Freie Szene: Das performative Stadtarchiv

Das Performing Arts Festival in Berlin, höhere Fördermittel, aber auch neue Gefahren für die Freie Szene

Anfang Mai veröffentlichte die Koalition der Freien Szene ein neues Positionspapier. Den «11 Punkten für eine neue Förderpolitik» war ein deutlicher Appell an die Berliner Kulturpolitik vorangestellt: «Nichts ist erledigt!»

Dass sich die Rhetorik des spartenübergreifenden Aktionsbündnisses, das sich 2012 im Radialsystem gegründet hatte, ausgerechnet in Zeiten rot-rot-grüner Kulturpolitik und steigender Fördervolumen verschärft hat, muss Außenstehende verwundern.

Zumal sich die Lobbyarbeit in den letzten sechs Jahren durchaus ausgezahlt hat: Zumindest im Bereich der darstellenden Künste ist der gesamte Projektarbeitszyklus von der Recherche bis zur Wiederaufnahme mittlerweile förderantragsfähig, neue Honorar-Untergrenzen inklusive. Der neue Doppelhaushalt des Senats weist im Vergleich zu 2016 30 Millionen Euro mehr für die Freie Szene aus (insgesamt knapp 93 Mio.); auch der Bund zog mit einer signifikanten Erhöhung des Fördervolumens im Hauptstadtkulturfonds von 10 auf 15 Mio. nach und besserte den Etat des Fonds Darstellende Künste auf. 

Was Kultursenator Klaus Lederer allerdings nachhaltig enttäuscht hat, ist die Hoffnung auf mehr Mit- und Selbstbestimmung, die der vormalige Kulturstaatssekretär Tim Renner bei der Freien Szene geweckt hatte. Und angesichts horrend steigender Mietpreise für Proben- und Präsentationsräume verflüchtigen sich etwaige Mehreinnahmen ziemlich schnell. Der Verdrängungsfaktor aus der Berliner Innenstadt ist für Teile der Freien Szene nach wie vor existenzbedrohend. 

Was umgekehrt der Stadt mit ihren kreativen (Zwischen-)Nutzer*innen verloren gehen würde, vermittelte auch die dritte Ausgabe des Performing Arts Festivals im Juni wieder eindrücklich. Denn die theatrale Erforschung des Stadtraums diente der Freien Szene selten nur als Kulisse. Sie hat Erfahrungsräume für die unterschiedlichsten sozialen Milieus geschaffen, Orte und ihre Geschichte inszeniert, die dem kollektiven Gedächtnis längst entfallen waren: Sie ist Berlins lebendigstes Stadtarchiv.  

Sprechende Orte 

Der mittlerweile eher nostalgisch stimmende Geist der «Zwischennutzung» – ein Berliner Phänomen der 1990er Jahre, als Jutta Weitz, Angestellte der Kommunalen Wohnungsverwaltung in Mitte, den kreativen Umgang mit kurzfristigen Verträgen für Künstler*innen, Clubgründer und Kleistgewerbe erfand – weht derzeit noch durch die mosaikverzierten Flure und Faltschiebetüren der ehemaligen Australischen Botschaft Ost in Pankow. Bis zum Baubeginn der geplanten Eigentumswohnungen hoffen 31 Künstler*innen (und ein Tennislehrer) in der modernistischen Siebziger-Jahre-Architektur mit Balkonkaskaden (und Tennisplatz) auf eine Verlängerung ihrer zeitlich begrenzten Möglichkeiten. Im ehemaligen Besprechungsraum tanzen und musizieren also Eva Baumann und Biliana Voutchkova die kom­positorischen Werke von Frauen, die «zu Unrecht in Archiven verstauben». Ein Dialog zwischen Tanz und Musik, der mit dem im Programmheft erwähnten «Zustand der Selbstvergessenheit» vielleicht am treffendsten beschrieben ist. 

Eine echte (Wieder-)Entdeckung verbirgt sich auch hinter der bröckelnden Fassade am Berliner Caligariplatz in Weißensee. 1929, als der Stadtteil mit den vielen Filmproduktionsfirmen noch «Klein Hollywood» genannt wurde, eröffnete hier das Stummfilmkino Delphi mit 900 Plätzen, Bühne und Orchestergraben. Den vereinten Kräften einer privaten Stiftung, des Senats (50.000 Euro), Crowdfunding und des Künstlerpaars Brina Sti­nehelfer und Nikolaus Schneider ist es zu verdanken, dass der Spielbetrieb 2018 aufgenommen werden konnte. Gegen das fast sakral anmutende Raumereignis und den Verdacht, Friedrich Murnaus Nosferatu könnte jederzeit um die Ecke kommen, mit einem schlichten, analog adaptierten Computerspiel wie «Cyborg-City» anzuspielen, ist allerdings nicht so einfach.

«Opdakh. Eine szenische Zeitreise durch die Geschichte des ehemaligen jüdischen Waisenhauses» macht das Gebäude unweit des U-Bahnhofs Pankow selbst zum Gegenstand der Geschichte(n). 1913 als Heim für jüdische Flüchtlingskinder eröffnet, die Opfer der Pogrome in Osteuropa wurden, entwickelte sich die Zuflucht bald zum Ort der Deportation und einer SS-Dienstbehörde, bevor sie in der DDR erst als polnische, dann als kubanische Botschaft genutzt wurde. Im beeindruckend restaurierten Betsaal vertraut die Theatergruppe OfW (Ohne festen Wohnsitz) völlig zu Recht auf ihr dokumentarisches Material, das sich vor allem aus der Erinnerung der Überlebenden speist. Denen, die nach England und in die USA weiterfliehen konnten.

Mit 150 Arbeiten an fünf Tagen präsentierte sich das Schaufenster der Freien Szene, das vom LAFT Berlin gemeinsam mit den Spielstätten HAU Hebbel am Ufer, Sophiensaele, Ballhaus Ost und dem Theaterdiscounter veranstaltet wird, in gewohnt unübersichtlicher Vielfalt. Vom neu eingerichteten Festivalfonds mit einer zweijährigen Förderung ausgestattet, hat sich eine völ­lig ungewohnte Planungssicherheit für 2019 ergeben und eine Verdopplung des Budgets auf 600.000 Euro, die zukünftig teilweise in eine unabhängige Festivalleitung investiert wird, die dem Festival mehr Struktur und Konzept verleihen soll. Bislang konzentrierten sich Fördermittel und Kuratierung wesentlich auf die Nachwuchsplattform «Introducing», in deren Rahmen das HAU diesmal zwei polnische Arbeiten präsentierte. 

Gefahr von rechten Ideologen

In «La dolce vita» übt sich das Micro Theatre aus Warschau in der Kunst der Selbstbeschränkung (16 Minuten, vier Scheinwerfer, ein Beamer, ein Koffer mit dem gesamten Produktionsbudget: 5000 Zloty in Einzelmünzen = 1150 Euro). In Ermangelung von Performer-Honoraren ist das Publikum selbst eingeladen, die Wunschmaschine Theater zu bedienen und die Münzen in – oder eher auf – den Trevi-Brunnen der Leinwand zu werfen. Mit anrührender Fragilität und athletischer Statuarik im körperlichen Ausdruck kommentiert das Tanzsolo «Dance, Pilgrim, Dance» von Kasia Wolinska die historische Verbundenheit der Tanzikone Isadora Duncan mit dem revolutionärem Russland und die Macht, die Ideologien über die Körper ausüben.

Vor allem der Freien Szene, aber auch Kunst und Kultur allgemein drohen zukünftig sehr konkrete Gefahren durch Ideologie. Die Anfragen und Anträge, mit denen die AfD die parlamentarischen Institutionen beschäftigt, zielen neben dem rechtspopulistischen Kerngeschäft («Kindersterblichkeit bei Ausländerinnen aus islamischen Ländern») zunehmend auch auf die Rechtfertigung für Bereiche, die bislang als bildungsnah gelten durften: Die «Förderrichtlinien Kunst und Soziokultur» beispielsweise oder die «Mittelvergabe für Projekte der kulturell-künstlerischen Vermittlungsarbeit und Diversitätsentwicklung» bis hin zum «Studiengang Performance Studies» in Hamburg.

Auf dem Heimweg vom ehemaligen jüdischen Waisenhaus in Pankow hallt im Kopf ein Satz nach: «Wenn ein Jude Unrecht tut, so wird es allen Juden angetragen.» Auch wenn es nicht zu glauben ist, scheint es zu stimmen: «Nichts ist erledigt!» 


Theater heute Oktober 2018
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Anja Quickert