Magie aus Raum und Licht schaffen

Das Lebenswerk der Licht- und Raumkünstlerin rosalie

Am 12. Juni verstarb die Bühnen- und Kostümbildnerin rosalie, wir veröffentlichten die traurige Nachricht in Heft 3. Peter Weibel, Freund und künstlerischer Begleiter, würdigt die Künstlerin als Wegbereiterin für einen neuen Blick auf Oper, Tanz und Theater. Sie hatte sich immer mehr von der Bühnen- zur Lichtkünstlerin entwickelt und für ihre Installationen und Bühnenräume mit neuartigen Technologien experimentiert, um das Publikum zu inspirieren.

Das klassische Bühnenbild ist ein Teil der Raumkunst, das heißt der Skulptur und der Architektur. Dazu gehört aber auch die Malerei, also die Bildkunst. Denn das klassische Bühnenbild soll Szenen schaffen, in denen sich die Handlung abspielt. Aber was sind Szenen? Mit Objekten, Menschen, Bühnenbildern, Kostümen, Lichtgestaltung, Klang und Bewegung werden solche Szenen geschaffen. Deswegen spricht man von „Inszenierung“, das heißt das In-Szene-Setzen von Gesang (in der Oper), von Literatur (im Theater) oder Tanz. Was das Publikum sieht, ist auch immer Teil des Raums. Was das Publikum hört, ist ebenfalls Teil des Raums. Raumklang und Raumbild, also das Bühnenbild, sind die Plattform für die Handlung. Die Handlung selbst ist also ein Schauspiel, ein visuelles Ereignis, das in der Oper von der Musik und im Schauspiel vom Text begleitet wird.

rosalie hat das Bühnenbild zu einer Inszenierungskunst vorangetrieben, weil sie Bild, Text und Musik gleichwertig zu szenischen Elementen gemacht hat. rosalies Bühnenbilder waren immer Hörspiele für die Augen und Schauspiele für die Ohren, Resonanzkörper für Bildkunst, Raumkunst, Musik und Text. All die Partikel, aus denen eine Oper, ein Schauspiel oder ein Ballett bestehen, wurden durch ihre Inszenierungen zum Sprechen gebracht.

Das Regietheater der Gegenwart besteht in der Hauptsache aus einer Neuinterpretation des Textes und der Handlung. Dieser passen sich Kostüme und Szenenbild an. rosalie ging einen anderen Weg. Ihre Inszenierungen haben die Elemente der Oper und des Theaters vereinzelt und gleichberechtigt verabsolutiert. Sie hat also das Licht interpretiert oder den Klang interpretiert oder das Bild interpretiert – und ausgehend von diesen künstlerischen autonomen Elementen die Inszenierung gestaltet. Sie hat alle szenischen Elemente in eine neue Kunstform verwandelt.

Nehmen wir eines ihrer berühmtesten Werke als Beispiel, nämlich die grünen Regenschirme als Wald in der legendären Aufführung im „Ring des Nibelungen“ (Siegfried, 2. Akt, „Waldweben“) bei den Bayreuther Festspielen 1994 bis 1998, den sie als erste Frau weltweit mit Bühnen- und Kostümbild schuf. Ein konventioneller Bühnenbildner hätte den Wald mimetisch gemalt oder mittels zweidimensionaler Pappfiguren Bäume simuliert oder einen echten Eichenwald verpflanzt. rosalie hat aus dieser Gegenstandswelt nur die Farbe Grün, das Grün des Waldes, subtrahiert. Sie hat auch die Perspektive verändert. In der menschlichen Proportion sind die Bäume höher als menschliche Körper und daher blicken wir im Wald hinauf zu den Baumwipfeln. Vom Waldboden aus erscheint er als grüne Kuppel, als geschlossener Dom in der Farbe Grün. Dieser Perspektivwechsel ist das eigentliche entscheidende Moment. Der im Zuschauersaal sitzende Betrachter erfährt eine Elevation und blickt von unten in die Wipfel und von vorne auf die Akteure. Diese widersprechenden Blickachsen sind in der Kunstgeschichte von Werken  Caspar David Friedrichs bekannt.

Mit realem Licht zeichnen

Ein wesentliches Erbe der Romantik ist auch die Lichtgestaltung in einem Gemälde, zum Beispiel Caspar David Friedrichs „Gebirgslandschaft mit Regenbogen“ (1809 bis 1810). Unter einem dunklen Himmel düsterer Wolken fällt Licht auf einen Wanderer. In der Malerei wurde das natürliche Sonnenlicht mit Farben dargestellt. rosalie macht einen Schritt in die Gegenwart, indem sie künstliches, von Menschen gemachtes Licht, also reales Licht, und nicht gemaltes Licht einsetzt. Daher hat sie im dritten Akt der Oper „Die Walküre“ den Walkürenritt aus Flugwerken als mobile Lichtobjekte inszeniert. Die Sängerinnen standen in Halbröhren, die sowohl von oben nach unten als auch in die räumliche Tiefe schwenkten. Lichtinstallationen spielten in diesem „Ring“ durchweg eine zentrale Rolle.

In fast allen ihren Bühnenbildern schuf sie eine Imago aus Licht. Das Licht wurde zu einem bevorzugten Medium ihrer Bühnenkunst. 1997 begann sie, das Licht aus dem Bühnenbild zu vereinzeln und autonome Lichtprojekte zu verwirklichen. Für die Installation „genial trivial“ (1997) schuf sie unter anderem einen Kronleuchter aus Plastikeimern als Lichtgefäße. Diese Idee hat sie für die Donaueschinger Musiktage weiterentwickelt. Sie schuf „Hyperion_Fragment, eine Komposition aus Licht“ (2006 bis 2008) im Dialog mit „Lichtmusik für Großes Orchester“ (2006) von Georg Friedrich Haas. Klang und Licht wurden damit zu gleichwertigen und zu einer Art kontrapunktischen Elementen des Wahrnehmungsakts. rosalie zeigte diese Arbeit anschließend als autonomes Kunstwerk, als kinetische Lichtskulptur im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe (2008 bis 2009).

Diese Arbeit bestand aus 3150 computergesteuerten Beleuchtungseinheiten, beleuchteten Farbeimern, die einen kontinuierlichen Lichtfluss mit den unterschiedlichsten Farbtönen zeigen. So entstand ein überdimensional großes Display von 9,25 × 27 m, bei dem jedes einzelne Lichtpixel aus einem handelsüblichen weißen Plastikeimer bestand, deren Farbwerte von Computern gesteuert wurden. Aus einer genau erarbeiteten Partitur entstanden unaufhörlich Lichtkompositionen, Farbflächen, -flecken und -linien aus Licht. Es entstand eine freie Malerei mit und aus Licht. Aufgrund der synästhetischen Beschaffenheit des Gehirns konnte man auch die Lichtpunkte als Noten prozessieren und eine unhörbare Musik erleben. Dadurch wurde die Lichtmalerei zu einer Lichtkomposition.

Vom Bühnenbild zur Lichtskulptur


rosalie verwandelte sich Anfang des 21. Jahrhunderts von einer Bühnenkünstlerin immer mehr zu einer Lichtkünstlerin. Ab 2004 arbeitete sie mit Lichtkompositionen aus Neonsystemen und ab 2007 mit Systemen aus Lichtfasern, wie etwa bei der Lichtskulptur „Helios“ (2007). Ursprünglich war „Helios“ eine Installation aus verschlungenen Lichtleitkabeln, geschaffen für die Musikperformance „Verklärte Nacht“ (2006). Für den Subraum des ZKM_Kubus wurde das technische Material für eine Lichtskulptur  neu eingerichtet. Mit Lichtkabeln zog rosalie ein komplexes Gewirr von Linien durch den Raum. Eingehegten Feldern von Linien waren Farben zugeordnet, die asynchron moduliert waren. So entstand ein dynamisches Spiel der Farben, eine unendliche Farbmalerei im Raum.

„Helios“ war ein skulpturales Farbgemälde, das sich ständig änderte. Ich nannte seinerzeit wegen dieser Arbeit rosalie „den Jackson Pollock der Lichtmalerei“. Das Licht, das aus der Unendlichkeit kommt, wird in einem schöpferischen Akt selbst zu einem unendlichen Prozess.

rosalie hat mit dem Licht die Mittel der Malerei erobert und mit den Objekten die Mittel der Bildhauerei. Bei ihr wird das Bild selbst zur Bühne bzw. zu einer Skulptur. Gleichzeitig wird das Element der Zeit betont. So gewinnt rosalie auch die vierte Dimension der Zeit dazu. Licht und Farbe bewegen sich durch den realen Raum. Wir sehen ein kinetisches Lichtkunstwerk. 2007 schuf rosalie anlässlich des Festaktes „10 Jahre ZKM“ zur Musik von Wolfgang Rihm und der Choreografie von Terence Kohler die kinetische Lichtskulptur „Étude d’après Séraphin“ .

Zeitgenössisches Gesamtkunstwerk

In den nächsten Jahren hat sie ihre Lichtkunst einerseits immer mehr als Bühnenbild in den Dienst von Kompositionen gestellt, andererseits Bühnenbilder immer mehr zu abstrakten autonomen Lichtkunstwerken gemacht, zu Lichtkomposition. Dadurch hat sie eine selbstständige Sprache des Lichts entwickelt, zum Beispiel „CHROMA_LUX“ (2009) im ZKM und vor allem die aufwendigen Rauminstallationen für „Weltenschöpfer, Richard Wagner, Max Klinger, Karl May“ im Museum der bildenden Künste Leipzig 2013.

Damit schuf sie eine Vision vom Gesamtkunstwerk in zeitgenössischer Form, in dem Wagners Helden- und Götterwelt in Bewegung und farblicher Verwandlung auf einer monumentalen kinetischen Lichtleinwand in Erscheinung traten. Die fantastische Bildwelt Klingers kommt in einem romantischen Sehnsuchtsort zur räumlichen Gestalt. Ein  interaktiver Konzertflügel wird inmitten einer aus Lichtfasern und Zellwolle arrangierten Landschaft präsentiert. Die Landschaftsschilderungen Karl Mays werden durch das Motiv der Gebirgsschlucht versinnbildlicht. In ihr taucht der Besucher ein, umgeben von einer beweglichen Tapete aus Projektionen und Licht.

rosalie hat sich mit ihrer bühnenbildnerischen Arbeit von Anfang an auf das Licht bezogen. Im Laufe der Entwicklung wurde aus der szenischen Künstlerin auch eine Lichtkünstlerin. Weil ihre Bühnensprache, bestehend aus Objekten, Licht, Kostümen, Plastiken, Malerei und Grafik, so universell war, konnte sie in allen Disziplinen reüssieren – in der Oper wie im Schauspiel, im Ballett und im Museum. Durch den Einsatz aller Mittel, auch der jeweils neuesten Entwicklungen der Licht- und Computertechnologie, hat sie schlussendlich eine neue Form der Raumkunst geschaffen und ein universelles Theater des Lichts.

Wir wissen, dass wir alles, was wir wissen, durch das Licht wissen. Das Licht ist eine Botschaft vom Anfang des Universums, das Millionenjahre zu uns reist. Das Licht ist die Grenze unseres Ereignishorizonts. Dort, wo kein Licht ist, fehlt uns die Information, der Zugang zu dem, was vorher war. Das Licht ist eine Botschaft des Universums. rosalie ist eine Botschafterin des Lichts.

Der Autor: Peter Weibel, Künstler, Kurator und Medientheoretiker, ist seit 1999 Vorstand des ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe. Er hat die Ausstellungen und Installationen von rosalie im ZKM kuratiert, zwei Bücher und zahlreiche Artikel über ihre Arbeit veröffentlicht, auch in der BTR. Er war rosalie freundschaftlich verbunden. In Heft 2/2017 stellten wir im „Büchermarkt“ mit „Musik und Medien“ den zweiten Band seiner mehrteiligen „Enzyklopädie der Medien“ vor.


Erinnerungen an rosalie

Die Bühnen- und Kostümbildnerin und Installationskünstlerin wurde am 24. Februar 1953 als Gudrun  Müller geboren. Später nannte sie sich rosalie, die zarte Rose unter ihrer Unterschrift wurde zu einem Markenzeichen. Sie studierte neben anderem von 1975 bis 1982 Malerei, Grafik und Plastisches Arbeiten an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, unter anderem bei Jürgen Rose. Mit ihrem Tod verliert die Theater- und Kunstwelt eine inspirierende Kraft, und die Studenten an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach eine, wie sie selbst in ihrem Nachruf schreiben, „engagierte Lehrerin, die mit ihrer Energie das selbst unmöglich Scheinende stets möglich gemacht hat. Wir werden ihre Herzlichkeit und Menschlichkeit vermissen.“

Bei allem Ehrgeiz und künstlerischen Elan war rosalie immer auch interessiert an persönlichen Kontakten und daran, ihre Arbeit zu kommunizieren und ihre Erfolge mit anderen zu teilen. So gingen oftmals handgeschriebene Einladungen zu Vernissagen oder Premieren, natürlich auch zu den Ehrungen, die ihr im Laufe ihrer Karriere zuteilwurden, bei uns ein. Gern aber auch meldete sie sich in Abständen telefonisch, um zu berichten und Neues aus der Redaktion zu erfahren. Wenn wir Artikel planten, sorgte sie gemeinsam mit Thomas Jürgens, ihrem Wegbegleiter seit 1992, akribisch dafür, dass Texte und Fotos in allerbester Qualität bei uns eintrafen. Natürlich war es persönlicher Ehrgeiz, dass sie ihre Arbeit gut präsentiert wissen wollte. Aber gleichzeitig hatte es für sie viel mit Respekt gegenüber den anderen zu tun. So war es für rosalie selbstverständlich, sich nach einer Veröffentlichung für den redaktionellen Einsatz zu bedanken und neue Vorschläge zu machen. In ihren Werken bleibt sie bei uns, so an der Oper Leipzig mit „Salome“ , an der Volksoper Wien mit „Romeo et Juliette“ (Premiere im Dezember) und in der Ausstellung „Lichtwirbel“ im Schauwerk Sindelfingen (bis zum 7. Januar 2018). Über diese Arbeiten hätten wir gern mit ihr gesprochen.
Karin Winkelsesser

English version

 


BTR Ausgabe 4 2017
Rubrik: Thema: Produktionen, Seite 14
von Peter Weibel