Hörst du die Stimmen?

Subversion durch Affirmation: Mit dem Kunstprojekt Hyäne Fischer hätte Österreich einen starken, verwirrenden Auftritt im Eurovision Song Contest 2019

Eine wildromantisch verschneite Bergkulisse: Die Jägerhütchen und Lodenmäntel der Damen, die da beschwingt Sekt trinken und im mythischen Wald gemeinsam tanzen, sitzen ebenso akkurat wie ihre ondulierten Haare. Heimatliebe, Naturverbundenheit und Kameradschaft, Luis Trenker und Leni Riefenstahl hätten es nicht schöner bebildern können. Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek haben es als österreichisches Schreckensbild an die Wand gemalt.

Der obligatorische Vergleich mit Eva Braun am Obersalzberg ließ in den Medien nicht lange auf sich warten, um das Internet-Phänomen Hyäne Fischer und dessen verwirrenden Synthie-Discoschlager «Im Rausch der Zeit» zu beschreiben. «Siehst du die Flammen im ewigen Eis? / Spürst du die Glut aus dem goldenen Kreis? / Hörst du die Stimmen voll zärtlichem Laut? / Der Weg ist weit, doch du musst ihm vertraun.» Der Song ist so eingängig und hinterfotzig wie die Hits von Eva Jantschitsch alias Gustav. 

Natürlich war auch die Retroavantgarde der slowenischen Konzeptkunst-Haudegen Laibach, die totalitäre Teufelsaustreibung im Teufelskostüm betreiben, als Erklärungsversuch zur Hand, um die laut Pressetext 25-jährige Wiener Neustädter Musikerin, die aus dem Nichts zu kommen schien, zu erklären. Dass es sich bei dem Projekt um Unterwanderung durch Mimikry handelt, liegt auf der Hand. Das Musikvideo wurde im Umkreis der feministischen Burschen­schaft Hysteria auf den Sozialen Medien verbreitet – mit der Aufforderung, man möge Hyäne Fischer auf ihrer Reise zum Eurovision Song Contest 2019 in Tel Aviv folgen und ihre Hitsingle unterstützen. Ihr «bodenständiger Geist» sei «der Kern österreichischer Lebensbejahung», hieß es böse im Begleittext. Dass sich eine Wiener Künstlerin, die auch in den Videos des feministischen Rap-Duos Klitclique mitwirkte, hinter der Sängerin verbirgt, ist eigentlich nicht so wichtig. Hyäne Fischer funktioniert ohnehin am besten als Projektionsfläche – ähnlich wie Christoph Schlingensief es mit seinem Container «Ausländer raus!» (2000) praktiziert hat. Gerade, dass nicht aufgelöst wird, wie das Ganze gemeint ist, macht seine Stärke aus. 

Burschenschaft Hysteria

Die Hyäne ist nicht zufällig das Wappentier der Burschenschaft Hysteria: Die Tiere leben im Matriarchat, einige von ihnen sind Aasfresser. In ihren Aktionismus-Projekten hauchen sie heimattümelnden Kadavern neues subversives Leben ein. «Egal, wie weit nach rechts die Regierung noch abdriften will, Hyäne Fischer überholt sie kalt lächelnd», schrieb die «FAZ». In Zeiten, in denen rechte Hipster-Bewegungen wie die Identitären linken Agitprop als poli­tisches Mittel für sich entdecken, ist es wichtig, dass auch linke feministische Gruppen adäquat zurückschlagen und die Deutungshoheit über den verkitschten Heimatbegriff nicht Rechtsrockern wie Andreas Gabalier überlassen. «Im Rausch der Zeit. / Sind wir bereit. / Sind wir bereit. / Und Hand in Hand. / Ziehn wir durchs Land.» Bestenfalls geht der All Female Cast des Videos dem glorreichen Matriarchat entgegen. Als feministisches Netzwerk funktioniert Hysteria nämlich ganz ohne Satire. 

Der Österreichische Rundfunk, der die Auswahl für den Song-Contest trifft, muss nun auf die bislang unbekannte Sängerin, die binnen kürzester Zeit eine internationale Fan-Gemeinschaft aufbauen konnte, reagieren. Es wird spannend, ob es der Kunstfigur gelingt, sich im echten Leben zu etablieren. Die bärtige Conchita Wurst hat jedenfalls bewiesen, dass man mit der richtigen Rolle den Sieg heimtragen kann. Der ESC hat sich in den letzten Jahren von der trashigen Ironie-Veranstaltung, die sich selbst nicht Ernst nimmt, zum Glück wieder ein Stückchen weg bewegt. Die größte LGBTQ-TV-Veranstaltung der Welt wird musikalisch immer zeitgemäßer. Eigentlich das ideale Forum für Hyäne Fischer.

www.hyaenefischer.com


Theater heute Januar 2019
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Karin Cerny