Lukas Bärfuss

Lukas Bärfuss bekommt den Büchnerpreis 2019. Zuletzt uraufgeführt wurde Ende 2018 sein «Elefantengeist».

«Der Elefantengeist»

Endlich mal keine düstere Dystopie zum weiteren Untergang des Abendlandes, sondern eine Zukunftsvision, die nicht heller und erwartungsfroher strahlen könnte: Die Menschheit, wie sie Lukas Bärfuss zumindest am Anfang seines neuen Stücks vorstellt, lebt nach dem Prinzip von «Hingabe, Wohlwollen und Freundschaft», hat Kriege und allen Streit hinter sich gelassen, spricht sich gegenseitig in leicht geschraubt-salbungsvollem Ton an und wirkt überhaupt wie ein Wellnessclub in der Meditationspause. So jedenfalls die Mitglieder einer archäologischen Expedition – ausgesucht höfliche, promovierte Herrschaften, die sich auch gegenseitig mit ihren Doktortiteln anreden –, die unter Leitung von Dr. Matthias die Ruinen von Bonn erkundet und dabei auf die erstaunlich gut erhaltenen Reste des Kanzlerbungalows stößt.

Leider haben die akademischen Pfadfinder von übermorgen nicht mit dem Genius loci gerechnet, in diesem Fall dem titelgebenden «Elefantengeist». Denn die ätherischen Ströme aus dem Bungalow-Wrack transportieren – so will es der Autor – die giftigen Dämpfe aus den Tiefen des letzten Jahrhunderts wie aus einem alten Pharaonengrab und umwölken zunehmend die Hirne der Ausgräber. Besonders die im Schutt gefundene, halb vermoderte Biografie eines gewissen Dr. Helmut Kohl, dem letzten Bewohner des Bonner Unorts, hat unheilvolle Auswirkungen. Die längst überwunden geglaubten Laster und Leidenschaften der Vorväter greifen auf die aseptischen Zukunftsmenschen über: Liebe, Eifersucht, Streit, Macht, Revolte und was sonst noch zum zwischenmenschlichen Unterhaltungsprogramm des 20. Jahrhunderts gehörte.

Die ausführliche Besprechung von Lukas Bärfuss' Stück «Der Elefantengeist» und das Stück im Volltext erschienen in Theater heute 11/2018.