Kulturkampf

Der Streit um die Oper Halle ist vorerst entschieden: Der Vertrag von Intendant Florian Lutz wird nicht verlängert

Die Würfel sind gefallen: In einer nichtöffentlichen Sitzung hat der Aufsichtsrat des Theaters Halle gegen eine Verlängerung des Vertrags mit Opernintendant Florian Lutz votiert. Damit wird Lutz, der seit 2016 die künstlerische Verantwortung für die Oper Halle trägt, das Haus spätestens 2021 verlassen. Der öffentlich ausgetragene Machtkampf zwischen Opernleitung und Geschäftsführung scheint entschieden.

Allerdings stellt sich der parteilose Oberbürgermeister Bernd Wiegand – qua Amt Mitglied des Aufsichtsrats – vor den Intendanten und greift die Gegner des von Lutz vertretenen künstlerischen Aufbruchs frontal an: «Die Reaktionen auf seine neuen Ideen ... waren gnadenlos», heißt es auf Wiegands Facebook-Seite. Und: «Konflikte wurden zugespitzt, falsche Tatsachen verbreitet, Buh-Rufe organisiert – das volle Programm, wenn es darum geht, Unfrieden zu stiften.» Das ist verblüffend scharf. Zumal Wiegand in Bezug auf das Gebaren der Geschäftsführung Konsequenzen andeutet: «... [D]ienstrechtliche Verfehlungen [sollen] künftig konsequent arbeitsrechtlich geahndet werden.» Das riecht nach juristischen Nachspiel. Wie konnte es so weit kommen? Als Florian Lutz und sein Leitungsteam die Arbeit in Halle aufnahmen, hatten sie den ausdrücklichen Auftrag, mit innovativen Konzepten auch ein jüngeres Publikum zu mobilisieren. Und es ließ sich fulminant an: Die in der ersten Spielzeit installierte Raumbühne «Heterotopia» sahnte aus dem Stand den Theaterpreis «Der Faust» ab, die kühne Ästhetik der Inszenierungen sorgte auch überregional für Gesprächsstoff.

In der Belegschaft indes formierte sich rasch Widerstand gegen die neue ästhetische Linie, Geschäftsführer Stefan Rosinski positionierte sich öffentlich gegen Lutz und seine Mitstreiter. Wenn man dem Oberbürgermeister glauben darf, tat er das intern mit unfairen Mitteln. Fakt ist, dass einer der gebetsmühlenartig wiederholten Anwürfe gegen die Opernleitung nicht stimmt, nämlich, dass das Publikum weggelaufen sei. Die vom Haus publizierten Zahlen verzeichnen für die erste Spielzeit des neuen Teams ein Minus von 10 000 Besuchern, aber einen Aufwärtstrend in der vergangenen Saison, in der laufenden bis Mitte Februar einen Zuwachs. Niedergang sieht anders aus.

Die Stimmung vor Ort ist aufgeheizt, diffus. Die Dramaturgie scheint perfekt, als sich wenige Stunden nach Bekanntgabe des Aufsichtsrats-Votums am 22. Februar der Vorhang zur Premiere von Richard Strauss’ «Ariadne auf Naxos» hebt, geht es in dem Stück doch genau um die zentralen Themen des Hallenser Opernkriegs: die Freiheit der Kunst, die Frage, wie weit Geldgeber in künstlerische Belange hineinregieren dürfen, die diffizile Balance zwischen Anspruch und Unterhaltung und nicht zuletzt handfeste Theater-Querelen. Paul-Georg Dittrichs Inszenierung passt sich in die Ästhetik ein, die das Publikum angeblich nicht wünscht. Am Ende begeisterter Applaus.

Unter den Premierengästen nicht zu sehen ist (wie immer) der Geschäftsführer. Stefan Rosinski hat unter anderem für die Berliner Opernstiftung und Volksbühne gearbeitet, nach Halle kam er vom Volkstheater Rostock. Nicht selten war sein Wirken von Unruhe begleitet. Sein Machtpoker in Halle hat ihm nicht nur die Kritik des Schauspielchefs Matthias Brenner eingetragen, der «Übergriffigkeit, Vertrauensbruch und Störung des Betriebsfriedens» beklagte, sondern auch den Protest von rund 80 Theaterschaffenden. Gleichwohl geht Rosinski einstweilen als Sieger aus dem Streit hervor, auch weil er Ressentiments zu schüren und entsprechende politische Instinkte zu wecken wusste. Das Orchester etwa positionierte sich kurz vor der Aufsichtsratssitzung in einem offenen Brief gegen den Intendanten: Die Regie-Experimente ließen die Musik zur Nebensache werden, hieß es.

Die designierte Generalmusikdirektorin Ariane Matiakh sekundierte in einem Schreiben an den Aufsichtsrat mit dem Hinweis, eine Vertragsverlängerung für Lutz laufe auf «eine Verlängerung der Probleme» hinaus. Der konterte in einem Interview: «Erstaunlich finde ich, dass die Generalmusikdirektorin, ein halbes Jahr nachdem ich für sie votiert habe und ein halbes Jahr bevor sie  ihre Arbeit aufnimmt, feststellt, dass sie mit der künstlerischen Ausrichtung des Opernhauses nichts anfangen kann, bei dem sie sich gerade als Chefdirigentin beworben hat.» In der Tat ist es schlechter Stil, wenn das Orchester u. a. lamentiert, die Aufführungen dienten bloß als «Vorlage für die Vermittlung politischer und persönlicher Botschaften» der Regisseure. So klingen wertkonservative Verfechter musealer Werktreue. Man darf vermuten, dass sich darunter nicht wenige Akteure befinden, die mit den kulturpolitischen Zwischenrufen («Entsiffung» des Kulturbetriebs) der AfD sympathisieren.

Im Mai stehen in Sachsen-Anhalt Kommunalwahlen an. Sowohl die CDU als auch die SPD fürchten erdrutschartige Verluste, die AfD dürfte deutlich hinzugewinnen. Diese politische Großwetterlage spielt stark hinein in den Hallenser Kulturkampf. Es geht dabei nicht nur um ästhetische Experimente. Sondern um einen politisch-ideologischen Paradigmenwechsel, der weit über die Oper Halle hinausweist.


Opernwelt April 2019
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Regine Müller