Fake

Die Fetischisierung des Hip-Hop zerstört eine Kultur des Widerstands

Was mit kleinen Blockpartys an den Rändern von New York begann, hat mittlerweile die Kunstwelt revolutioniert. Von High Fashion über die Oper von Paris bis hin zu großen Getränke- und Kleidungsmarken: Alle schmücken sich mit der «Authentizität» und dem Lebensgefühl der Hip-Hop-Bewegung. Bei der nächsten Olympiade soll es sogar Breaking als Sportart geben, mit Olympioniken, die auf Headspin oder Freezes spezialisiert sein werden. Dabei ist Hip-Hop zuallererst: eine Kultur. Also etwas, das Wissen transportiert.

Und nicht Botschaften, wie sie diverse Staatsinstitutionen und Getränkehersteller versenden – unter Instrumentalisierung von Hip-Hop bzw. urbaner Kultur, die ein junges Publikum begeistern sollen.

Meine eigene Karriere als B-Boy begann in schlichten Jugendfreizeitheimen. Wir sind damals kreuz und quer durch Europa gereist, um auf Jams zu gehen und uns mit Gleichgesinnten auszutauschen. Ich weiß noch, wie sehr ich mich geehrt fühlte, als mich jemand zum ersten Mal als B-Boy bezeichnete. Es war wie ein Zeichen. Ich würde jetzt dazugehören zum Kreis der Eingeweihten. Ich war nicht nur in die Tanzschritte und die Verhaltensregeln eingeführt worden. Ich gehörte zu etwas, das man eine Gegenkultur nannte: zu den Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden und sich hier nun selbst ermächtigten. Sie gaben sich durch Hip-Hop eine Stimme. 

Damit hatte Hip-Hop vieles gemeinsam mit Dancehall, Reggae oder Capoeira. Alle drei wurden unter starkem Druck geformt, dem Druck von Zwangsmigration, Kolonialisierung, Sklaverei und Rassismus.

Ihre Stimme richtet sich gegen das System, immer noch. Auf einer der ersten Jams fiel der Satz: «The only good system is a sound-system.» Auch wenn die Kritik am System nicht so analytisch war wie die von Marx und Engels, hatte sie immer etwas Rebellisches und Revolutionäres. Zumal die Hip-Hop-Kultur vor allem als Kultur der People of color entstand. Hip-Hop wurde eingemeindet, weit mehr als die People of color selbst. Hip-Hop wurde Teil des Mainstream, obwohl die Bewegung ausgestattet ist mit einer Geschichte, die auf ein kulturelles Erbe verweist und damit auf geschichtliche Umstände, die ganz sicher nicht so rosig sind wie die bunten Brausen, Blousons und fetten Karren, mit denen Hip-Hop heute vermarktet wird. Und Hip-Hop heute, das wäre eine Kultur nicht nur mit einer Geschichte, sondern auch mit einer Verantwortung für diese Geschichte.

Selbsbestimmung und Respekt

«Peace, Love, Unity and Having Fun» sind Grundwerte der Hip-Hop-Kultur. Ihre «Beförderung» zur olympischen Disziplin würde bedeuten, diese Werte gegen das «Höher, Schneller, Weiter» des kapitalistischen Prinzips auszutauschen. Für meinen Geschmack: eine bittere Ver-ach-tung aller, die je zur Hip-Hop-Kultur beigetragen haben. Das Gleiche gilt für die Fetischisierung des Hip-Hop in der Werbung. Kein Getränk, Auto, Schuh – kein Objekt, das sich nicht durch und mit Hip-Hop aufwerten möchte. Aber wertet es umgekehrt auch diejenigen auf, die Hip-Hop als Kultur leben, in den Jugendfreizeitheimen, auf Jams, in den Banlieues, in der Unterschicht? Also diejenigen, die in der (ihnen aufgenötigten) Differenz zu den Wohlhabenden feststecken und sich diese Getränke, Autos, Schuhe nicht locker leisten können?

Jede und jeder mit einen Quäntchen an einschlägiger Erfahrung weiß: Hip-Hop besteht aus vier Grundelementen, die heute nur noch wenig bis gar nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, nämlich DJing, Rap, Graffiti und Breaking. Aber Hip-Hop zeichnet noch etwas aus, eine fünfte Säule: Wissen (Knowledge). Dieses fünfte Element wurde vom amerikanischen Rapper KRS1 (oder auch KRS-One) proklamiert. Ohne das Wissen um die Entstehung, die Notwendigkeit, die Kultur des Hip-Hop selbst, davon bin ich überzeugt, wird sich Hip-Hop in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie wie eine Brausetablette in Selters auflösen. Ohne das Wissen, dass Hip-Hop eine Kraft gegen Unterdrückung und für Selbstbestimmung und Respekt ist, ist Hip-Hop nichts als ein Fetisch des Kapitalismus und seiner Jünger. Sie benutzen ihn so billig wie ein buntes Accessoire, ohne die geringste Ahnung von Inhalten. Dann ist Hip-Hop ein entleerter Fetisch, der nichts mehr zu tun hat mit der Kraft des Wissens, der ihn erst zu einer kulturellen Macht erstehen ließ.

Raphael Hillebrand: Tänzer und Choreograf, Schüler von Niels «Storm» Robitzky, ist Mitgründer der Partei «Die Urbane» und der Berliner Tanzreihe «Dialogic Movements», die Hip-Hop mit zeitgenössischen Tanzformen konfrontiert 


 

 


Tanz Jahrbuch 2019
Rubrik: Fake, Seite 94
von Raphael Hillebrand