Freund oder Feind

Das ist die Frage, die Israels Kulturpolitik bestimmen soll, wenn es um staatliche Subventionen geht. Welche Rolle die Boykott-Bewegung BDS spielt, und wie die Lage im Lande ist, beschreibt Elisabeth Nehring

Tel Aviv im Dezember 2018. Im Suzanne Dellal Centre, Tel Avivs bekanntestem Zentrum für Tanz, geht es zu wie in einem Bienenstock. Wie jedes Jahr drängeln sich Besucher aus aller Welt in den großzügigen Empfangshallen mit den glatten Sandsteinwänden und hohen Rundbogenfenstern, zwischen den Palmen und duftenden Orangenbäumen der Innenhöfe, in den verschiedenen Studios und natürlich im Zuschauerraum der größten Bühne.

Der Andrang gilt der «International Exposure», die traditionell zu Winterbeginn das professionelle Tanz-Publikum empfängt, um die bewegten Highlights der vergangenen Saison zu präsentieren. Und das, obwohl gerade drei Buchstaben in aller Munde sind, die auch viele Künstler und Künstlerinnen verschrecken. Trotzdem ist das Interesse an Tanz in und aus Israel auf den ersten Blick ungebrochen.

BDS – Boycott, Divestment and Sanctions – ist eine 2005 von palästinensischen zivilgesellschaftlichen Organisationen ins Leben gerufene Kampagne, die Israel wirtschaftlich, politisch und inzwischen auch kulturell isolieren will, um die Regierung zu bewegen, die Besatzung der palästinensischen Gebiete zu beenden. Sie soll zudem den arabischen Bürgern Israels volle Gleichberechtigung einräumen sowie – und das ist sicher die heikelste aller Forderungen – allen 1948 Geflüchteten samt ihren Familien das Rückkehrrecht gewähren. Der BDS hat sich inzwischen zu einer transnationalen Bewegung aufgefächert, in vielen, auch europäischen Ländern Ableger gegründet und verschiedene Nuancen angenommen. Man wirft ihm Antizionismus vor, an den äußersten, radikalen Rändern gar Antisemitismus. Deutschland blieb, historisch bedingt, lange von der Frage «BDS – ja oder nein?», verschont, die in der internationalen Kulturszene schon länger für Un-ruhe sorgt. Aber spätestens seit die Intendantin der «Ruhrtriennale», -Stefanie Carp, die BDS-nahe Band Young Fathers zur Festival-Ausgabe 2018 erst ein-, dann aus- und schließlich wieder einlud und auf diese Weise Presse und Politik gegen sich aufbrachte, ist das Thema auch hierzulande im öffentlichen Diskurs angekommen. Dabei wird verbal mit harten Bandagen gekämpft.

Ein heißes Eisen

Gaby Aldor, israelische Regisseurin, Choreografin, Performerin, -Publizistin sowie Enkelin und Tochter berühmter Ausdruckstänzerinnen, nennt den BDS dagegen «einfach nur peinlich». Die Co-Leiterin des bekannten arabisch-hebräischen Theaters in Jaffa prägt und beobachtet seit über 50 Jahren die Tanzszene des Landes, ist auf jeder «Exposure»-Runde präsent und hat unzähligen Journalisten aus aller Welt eine Einführung in die Geschichte des israelischen Tanzes gegeben. Mit ihrem charmanten Österreichisch, in das sich auf altmodisch-kosmopolitische Art abwechselnd Englisch und Hebräisch mischen, bringt die 70-Jährige die Lage auf den Punkt: «Die meisten israelischen Künstler würden selbst gerne zum BDS gehören!» 

In der Tat ist auf und neben der «Exposure» kaum ein Tanzkünstler anzutreffen, der die derzeitige politische Situation in Israel befriedigend fände, der auch nur ein gutes Wort über die Regierung Netanjahu oder gar das von Miri Regev geleitete Kulturministerium fallen ließe. Dennoch ist der BDS unter israelischen Künstlern und Tanzschaffenden ein heißes Eisen. Denn selbst wenn Fachbesucher aus aller Welt auf Einladung des israelischen Außenministeriums zur -«Exposure» strömen (und auf Kosten der Regierung, also des israelischen Steuerzahlers, in Luxushotels übernachten), bekommen die Künstler die Folgen des BDS direkt zu spüren: Die meisten Gesprächspartner, die sich zum Thema äußern, bemängeln, dass der BDS die kritischen Künstler vor Ort, die ohnehin bereits von der eigenen -Regierung getriezt werden, noch stärker isoliere. Statt diesen kritischen Köpfen zu helfen, werde ihnen gesagt: Wir wollen euch hier auch nicht! Statt anzuerkennen, dass man für dieselbe Sache kämpfe, werde man blockiert. 

Zwei komplett unversöhnliche Positionen  

Aus Sicht der israelischen Künstler hilft der Anti-Aktionismus der Sache der Palästinenser nicht. Namhafte Befürworter des kulturellen Boykotts sehen das ganz anders. Der belgische Choreograf Alain Platel zum Beispiel ist einer seiner Vorreiter. Seit er vor über zehn Jahren mit palästinensischen Künstlern im Westjordanland zusammengearbeitet hat, ist er ein erbitterter Kämpfer pro BDS. Nicht nur, dass er jede Einladung nach Israel bisher ausgeschlagen hat. Er versucht darüber hinaus, auch andere Kollegen davon zu überzeugen, es ihm gleichzutun. «Das hat mir viele Streitigkeiten und Zerwürfnisse eingetragen», gibt er zu, einige Freunde seien darüber zu Feinden geworden. Dennoch ist er sich nach Abwägung von Für und Wider sicher, dass der BDS der einzige Weg ist, um auf die untragbare politische Situation der Besatzung in Israel zu reagieren: «Die Situation kann man nicht schönreden, und man kann in dieser Sache nicht neutral bleiben. Wir boykottieren nicht die Menschen, sondern die Regierung, aber wir wollen gleichzeitig Menschen dazu bringen, mehr Initiative zu ergreifen.»

Die im letzten Satz formulierte Mission betrifft vor allem die großen Namen und üppig alimentierten Kompanien der israelischen Tanzszene, etwa Ohad Naharin, bis vor Kurzem Leiter der Batsheva Dance Company. Der äußert sich seit Jahren zwar immer wieder als Staatsbürger kritisch gegenüber der Regierung. Doch aus Sicht der BDS-Leute eben viel zu wenig. Und überhaupt: Wer immer sich vom Staat Israel subventionieren lässt, gilt als Kollaborateur eines Schreckensregimes. Keine Aktivitäten, die irgendeine Verbindung zur Regierung haben, sei sie ideologischer, ideeller oder monetärer Natur – so lautet das Gesetz des BDS.

Die Boykottskeptiker argumentieren dagegen, Künstler wie Alain Platel sollten eher ihre kritischen Gedanken nach Israel tragen und sie dort mit allen diskutieren, statt fernzubleiben – und ihre Verbündeten im Geiste noch weiter zu isolieren. Platel widerspricht vehement. -«Unser Boykott hat bisher mehr Reaktionen und nervöse Effekte gezeigt als jedes Gastspiel. Wenn ein Künstler aus politischen Gründen nicht kommt, zeigt das mehr Wirkung, als wenn er kommt und etwas sagt, was schon tausendmal gesagt wurde.» Auch wenn der Choreograf versichert, ein Dialog mit israelischen Künstlern sei außerhalb des Landes selbstverständlich möglich und werde innerhalb seiner Kompanie – les ballets C de la B – auch seit Jahrzehnten betrieben, so stehen sich die Positionen doch unversöhnlich gegenüber. 

Streit um das Loyalitätsgesetz 

Unterstützung von außen können die kritischen Kulturschaffenden Israels allerdings derzeit besonders gut gebrauchen. Nachdem die wechselnden, von Benjamin Netanjahu geführten Regierungen seit Jahren zivilgesellschaftliche und demokratische Errungenschaften des Rechtsstaats ins Visier genommen haben und mehrere neue Gesetzes-entwürfe die freie Meinungsäußerung – diplomatisch ausgedrückt – zumindest zähmen sollen, sind nun Künstler und Kultureinrichtungen dran. Jedenfalls wenn es nach dem Willen der Kulturministerin geht, die Subventionszahlungen und Künstlerförderungen an die Loyalität gegenüber dem Staat Israel knüpfen will. Nur wer sich ihm gegenüber loyal verhält, hat – so Miri Regevs als «Loyalitätsgesetz» firmierender Entwurf – die entsprechende finanzielle Unterstützung auch verdient. Im Umkehrschluss soll gelten, dass Subventionen gestrichen werden können, etwa wenn Israels Charakter als jüdischer und demokratischer Staat geleugnet oder der Unabhängigkeitstag in Anlehnung an die palästinensische Nakba (Katastrophe) als Trauertag dargestellt wird; wenn Staatssymbole wie die Flagge einer Zerstörung oder Degradierung anheimfallen, wenn zu Rassismus, Gewalt und Terror aufgerufen oder gar der bewaffnete Aufstand gegen Israel unterstützt wird. 

Obwohl die Liste unerwünschter Äußerungen recht detailliert erscheint, lässt sie doch weiten Interpretationsspielraum – was die Gefahr, auf Miri Regevs Radar zu geraten, noch um einiges vergrößert. Tanzkünstler aus Tel Aviv, die ihren Namen selbstverständlich nicht genannt sehen wollen, berichten von dem Eindruck, die ehemalige Armeezensorin suche geradezu nach Zeichen offener Dissidenz. Deswegen drücken sie die eigenen kritischen Positionen lieber auf subtile Weise in ihren Produktionen aus, statt sie offen in Programmheften oder Ankündigungstexten zu artikulieren. Und das, obwohl der Entwurf zum Loyalitätsgesetz beim zweiten Wahlgang in der Knesset im letzten November durchfiel und erst einmal auf Eis gelegt wurde. 

Bislang noch keine Restriktionen

Doch die Erschütterung darüber liegt, so Gaby Aldor, in der Luft. Entgegen aller nachvollziehbaren, aber – selbst aus Sicht der Betroffenen – an Selbstzensur grenzenden Vorsichtsmaßnahmen, spricht die Co-Leiterin des arabisch-hebräischen Theaters in Jaffa sehr direkt aus, was ihre Haltung prägt: «Wir haben keine Angst, wir sind wütend!» Ihrer Institution habe bereits im September letzten Jahres nach einer Dichterlesung die Schließung gedroht. Im Zuge der Diskussionen um das Loyalitätsgesetz schwappten die Emotionen dann hoch, es gab auf zahlreichen Bühnen Protestnoten und Petitionen dagegen. 

Erst seit der Ankündigung von Neuwahlen für Anfang April haben sich die Gemüter wieder etwas beruhigt. Denn auch das ist kulturpolitische Realität: Abgesehen von dem umstrittenen Fall des arabischen Al-Midan-Theaters in Haifa hat noch keine einzige Kulturinstitution und kein einziger Künstler aus Gründen der Illoyalität seine Zuwendungen verloren – im Gegenteil: Die «Exposure» hat Ende 2018 wieder gezeigt, dass auch deutlich regierungskritische Performances wie Yasmeen Godders jüngste Arbeit «Demonstrate Restraint» in Israel produziert, finanziert und gezeigt werden können. Darüber hinaus wurde Gaby Aldor gerade erst vom israelischen Kulturministerium mit dem Preis für erfahrene Künstler ausgezeichnet. «Miri Regev brüllt, die Verwaltung arbeitet weiter», kommentiert die regimekritische Theaterleiterin diese Widersprüche spöttisch. Doch auch sie weiß, dass das Problem dieser Symbolpolitik nicht allein die Sorge um Alimentierungen, sondern darüber hinaus die Furcht vor einer weiteren Spaltung der israelischen Gesellschaft ist.


Tanz März 2019
Rubrik: Ideen, Seite 60
von Elisabeth Nehring