Vicky Featherstone; Foto: Rosie Hallam

Keine Grauzonen!

Royal-Court-Chefin Vicky Featherstone lässt 150 sexuelle Übergriffe vortragen und sucht nach einem Verhaltenskodex für die britische Theaterszene

Am 5. September trat Max Stafford-Clark, von 1979 bis ’93 Intendant des Royal Court Theatre und britische Bühnenikone, nach 23 legendären Jahren als künstlerischer Leiter der Company «Out of Joint» (die unter anderem Mark Ravenhill mit «Shopping and Fucking» entdeckt hat) zurück. Wegen inakzeptablen sexuellen Verhaltens gegenüber einer jungen Mitarbeiterin, wie sich nun post-Weinstein herausstellte. Am 11.

Oktober war es die jetzige Royal Court Intendantin Vicky Featherstone, die schockiert von den Weinstein-Enthüllungen twee­tete: «Hollywood spricht öffentlich darüber, das britische Theater muss es auch. Ich bin, wie viele von Euch, dafür verantwortlich, den Machtmissbrauch in unserer Industrie zu beenden. Ideen was ich/wir tun können?»

Aus vielen Rückmeldungen entwickelte sich schnell der Plan, britische Theatermacher am Royal Court für ein Event namens «Keine Grauzonen» zusammenzubringen. In der ausgebuchten Veranstaltung wurden über fünf Stunden lang rund 150 online ans Court geschickte Erfahrungsberichte von sexuellen Übergriffen vorgelesen, von denen 126 klar am Arbeitsplatz Theater stattfanden, und Vorschläge für einen Verhaltenskodex gesammelt, den das Royal Court am 3. November als einen ersten Vorschlag für die heimische Theaterindustrie veröffentlichte. 

Fast zeitgleich unterschrieben neunzehn britische Intendanten, darunter Emma Rice vom Globe Theatre, National-Theatre-Chef Rufus Norris, sein Vorgänger Nick Hytner, Almeida-Leiter Rupert Goold und Donmar-Warehouse-Chefin Josie Rourke, einen öffentlichen Brief, in dem sie «sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch» im Theater verdammen: «Der Aktionstag am Royal Court ist ein wichtiger Teil unseres gemeinsamen Arbeitsprozesses, das Theater zu einem sicheren Raum für alle zu machen.» 

Lass uns mal die Rolle besprechen

Daran arbeitet auch Equity, die britische Schauspielergewerkschaft mit rund 50.000 Mitgliedern. Sie meldete, dass sie durch den Mediensturm um Weinstein, Stafford-Clark und auch den Ex-Old-Vic-Intendanten Kevin Spacey «eine große Anzahl Meldungen von Schauspielerinnen und Schauspielern über sexuell übergriffiges Verhalten» bekommen hätten. Das Equity-Frauenkommittee schlug daraufhin vor, per Umfrage alle Mitglieder aktiv aufzufordern, von solchen Erlebnissen zu berichten. Rosie Hilal vom Frauenkommittee meint, «manchmal kommt einem unsere Industrie vor wie ein unregulierter Dschungel. Diese Art von Drangsalierung und Belästigung ist zu lange als Grauzone behandelt worden und wird fast als Teil des Schauspielerlebens akzeptiert. Deswegen wollen wir unsere Mitglieder jetzt direkt nach ihren Erfahrungen fragen, statistische Daten sammeln und herausfinden, welche Strategien und Richtlinien sie für effektiv halten.»

Auch das Royal Court hat das am «Keine Grauzonen»-Tag vorgelesene Material auf Muster und Szenarien analysiert. Eine der Änderungen, die es daraufhin fordert, ist das Ende von Schweige-Vereinbarungen, die Täter schützen, vor allem, weil es verhindert, Verhaltensmuster bei denjenigen zu identifizieren, die es serienmäßig tun. Eine der oft genutzten Strategien, die sich bei den Court Berichten herauskris­tal­lisierte, war die Taktik, junge Frauen spätabends einzuladen, unter dem Vorwand, dass man eine Rolle bespricht. Featherstone sagte: «Ich hatte keine Ahnung, dass das so ein häufiges Muster ist. Ein anderes ist, dass Regisseure tatsächlich krude sagen ‹Wenn du mit mir schläfst, kriegst du den Job›. Es ist unglaublich.»

Im «Guardian» erklärte sie ihren von nackter Wut getriebenen Einsatz für «Keine Grau­zonen» so: «Ich bin deswegen so wütend, so schockiert, dass wir es bis zu diesem Punkt haben kommen lassen und es alle akzeptiert haben. Wir wussten es alle! Wir. Wussten. Es. Alle. Ich wusste, dass so ziemlich jede Frau, die ich kenne, in ihrem Leben irgendeine Form von sexuellen Übergriff erlebt hat. Ich wusste es und habe es akzeptiert. Ich war konditioniert, es zu akzeptieren, so wie ich akzeptiere, dass wir in einem Klassensystem leben oder dass es Obdachlose gibt. Und das ist einfach grotesk. Und dann spricht sich plötzlich eine Flut von Menschen dagegen aus, und man fragt sich, warum akzeptieren wir diesen Zustand als Gesellschaft?»

Die Diskussion ist in England vom Theater in die BBC, ins Parlament und weiter getragen worden. Trotzdem macht Autorin Joan Smith sich Sorgen, «wie schnell wir normalerweise zur Tagesordnung zurückkehren. Es gab in der Vergangenheit ähnliche Situationen. Ich hoffe nur, dass – weil es dieses Mal nicht auf eine Institution beschränkt ist – wir tatsächlich einen Wendepunkt erreicht haben.» 


Theater heute Dezember 2017
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Patricia Benecke