© Barbara Braun/drama-berlin

«Das zieh ich durch»

Am 15. November wird er 75: Daniel Barenboim über die neue alte Lindenoper, das Dirigieren, das Aufhören und einen Traum, den er noch verwirklichen will

Welcher Dirigent kann schon von sich sagen, dass er in einem Jahr gleich zwei neue Häuser eröffnet hat? Sie haben Anfang März zum ersten Mal im neuen Pierre Boulez Saal dirigiert, Anfang Oktober in der frisch restaurierten Lindenoper. Es gab Verrisse und Lob. Sind Sie zufrieden mit Ihren Kritikern, Herr Barenboim?
Dass ich lieber ein modernes Haus haben wollte, ein Opernhaus für die Zukunft, das weiß inzwischen jeder – auch diejenigen, die jetzt meckern, das sei ihnen alles zu ostig und retro.

Bekanntlich gab es damals diesen Architekturwettbewerb; der Senat lehnte den Gewinnerentwurf von Klaus Roth ab, ich habe sehr dafür gekämpft. Bis eines Tages Richard von Weizsäcker anrief. Er bat mich einzulenken. Er argumentierte mit den Zerstörungen des Vorkriegs-Berlin, er sagte, man müsse das wenige Alte erhalten; auch, wenn es nur eine Replik des Alten sei. Gegen dieses Argument konnte ich nichts mehr sagen. Es ist weder ein künstlerisches Argument noch ein politisches. Weizsäcker ging es um Humanismus, um Historie, um Emotionen. Ich war nicht einverstanden. Aber ich konnte ihn verstehen.

Und heute?
Die Akustik ist perfekt! Ich habe dort schon Mozart, Brahms, Bruckner, Debussy und Strawinsky geprobt. Ich habe ein neues Stück von Jörg Widmann dirigiert und Schumanns Klavierkonzert. Außerdem saß ich im Saal, als Zubin Mehta mit den Wiener Philharmonikern Haydn und Bartók spielte. Die Wiener sagten danach, sie waren im siebten Himmel. Ich auch.

Obwohl Sie täglich dirigieren und über ein Riesenrepertoire verfügen, sind Sie eigentlich Quereinsteiger: ein Dirigent im Nebenerwerb …
Dirigieren kann man nicht nebenbei, das ist ein Hauptberuf. Ich kenne viele große Instrumentalisten, die nicht dirigieren sollten. Sie sind wunderbare Musiker, aber nicht in der Lage, aus dem Orchester etwas zu machen. Dieser neue Begriff, der jetzt populär geworden ist, to «play-conduct», bezeichnet nur ein Weder-Noch!

Aber Sie selbst wollten schon als Klavierwunderkind dirigieren!
Ich hatte Edwin Fischer mit Klavierkonzerten von Mozart gehört, mit seinem Orchester, der Königlichen Kapelle Kopenhagen. Ich hatte ihm mit neun oder zehn Jahren mal vorgespielt und kannte ihn. Nach dem Konzert sagte ich ihm: «So will ich das auch machen: Spielen und dirigieren!» Fischer meinte bloß, er wandte sich gleich an meinen Vater: «Dann muss er das richtig lernen. Er muss Unterricht haben. Ich hatte keinen, ich bereue das bis heute.»

Sie haben dann Dirigieren gelernt, zuerst in Salzburg bei Igor Markewitsch …
Da war ich elf. Dann auch bei Dimitri Mitropoulos, Karl Böhm und George Szell. Das war mein Glück, dass sie alle auch Unterricht gaben, wenn sie nach Salzburg kamen.

Gibt es ein Handwerk des Dirigierens?
Die Schlagtechnik kann ich Ihnen in 20 Minuten beibringen. Aber «Handwerk» bedeutet bei einem Dirigenten nicht, dass er gelernt hat, wie man die Hände bewegt. Man dirigiert nicht mit den Händen, sondern mit dem Kopf. Er muss nicht fühlen, er muss wissen. Wissen, wie man Oboe spielt, wie man als Hornist atmet, wie die Geige klingt in dieser oder einer anderen Lage, ob ein kurzer Auftakt genügt oder nicht usw. Es gibt neben dem Partiturstudium viele andere Aspekte, die ein guter Dirigent abdecken muss. Zum Beispiel sollte er Bescheid wissen über die Rolle der Harmonie in der tonalen Musik. Da geht es nicht nur um die Struktur, es geht um Inhalte und Gedanken. Gerade diese Rolle der Harmonie wird, fürchte ich, heute ignoriert.

Zum Beispiel?
Beethovens erste Symphonie beginnt mit einer Dissonanz, die mit dem zweiten Akkord aufgelöst wird. Das war damals ein Schock! Heute, nach Strawinsky und Schönberg, spürt man den nicht mehr so. Es ist Aufgabe des Dirigenten, dafür zu sorgen, dass das Orchester so spielt, dass alle wieder total überrascht sind.

Einverstanden. Aber welcher Dirigent würde das heutzutage ignorieren?
Hm. Ich sage Ihnen: Viele Dirigenten ignorieren das. Und nicht nur das. Eine der wichtigsten Aufgabe des Dirigenten ist es, ein Verständnis für alle Aspekte der praktischen und physischen Seite der Klangproduktion zu erwerben. Das dauert, dazu braucht es Erfahrung, für diesen Teil der Ausbildung gibt es keine Abkürzung. Der Dirigent selbst produziert ja nicht den Klang. Den Klang produziert das Orchester. Das sollte er immer bedenken, sonst kriegt sein Ego Dimensionen, die in dieser Welt keinen Platz haben. Auch die Musiker sollten das nicht vergessen, sonst warten sie nur darauf, animiert zu werden. Dazu kommt: Die Orchester sind heute sehr viel besser, als früher. Darauf können sich die jungen Dirigenten verlassen, und darüber vergessen sie die konkrete Arbeit, die sie eigentlich leisten müssten, um ein Orchester zu repetieren. Viele junge Dirigenten kaschieren ihr Nichtwissen mit ihrem natürlichen Talent, ihrer Musikalität, ihrem Charme.

An wen denken Sie?
(lacht). Ich nenne keine Namen! Ich sage nur: Man müsste einen Führerschein für Dirigenten erfinden. Einfach weil viele von Ihnen nichts oder zu wenig über unseren Beruf wissen. Statt dessen haben sie «Charisma».

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Orchesterdirigat?
Ja. Artur Rubinstein war der Erste, der mit mir zusammen auftreten wollte. Damals war ich 24. Ich kannte ihn schon sehr viel länger, hatte eine besondere Beziehung zu ihm über meine Mutter. Wir haben ein Konzert vorbereitet mit der Israel Philharmonic. Nach der ersten Probe kam Rubinstein und sagte, freundlich wie immer, aus mir werde mal ein großer Dirigent, ich solle ihm aber eines versprechen: «Wenn du eines Tages denken solltest, ich solle aufhören, sag es. Ich will nicht, dass die Leute erzählen, sie hätten Rubinstein gehört – vor zehn Jahren, als er es noch konnte …»

Haben Sie Ihr Versprechen eingelöst?
Das war nicht notwendig. Er hat aufgehört, weil seine Augen nicht mehr mitmachten. Der Körper geht irgendwann kaputt. Das ist die physische Seite des Musizierens. Mit dem Aufhören ist das so: Wer jung ist, der hat einen jugendlichen Impetus, Energie, Kraft, Selbstsicherheit, auch Sportsgeist. Aber dafür fehlen noch andere wichtige Qualitäten, Gedanken, Zweifel und Erfahrungen, die man später erwirbt. Irgendwann verliert man als Musiker diesen jugendlichen Impetus nach und nach. Und es kommt ein Punkt, wo dieser Verlust nicht mehr kompensiert werden kann durch die Qualitäten des Alters. Genau das ist der Moment, in dem man aufhören muss. Ich hoffe, dass ich das auch kann.

Sie feiern am 15. November Ihren 75. Geburtstag. Gibt es noch offene Wünsche?
Viele! Wissen Sie, vor über zehn Jahren haben wir diesen Musikkindergarten gegründet, als Vorbild für andere. Kürzlich gab es eine Umfrage unter den Kindern, die damals im Musikkindergarten anfingen: Wie viele von ihnen haben heute, mit 14, noch mit Musik zu tun? Es sind nur 80 Prozent! Als ich das hörte, war mir klar: Ich muss das fortsetzen! Ich schwöre, ich ziehe das weiter durch, bis zum Abitur. Wir entwickeln gerade ein Musikprogramm für die Grundschule: Lernen mit Musik. Weil ich nicht alle Berliner Grundschulen unter die Fittiche nehmen kann, machen wir das exemplarisch erst mal mit einer. Den Namen der Schule darf ich noch nicht verraten. Aber so viel ist sicher: Wir fangen im September 2018 an.


Opernwelt November 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Eleonore Büning