Hase und Igel

Bernd Stegemann erklärt die «Moralfalle» der Linken

Große Fragen stehen im Raum: Wer hat Schuld am Erstarken der Rechten, an AfD-Erfolgen und linkem Niedergang? Und was wäre dagegen zu tun? Bernd Stegemann, seit je ein origineller Denker und im Hauptberuf Dramaturgie-Professor an der Berliner Ernst-Busch-Schauspielschule, hat in «Die Moralfalle – für eine Befreiung linker Politik» ein paar Vorschläge. Im Kern lassen sie sich bündig zusammenfassen: Die Linke müsse sich wieder auf die Bekämpfung sozialer Unterschie­de konzentrieren und von aggressivem Moralisieren für Identitätspolitik und Political Correctness verabschieden.

 

Man muss sich Bernd Stegemann also als einen aufrechten Linken von altmarxistischem Schrot und Korn vorstellen, der gerne mit Kollektivsingularen wie «Arbeit» und «Kapital» operiert, als ließe sich das in spätmodernen Zeiten noch sauber trennen in gute bzw. böse Buben. Der dritte Bube im Spiel und auch ein ganz übler Geselle heutzutage ist außerdem der Neo­liberalismus, der zwar in einer gut versteckten Anmerkung sehr zutreffend als komplexes Bündel von Praktiken und Regeln zeitgenössischer Subjekte erklärt wird, im Fließtext aber trotzdem wie ein selbständiger Akteur daherkommt, dem man das Handwerk legen muss. Als ob das so einfach wäre. 

Der diskursstrategische Gegenspieler des aufrechten Linken ist für den Autor das andere «Links der Identitätspolitik, das sich vor allem mit den Fragen der Anerkennung und Diversität verbindet». Wobei die Angelegenheit dadurch etwas komplizierter wird, als dass Stegemann keineswegs gegen die Ziele dieser Identitätspolitik ist. Wie Stegemann einem doppelten Links-Schema folgt, gibt es bei ihm auch ein doppeltes Rechts: «... das Rechts des Ressentiments und Nationalismus und das Rechts des Neoliberalismus, das sich mit allen Attitüden der Welt­offentheit und Diversität schmückt».

Wer mit einem doppelten Links und einem doppelten Rechts operiert, darf sich nicht wundern, wenn einiges durcheinander gerät. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer – im übertragenen Sinn. Denn Stegemann trennt nicht wie ein kluger Soziologe zwischen den sozialen Spaltungen von links und rechts einerseits und den kulturellen Spaltungen zwischen einem kommunitären Nationalismus und einer kosmopolitischen Globalisierung andererseits, die sich zwar jeweils überkreuz verbünden können, aber eben doch sehr unterschiedliche Phänomene sind. Sondern er verdoppelt lieber links und rechts. Damit steht er zwar nicht allein, auch die SPD folgt dem gleichen Fehler und versteht sich deshalb schon seit längerem selbst nicht mehr, aber das macht die Sache nicht besser. 

Stegemanns Hase liegt allerdings nicht wirklich im Pfeffer, sondern er verröchelt zu Tode erschöpft in der Ackerfurche. Das alte Märchen vom Hase und Igel zieht sich als Bild durchs ganze Buch und sorgt für Titel und Strategie. 

In die «Moralfalle» tappt nämlich bis zur töd­lichen Ermattung der arme altlinke, sozial besorgte Hase, der von zwei verbündeten Igeln – der identitätspo­litischen Linken, die eigentlich kosmopolitisch argumentiert, und einer neoliberalen Rechten, die ebenfalls für eine kosmopolitische Globalisierung steht – in die argumentative Totalerschöpfung getrieben wird, bis er alle Deutungshoheit auf dem Feld der Demokratie verliert. Denn immer, wenn der arme altlinke Hase die Schuld für zunehmenden Rechtsextremismus und AfD-Wellen in der sozialen Frage finden will, wird er von den kosmopolitischen Igeln der Identitätspolitik und neoliberalen Globalisierung in die Zange genommen. «Leistungsverweigerer», sagen die einen, «reaktionäre Hohlköpfe» die anderen. Die einen argumentieren neoliberal, die anderen mit kulturellen Defiziten. 

Postmoderne und Moralismus

Natürlich funktioniert das zu Tode Hetzen des altlinken Hasen nur, wenn noch weitere Schurken mithelfen. Der eine Übeltäter ist die «Postmoderne», die man sich bei Stegemann als Schrank­gespenst aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts vorstellen muss, das mit seiner Absage an die «großen Erzählungen» angeblich jedwede Zusammenhänge leugnet und ko­härente Erklärungsansätze unmöglich macht. Außerdem bringe diese «Postmoderne» mit ihrem radikalen Konstruktivismus die Realität zum Verschwinden und ersetze sie durch Meinungen und Interpretationen. Diesen Theorie-Klabautermann sieht Stegemann allen Ernstes nach wie vor am zerstörerisch-zersetzenden Werk. 

Der andere, noch schlimmere Schurke ist der «Moralismus», eine heuchlerische Form von Hypermoral (frei nach Arnold Gehlen), die alles nach Gut und Böse sortiere, dabei keine übergeordneten ethischen Maßstäbe kenne und die Probleme der Welt menschlichen Sündenböcken aufbürde, die dafür individuell schuldig gesprochen würden – unter Vernachlässigung der eigentlich wesentlichen systemischen Zusammenhänge. Das geläufige Schimpfwort dafür heißt «Political Correctness». 

Mit der tätigen Mithilfe von Moralismus und Postmoderne also werden reale soziale Widersprüche von den kosmopolitischen Igeln zu rabulistischen Paradoxien zurechtgebaut: Aus komplexen Weltverhältnissen werden rhetorische Positionen gezimmert, zwischen denen der arme linke Hase in seiner «Moralfalle» irre wird. Dabei wäre alles doch so einfach: Wieder alle Schuld für die rechten Ausschweifungen allein bei sozialen Benachteiligungen suchen, wie es Sahra Wagenknecht mit ihrer linken Erweckungsbewegung «Aufstehen» verkündet – und deren Programmschrift Stegemann, so behauptet er jedenfalls, mit seinem Buch gar nicht verfasst haben will. Es sei reiner historischer Zufall, dass er sein Buch gerade jetzt geschrieben habe. Im Klappentext wird Stegemann dennoch als «Mitinitiator und Stratege der linken Sammlungsbewegung ‹Aufstehen›» angepriesen. Noch so ein Paradox. Oder vielleicht gar ein Widerspruch?

Man könnte, wenn man böse wäre, Bernd Stegemanns Vereinfachungen, Argumentationsakrobatiken und verdoppelte Begriffe auch Verschwörungstheorie nennen. Aber wir sind nicht böse, wir wollen ja nicht moralisieren. 

Bernd Stegemann:
Die Moralfalle. Für eine Befreiung linker Politik
matthes&seitz berlin 2018,
205 S., 18 €


Theater heute März 2019
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Franz Wille