Licht als emotionale Antwort auf Musik

Das prämierte Lichtdesign für die Live-Auftritte der Band alt-J

Hamburg, Köln, Berlin und München – im Januar 2018 stellte dort die britische Band alt-J auf Live-Konzerten ihr neuestes Album „Relaxer“ vor, bevor es weiter durch Europa, Indien und die USA ging. Unverwechselbar sind die Stimme des Sängers Joe Newman und der experimentierfreudige Stilmix der Band. Einzigartig ist auch das Licht- und Bühnendesign von Jackson Gallagher und Jeremy Lechterman für die Tour, das 2017 auf der PLASA in London ausgezeichnet wurde.

Ihre Deutschlandtournee 2015 führte die Band alt-J noch in mittelgroße Hallen, aber an diesem Januarabend 2018 füllen sie nahezu komplett die Berliner Max-Schmeling-Halle (bis 12.000 Plätze) und am folgenden Abend die Münchner Olympiahalle (bis 15.500 Plätze). Clubatmosphäre in dieser großen Berliner Veranstaltungshalle – das sparsam und sehr konzentriert gesetzte Licht schafft das bei etlichen Songs. Dieses akzentuierte Spiel mit Licht und Schatten stammt von den jungen amerikanischen Designern Jackson Gallagher und Jeremy Lechterman, die sich auch FragmentNine nennen. Die Konturen von Technik und Bühne bleiben im Dunklen. Nahezu statisch verharren die drei Musiker Joe Newman (Gitarre/Gesang), Thom Green (Drums) und Gus Unger-Hamilton (Keyboards) auf ihren Positionen. Und lassen sich so effektvoll in Szene setzen: mit Lichtakzenten nur auf ihren Gesichtern und Instrumenten. Das fokussierte Licht funktioniert selbst auf große Entfernung in der Halle, konzentriert den eigenen Blick auf die Bühne. Keine One-Man-Show mit einem Star im Lichtkegel wird hier gezeigt, sondern die Band, die Musiker zusammen werden inszeniert.

alt-J spielt und variiert Brit-Pop und Folk, Indie- und Alternativ-Pop, auch Hip-Hop-Rhythmen – die Zuschreibung der Musikstile der 2007 gegründeten britischen Band ist bunt, musikalisch scheint es für die Band kaum Schranken zu geben. Die verschiedenen Musikstile in ihren Songs ergeben im Konzert ein stimmiges Ganzes: mal melancholisch, mal kraftvoll, dann dynamisch. Eingängige Melodien kontrastieren experimentelle Passagen. Weder basslastige Elektro-Klänge noch akustische Gitarre fehlen – Abwechslung pur, die von Experimentierfreude zeugt und den Sound unserer Zeit offenbart. 

Statt knalliges, wirbelndes Showlicht über Bühne und Publikum zu gießen, haben Gallagher und Lechterman viele Bilder und Momente von großer Klarheit und Räumlichkeit designt. Videos und Scheinwerfer bilden homogene Farbflächen und Formen, bringen die Bühne zum Funkeln, sie scheint sich zu bewegen, strahlt, pulsiert. Auch Laser-, Stroboskopeffekte und „Lichtgewitter“ fehlen dem Konzert bei energetischen Sounds nicht. Im Wechsel mit „leisem“ Licht unterscheidet sich das gesamte Design doch von dem, was auf vielen Konzert-Bühnen momentan zu sehen ist. Davon war auch die Jury des „Knight of Illumination Award“ überzeugt, den die beiden Endzwanziger im vergangenen Jahr erhalten haben.

Eine unglaubliche Ehre

In unserem Telefoninterview hört man Jackson Gallaghers Freude und Stolz über diese Auszeichnung, denn für die jungen und in der Branche noch neuen Designer ist eine solche Ehrung keine Selbstverständlichkeit. In der Kategorie „Concert Touring and Events“ erhielten sie im September 2017 den GLP Award for Arena auf der PLASA in London. Es ist der einzige Preis, der professionellen Lichtdesignern gewidmet ist. Die Trophäe, ein Schwert, hat nun einen Ehrenplatz in Gallaghers Büro: „Dass wir in unserer Branche anerkannt werden, ist einfach unglaublich! Ich wusste gar nicht, dass wir in die engere Wahl kamen. Es ist großartig, durch einen solchen Award ausgezeichnet zu werden. Das erfüllt uns mit Zufriedenheit und Selbstvertrauen, denn wir haben mit Herz und Seele an der alt-J-Show gearbeitet.“ Der Preis war zugleich eine Belohnung für viel Stress, mit drei parallelen Show-Designs im vergangenen Herbst. 

Gallagher und Lechterman kennen sich von der Carnegie Mellon University (School of Drama), wo sie im Hauptfach Lightdesign und Technical Theatre studierten und erstmals zusammenarbeiteten. Lechterman ist seit 2014 für alt-J engagiert, Gallagher stieß etwas später dazu. Lechterman war bei seiner ersten Konzert-Begegnung mit alt-J von ihrer Musik total begeistert, erinnert er sich. „Diese fantastischen Musiker brauchen dringend ein Lichtdesign“, dachte er. „Ich sprach mit dem Management und sie ließen mich designen, seitdem arbeiten wir zusammen.“ Das Miteinander von Designern und Musikern sei von großem Vertrauen und künstlerischer Freiheit geprägt, erzählt er, sie seien als Experten in ihrem Fachgebiet anerkannt. „Das ist einfach großartig, ein so freies Konzept!“ Eben dieses Vertrauen hat sich durch ihre jahrelange gemeinsame Arbeit entwickelt. „Jackson arbeitet viel mit dem Manager der Band zusammen. alt-J unterstützt uns generell immer, egal welche Vision wir für die Show wählen. Andere Kunden sind da anders, wollen voll und ganz involviert werden – in jeden Einsatz, in jeden Lichteffekt, in jeden Moment. Wir schätzen und mögen beide Erfahrungen.“ 

Feuer, Wasser oder ein Alien – ein großes emotionales Bild

Ihre Begeisterung begleitet die beiden jungen Männer bis heute bei ihrer Arbeit für alt-J: „Es ist eine sehr besondere und einzigartige Erfahrung, mit diesen Musikern zu arbeiten“, betont Jackson. „Du gehst nicht zu einer Rock-Show und willst nicht die ganze Zeit nur den Frontsänger sehen. Das Publikum möchte eher die Musik und die Atmosphäre erleben. Und wir erzeugen diese Atmosphäre durch das Zusammenspiel von Musik, Licht und Video. Das ergreift das Publikum eher, als einem einzigen Performer zuzugucken.“ Befragt nach ihren Inspirationen, erzählt Jackson, welche Bilder die Musik in ihnen weckt, was die Songs in ihnen auslösen: „Das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Manche Songs fühlen sich an wie Feuer, manche wie ein Sonnenuntergang, einige wiederum fühlen sich wie ein Alien an. Durch das Gefühl des Songs kommt es uns vor, als befänden wir uns beispielsweise unter Wasser. Das ist generell unser Konzept, mit dem wir arbeiten, so gelangen wir an unsere Videoinhalte. Wir nähern uns der Musik zunächst wie einem großen emotionalen Bild, dann engen wir unseren Blick ein, verfeinern ihn Stück für Stück. Die Show soll nicht nur eine Ansammlung von Songs sein, sie muss als Ganzes Herz haben. Und wir nehmen die Songs nicht zu wörtlich: Geht es in einem Song um Sterne, werfen wir keine Sterne auf die Bühne. Uns geht es mehr um das Gefühl, das der Song auslöst, wie er sich anfühlt und was für ein Bild er erzeugt, etwa wie: ‚Oh, das fühlt sich wie eine kalte Winternacht an!‘ Das Gefühl wandeln wir in eine emotionale Antwort an den Song um, als eine Art Ausgangspunkt, von dem aus wir dann programmieren. Wir achten auf jedes kleine musikalische Element: die Show wird dadurch sehr komplex, weil jedes Trommeln, jeder Schlag der Triangel oder die spezielle Gitarrensaite wieder einen anderen Effekt erzeugt. Wir legen das alles zusammen, alles wird miteinander verschlungen.“ Das Endprodukt lässt sich dann im Konzert von alt-J erleben: eine Einheit aus Songs und Licht, die – komplex zur Musik getaktet – ein großes emotionales Bild in sich trägt.

Zwei Show-Versionen auf Tour

Das kreative Doppel ergänzt sich bestens, jeder für sich allein wäre wohl nicht so erfolgreich, glaubt Gallagher: „Jeremys Fokus liegt mehr auf dem Licht, ich konzentriere mich mehr auf den Video-Part. Was ich nicht gut kann, kann Jeremy gut. Letztlich machen wir beide beides, fordern uns aber gegenseitig heraus, noch coolere, interessantere Dinge zu kreieren. Wir haben beide einen Theaterhintergrund und glauben, das trägt wesentlich zu unserem Erfolg bei – eben wie wir an unsere Projekte herangehen. In erster Linie wollen wir eine Geschichte erzählen und nicht einfach etwas machen, was ‚nur schön‘ aussieht.“ 

Und wie lange dauert der kreative Prozess für ihre Designs? Lechterman lacht: „Viel zu lange!“ Aber das variiert natürlich auch immer von Show zu Show, je nach Umfang: die nötige Zeit kann sich von einem Monat, aber auch manchmal bis zu einem Jahr erstrecken. „Gerade arbeiten wir am Design für Keith Urban. Dieser Prozess begann im Juni letzten Jahres, da fand der allererste Kontakt statt, und diese Show wird im April beginnen, also in diesem Fall wären das dann elf Monate.“ 

Das Lichtdesign für die alt-J-Konzerte haben sie im Mai/Juni 2017 produziert. Von den Konzerten im Juni in der Londoner O2-Arena (max. 20.000 Plätze) und auf dem Glastonbury Festival ging es bis August weiter quer durch Europa – zu mehr als zehn Festivals. „Es wäre ganz schön teuer, Equipment dauernd hin und her zu transportieren, besonders wenn man zwischen Europa und den USA hin- und herfliegt. Für die Ausstattung der Festivals haben wir das gesamte Equipment für die Bühne mitgenommen, alles was sich auf dem Boden befand. Von dieser Show hatten wir eine A- und eine B-Version. Die A-Version war für die O2-Arena, dann ging’s runter nach Kroatien, dann waren wir einen Abend in Deutschland, danach wieder in UK, den nächsten Abend ging es wieder nach Deutschland – die Trucks könnten solche Fahrten nicht machen, deshalb die zwei Versionen. Wenn wir wirklich weit reisen, wie zum Beispiel nach Indien, dann befindet sich das gesamte Equipment vor Ort.“ 

Die beiden haben alle Konzerte von alt-J im Sommer 2017 begleitet. Gallagher verließ die Tour Anfang September zum Ende der Festival-Saison, Lechterman erst Ende Dezember. Die Band stellte dann Jack Davis, einen Lighting Director ein. „Er überwacht die Show einer jeden Aufführung, um sicherzustellen, dass unser Design intakt bleibt. Außerdem bedient, steuert und erledigt er viel von Jeremys Aufgaben. Unser Ziel ist es, uns auf den Prozess des Designs zu fokussieren, weil es auf Dauer auch langweilig wird, immer wieder die gleiche Show zu fahren. Die Tour früher zu verlassen, war nahezu unmöglich, da die Shows für alt-J und auch die Terminplanungen der Band sehr kompliziert waren.“

Die Technik zum Design: Vertikale dominieren die Bühne

Gallagher und Lechterman kreieren mit LED-Technik einmal weite und hohe Licht-Räume, dann wieder intime Momente, die den Blick des Publikums fokussieren. Nicht eine große LED-Wand ist dafür der Hintergrund, sondern acht LED-Segmente auf Dollys (Wagen). Auf jedem der acht Dollys gibt es sechs ROE-Panels Vanish 25 (je 1,2 m × 1,2 m ergeben 3,6 m Höhe und 2,4 m Breite). Hinter den LED-Panels bilden 12 × GLP-X4-20-Bars und Mythos 2 einen dreiseitigen Raum. Um die drei Musiker auf flachen Podesten (mit integrierten Chauvet Nexus) stehen nach hinten räumlich versetzt sieben Reihen mit schmalen Martin-Sceptron-10-mm-LEDs. Sie sind auf eine Höhe von 3 m zusammengefügt und, ebenso wie die LED-Wände, auf den Wagen montiert. Für Hallen mit geringeren Höhen kann der obere ein Meter hohe Teil heruntergeklappt werden.

Eine effiziente Lösung: Die Licht- und Videotechnik auf den Dollys lässt sich schnell auf- und wieder abbauen und in Cases verstauen. Vor allem auf Festivals muss der Umbau innerhalb von 30 Minuten erledigt sein, was mit dem Dolly-System bestens gelingt. Wichtig war bei der Konstruktion, die Bauhöhe der montierten Teile für die zügige Montage so gering wie möglich zu wählen (Planung und Herstellung der Dollys: Brilliant Stages).

Dieses Bühnenset ergänzen darüber sieben verfahrbare, sechs Meter hohe „Tower“ (mit 30 Martin-Sceptron-LEDs, 12 GLP-X4-Bars und Clay Paky Mythos 2) und vier fixe „Ladders“ (Leitern; mit Clay Paky Mythos 2 und SGM P-5) über der Bühne. Für größere Hallen, wie z. B. die O2-Arena in London, gibt es über der Bühne ein Traversen-Dreieck bestückt mit 30 Magic‑blade von Ayrton und beidseitig der Bühne je 12 IMAG-LED-Screens.

Aus dieser Mischung der Beleuchtungstechnik ergeben sich während des Konzerts immer neue räumliche Perspektiven mit viel Tiefe, vor allem in Kombination mit Videoinhalten auf den LED-Wänden und Sceptron-LEDs. Die Videomotive scheinen der Natur entlehnt: psychodelische Formen unter Wasser, Feuerbilder, Sonnenlicht bilden bewegte abstrakte, rätselhafte Bilder und Atmosphären. Die Bildelemente fügen sich zu einem großen Ganzen, laufen im/fließen über Hinter- und Vordergrund, der Raum um die Musiker scheint in Bewegung zu sein. 

Tief involviert

Jackson Gallagher ist von alt-J bis heute begeistert: „Ich habe die Band so oft spielen sehen, wie oft, kann ich nicht sagen, und jedes Mal fühle ich etwas anderes in der Musik! Das ist ein tiefgreifendes Gefühl und es dauert lange, diese Musik wirklich vollständig zu erfassen. Ich glaube, ich habe ihre Musik noch nicht gänzlich erlebt.“ Neben all der Liebe zur Musik und Begeisterung fordert der Job des Designers bei den langen Produktionszeiten auch eine Menge ab: Drei Monate durcharbeiten, Wochenenden gibt es nicht – das ist Normalität in der Branche. „Aber ich mag auf der anderen Seite die Flexibilität, die der Job mit sich bringt. Ich kann meinen Zeitplan mehr oder weniger selber gestalten. Ein ‚normaler‘ Job mit ‚normalen‘ Arbeitszeiten, den ich mal hatte, ging echt an die seelische Substanz!“, versichert Gallagher.

Das Miterleben der Publikumsreaktionen ist für ihn der beste Teil an seinem Job, erzählt er, die Zuschauer für die eigene Show zu begeistern: „Ich fühle mich dann stark involviert. Alles kommt in diesem Moment zusammen: Die Zuschauer erleben unsere Arbeit zum ersten Mal, das ist dann der Augenblick, in dem ich mich zurücklehne und mir sage: ‚Ich liebe meinen Job!‘“

Übersetzung des Interviews aus dem Englischen: Janis Sooß

Technische Daten

LICHT
49 × Clay Paky Mythos 2
186 × GLP X4 Bar 20
46 × SGM P-5
30 × Ayrton Magicblade-R
7 × Robe BFML Wash Beam
6 × Martin Mac Aura XB
2 × MDG Atmosphere
8 × base*hazer*pro
3 × GrandMA2 Lite
6 × NPU (Network Processing Unit)
1 × Luminex Switch and Artnet Node System
1 × Luminex Switch and Artnet Node System

Steuerung:
17 × Kinesys Points
1 × Kinesys Vector Control System

VIDEO
42 × ROE Vanish
(80 × ROE MC 18)
312 × Martin Sceptron (500 x O2-Arena)
4 × d3 2x4 Pro
1 × BlackMagic Designs Control System
1 × Panasonic PTZ Camera System

Support + Equipment: Liteup Events

 

 


BTR Ausgabe 2 2018
Rubrik: Thema: Licht & Ton, Seite 16
von Iris Abel