Architektur: – Akademie: HG Merz Architekten, München
– Saal: Gehry Partners, Los Angeles
Akustik: – Raumakustik: Nagata Acoustics, Los Angeles
– Bauakustik: Müller-BBM, München
Ausführungsplanung: rw+ Gesellschaft von Architekten, Berlin


English version: Please download the BTR app or visit www.der-theaterverlag.de

 


BTR Sonderband 2017
Rubrik: Thema: Neu- und Umbauten, Seite 18
von Karin Winkelsesser