Krise beim Semperoper Ballett

István Simon gekündigt

«Hier war nichts mehr zu reparieren», sagten Wolfgang Rothe, geschäftsführender Intendant der Dresdner Semperoper, und Ballettdirektor Aaron S. Watkin in einem Hintergrundgespräch am 27. März. Man sah keine andere Möglichkeit, als dem Ersten Solisten István Simon die fristlose Kündigung infolge unüberwindlicher Differenzen mit dem Ersten Ballettmeister Gamal Gouda auszusprechen. 

Die krisenhafte Entwicklung begann im September 2017, öffentlich dazu äußern konnte man sich bisher aus Gründen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte nicht.

Immerhin kam es aber zu zwei öffentlichen Verhandlungen vor dem Arbeitsgericht Dresden. Der Tänzer klagte gegen den Freistaat Sachsen, um die verhängte Freistellung von allen Proben und die Streichung geplanter Vorstellungen auszuhebeln. Er unterlag. 

Bislang hieß es, der Grund für die Differenzen zwischen Simon und Gouda bestünde darin, dass der Tänzer die Reaktionen des Ballettmeisters nach seinem öffentlichen Bekenntnis, einer Gruppe von Menschen anzugehören, die «gender-fluid» – mal männlich, mal weiblich – empfinden, als übergriffige Verletzung der Privatsphäre empfand. Er wollte nicht mehr mit Gouda arbeiten, der aber allein für die Einstudierung solistischer Rollen zuständig ist.

Im innerbetrieblichen Klärungsversuch stand naturgemäß Aussage gegen Aussage. Weitere gerichtliche Klärungen stehen aus. Im Hintergrundgespräch machte Aaron S. Watkin, der die jahrelange gute Zusammenarbeit mit István Simon betonte, erstmals öffentlich, dass dem Coming-out des Tänzers die Feststellung tanztechnischer, insbesondere athletischer Probleme durch die Ballettdirektion vorausging.

Zu Fragen möglicher Diskriminierungen seitens des Ballettmeisters erklärten sowohl Watkin wie Rothe, dies nicht bestätigen zu können. Befragungen im Ensemble hätten negative Antworten erbracht. Was nicht verwundere, da das Theater ein toleranter Arbeitsraum auch im Hinblick auf sexuelle Orientierungen sei. 

Die Freistellung des Tänzers erfolgte demzufolge gemäß der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Eine weitere Zusammenarbeit mit dem Ballettmeister, dessen Verhalten der Tänzer als aggressiv, übergriffig und unangemessen empfindet, ist nicht möglich, das Vertrauensverhältnis irreparabel gestört. 

Die Kündigung sei, sagen die Vorgesetzten, auch im Sinne einer Wahrung des Betriebsfriedens erfolgt. Dieser hat offensichtlich absoluten Vorrang. Andere Möglichkeiten wie eine fachspezifische Mediation wurden offenbar nicht debattiert. Warum eigentlich nicht? Hier handelt es sich doch um ein Problem unterschiedlicher Wahrnehmungen in einer besonderen, zutiefst existenziellen Situation des 30-jährigen Tänzers. Und ist er wirklich der Einzige, der in Konflikt geraten ist mit dem Führungsstil des Ballettmeisters?

Öffentlich hat sich dazu der ehemalige Dresdner Erste Solist Jiří Bubeníček geäußert. Er hatte Probleme mit Goudas Arbeitsstil (nicht im Sinne sexueller Übergriffigkeit) – und musste nicht mehr mit ihm arbeiten: «Viele, viele Male habe ich erlebt, wie er sich mit Ersten Solisten auf sehr unprofessionelle Weise gestritten hat, was bei denen zu Tränenausbrüchen und zum psychischen Zusammenbruch führte. Es gibt ja auch Tänzerinnen und Tänzer, die das Ensemble daraufhin verlassen haben.» Für Bubeníček ist jedenfalls die Zeit reif für Veränderungen. Seitens der Ballettdirektion hat man Bubeníček angehalten, vorerst nicht mehr am Training teilzunehmen und den Backstage-Bereich der Oper zu meiden.

Im Hintergrundgespräch kommt dann doch der spezielle Führungsstil des Ersten Ballettmeisters zur Sprache: Ja, der sei vielleicht autoritär, nicht immer zeitgemäß, aber verwerflich? Nein, weder respektlos noch erniedrigend. Es gebe eben verschiedene Arten des Trainings und auch der Wahrnehmung. Immerhin gehe es in dieser Kunstsparte wie im Leistungssport um absolute Höchstleistungen.

Ist das so, keine Alternative? Einen Tag vor dem Gespräch in Dresden kam eine Meldung aus Helsinki. Gita Kadambi, neue Generalintendantin der Finnischen Nationaloper, hat Ballettdirektor Kenneth Greve mit sofortiger Wirkung bis zum Ende der Saison freigestellt. Da endet sein Vertrag. Tänzerinnen und Tänzer hatten sich beschwert über Greves Sprachgebrauch in Bezug auf die Erscheinung eines Tänzers bzw. Äußerungen, die sich auf die Privatsphäre bezogen. Interessant, dass die Meldung der Kommunikationsdirektorin Liisa Riekki auch ein persönliches Statement des freigestellten Ballettdirektors enthielt. Er drückte sein Bedauern aus, auch wenn es sich seiner Ansicht nach um Missverständnisse handle. Greve entschuldigte sich bei den Tänzerinnen und Tänzern.

 



Tanz Mai 2018
Rubrik: Menschen, Seite 36
von Boris Gruhl