Mit Mut zur Lücke

Das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Nun wurde es nach einer aufwendigen, sechsjährigen Restaurierung wiedereröffnet

Es gibt viele Zahlen, die sich mit der Wiedereröffnung des Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth verbinden. Natürlich sind da zunächst die knapp 30 Millionen Euro, die der Freistaat Bayern für die Restaurierung zur Verfügung gestellt hat. Markus Söder, der in seiner Funktion als Finanz- und Heimatminister mit dem Projekt vielfach beschäftigt war, fasste es bei seiner Eröffnungsrede – nun als neuer Ministerpräsident – in große Worte. Der Kulturstaat sei die «Basis für eine stabile Demokratie», deshalb dürfe man daran nicht sparen.

Rund 95 000 Arbeitsstunden waren nötig, um das 1748 eröffnete barocke Juwel so weit als möglich in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen und gleichzeitig – vom Dachstuhl bis zu den Toiletten – zukunftsfähig zu machen. Wir wollen uns an zwei kleinere Zahlen halten, die gleichwohl viel erzählen über das Markgräfliche Opernhaus, seine Geschichte und seine Gegenwart, die am 12. April 2018 mit einem Festakt und einer eigenwilligen Fassung von Johann Adolph Hasses «Artaserse» begann.

Die Bauzeit betrug vier Jahre, die Restaurierung sechs Jahre. Was sagt uns das? 1744 wurde die damals elfjährige Tochter der Markgräfin Wilhelmine verlobt. Keine Sache der Liebe natürlich, sondern – wie schon bei der Mama – eine des politischen Kalküls. Die Hochzeit sollte zum frühestmöglichen Zeitpunkt stattfinden: 1748, da hatte die junge Herzogin das Mindestalter erreicht. Vier Jahre also, um durch das Opernhaus einen Rahmen zu schaffen, der mit den Höfen in Berlin, Dresden und Wien konkurrieren konnte. Wilhelmine war preußische Königstochter und (ältere) Schwester Friedrichs II. Nie vorher und nachher in ihrem Leben konnte sie das so glanzvoll demonstrieren wie bei der Hochzeit ihrer einzigen Tochter. Der Architekt musste ein Star sein: Giuseppe Galli Bibiena, dessen Onkel ein halbes Jahrhundert zuvor mit dem kaiserlichen Hoftheater in Wien für Furore gesorgt hatte. Der große Baumeister lieferte Entwürfe, überließ die Arbeit vor Ort aber weitgehend seinem Sohn, der sich – Anfang 20 – damit profilieren sollte (und konnte).

Der Zeitdruck muss enorm gewesen sein. Die Teile des prunkvollen Logenhauses wurden vielfach außerhalb angefertigt und in Bayreuth eilig eingepasst. Dass dabei häufig frisch geschlagene Hölzer verwendet wurden, die sich nach dem Einbau spalteten, kann man heute wieder sehen. Überhaupt sind Holz und Leinwand als (alleinige) Baumittel nach der Restaurierung erlebbar. Anfassen erlaubt. Anders ausgedrückt: Das Haus kann wieder atmen. Verlernt hatte es das spätestens seit den 1930er-Jahren als es – damals wie heute von der Bayerischen Schlösserverwaltung – denkmalpflegerisch saniert wurde: Bindemittel und giftiger Holzschutz kamen zum Einsatz, Übermalungen, neue Vergoldungen und eine Verkleinerung der Bühnenöffnung waren gut gemeint und verschandelten doch im Sinn einer fiktiven Barockschwere. Das Logenrund dunkelte stark nach. 1748 dagegen muss es hell und farbsensibel zugegangen sein: Man setzte auf Tempera-Malerei und lichttechnisch günstige Farbpigmente. Das ist nun wieder nachzuvollziehen. Fein abschattierte Grüntöne strahlen festlichen Glanz aus. Und wenn – wie bei den Säulen der Königsloge – nur die Grundierung historisch erhalten ist, bleibt es dabei. Sprich: keine Anpassung an die gegenüberliegenden Säulen des Bühnenportals.

Die Arbeit der bis zu 30 Restaurateure zeigt Mut zur Lücke, auch im wörtlichen Sinn: Zwei deutlich sichtbare Bretterkreise im Bühnenrahmen bleiben unbemalt, weil sie zur Barockzeit als Wasserklappen für den Brandfall dienten. Die gegenwärtige Fassung leugnet also Benutzungsspuren keineswegs, präsentiert das Haus auch nicht in perfektionierendem Historismus, sondern erzählt seine Geschichte. Deshalb hat sie so lange gedauert. Dass sie durch eine geplatzte Wasserleitung um fast ein Jahr zurückgeworfen wurde, kommt hinzu. Der wie immer und überall heute dominierende Brandschutz natürlich auch. Heizung und Lüftung sorgen für ein stabiles Raumklima. Der alte, neue Bühnenrahmen, der sich 14 mal 10 Meter aufspannt, wirkt vis à vis des filigranen Logenhauses monumental, und man versteht, wie gewagt die Proportionen des Hauses konzipiert sind. Bevor einem im Festdekor des Innenraums die Augen übergehen, stellt sich ein überraschender Bezug ein: Durch die weiße, hohe Treppenhalle gelangt man ins Innere wie in einen Schiffsbauch. Ganz so wie es heutige Architekten wieder für Konzert- und Opernhäuser lieben, etwa Jean Nouvel beim vielbewunderten KKL in Luzern.

Wie 1748 sollte auch 2018 «Artaserse» auf dem Programm stehen. Was die 460 Ehrengäste (darunter die Festspielspitze mit Katharina Wagner und Christian Thielemann, aber auch spätadelige Häupter wie Herzog Franz von Bayern und Georg Friedrich Prinz von Preußen) erlebten, war jedoch ein Pasticcio, das die Bayerische Theaterakademie speziell für den Anlass zugeschnitten hatte. Teile von Hasses Oper wurden durch Ausschnitte aus dessen «Ezio» und eine von Wilhelmine komponierte Arie aus «Argenore» ergänzt, vor allem aber mit dem Leben der Markgräfin verknüpft. Historisch gesehen alles andere als ein Sakrileg («L’Huomo», Wilhelmines bedeutendste Bayreuther Theaterschöpfung, ist ebenfalls ein Pasticcio, siehe OW 4/2018), krankte das Unterfangen daran, dass die gesungenen, gesprochenen und projizierten Textebenen sich nicht wirklich befruchteten, das inszenatorische Konzept von Balázs Kovalik überladen wirkte, die Gesangstudierenden der Akademie teilweise mit der von Hasse vorausgesetzten Virtuosität überfordert waren. Michael Hofstetter und die Hofkapelle München konnten da nicht viel retten. So bleibt vor allem Anja Silja im Gedächtnis, die als alte Markgräfin rezitierend ihre ganze Darstellungskunst einsetzte.

Die Zukunft des Markgräflichen Opernhauses wird wesentlich vom Nutzungskonzept abhängen, das aber bislang diffus bleibt. Eigenes Personal gibt es vorerst nicht. Die Schlösserverwaltung spricht von einem «denkmalverträglichen Spielplanbetrieb». Der braucht kreative Ideen, die über übliche Barock-Schienen hinausgehen, will man das Unesco-Weltkulturerbe nicht mit Führungen und Tourneeware abspeisen.


Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Stephan Mösch