«Etwas stimmte nicht, und zwar grundlegend»

Eindrücke vom 55. Berliner Theatertreffen

Inzwischen hat sich das Theatertreffen zu einem stetig wachsenden Festival entwickelt: Mit dem „Stückemarkt“, internationalen Projekten unter dem Titel „Shifting Perspectives“ oder dem Programm „Next Generation“ war das Haus der Festspiele vom 4. bis zum 21. Mai 2018 wieder Zentrum für eine Standortbestimmung des (deutschen) Theaters. Wir stellen das „Best of“ des deutschsprachigen Theaters vor, die zehn von der Jury ausgewählten Produktionen.

Großes Schauspieltheater versprach der Leiter der Festspiele, Daniel Richter auf der Pressekonferenz – mit Stücken, die das kollektive Gedächtnis mit neuen Versionen theatraler Realität belebten. Ob Klassiker, die Dramatisierung von Romanen oder neue Stücke – die Palette des Gezeigten sei wieder groß. Als „Special Guest“ war der Regisseur Ulrich Rasche eingeladen und bot eine Vorschau auf „Woyzeck“ aus dem Theater Basel. Schon vergangenes Jahr war er für das Theatertreffen ausgewählt worden, aber die „Räuber“ konnten im letzten Jahr nicht gezeigt werden, da kein passender Spielort für das Bühnenbild gefunden werden konnte. Auch „Woyzeck“ wurde als Maschinentheater tituliert. Aber nicht die Bewegung und der Rhythmus der Maschinen bestimmen das Stück, sondern umgekehrt: Rasche hat die Bewegung der Drehscheibe nach dem Sprechrhythmus und Sprachklang der Schauspieler entwickelt. 

Als Vertreterin der Schauspielzunft war Isabelle Redfern eingeladen, die über die Neuinszenierung des Stückes „Mittelreich“ der Münchner Kammerspiele berichtete (siehe Seite 20). Das Stück war bereits 2016 zum Theatertreffen eingeladen. Nun wurde die gleiche Inszenierung mit einem Cast von Persons of color, wie es jetzt heißt, besetzt. Ihre Erfahrung mit dem eigenen Spiel und dem Publikum führte eindrücklich vor Augen, dass unterschiedliche Hautfarben und Herkünfte auf deutschen Bühnen nach wie vor eine Ausnahme sind. 

Für die Kulturstiftung des Bundes, Hauptförderer des Theatertreffens, ist die mediale Aufbereitung des Theatertreffens, dieses „Leuchtturms“ seiner Aktivitäten, wie Festspiele-Intendant Thomas Oberender betonte, immer ein wichtiges Anliegen. Ein breites Publikum jenseits der Live-Aufführungen finden – zumal die Tickets immer innerhalb von Minuten nach Verkaufsbeginn ausverkauft sind –, das wurde wieder mit den Aufzeichnungen von drei Inszenierungen als Public Viewing im Sony Center und auf 3sat im Fernsehen geplant. Die Zusammenarbeit mit dem ZDF besteht schon seit 23 Jahren, aber offenbar wird es schwieriger, Theater im Fernsehen zu behaupten. Im Gegensatz zur Oper verschwindet es allmählich aus den Fernsehprogrammen. Um diesen Trend zu stoppen, hat das ZDF die Aufzeichnungen als eigenständige Filme gestaltet. Die Produktionen wurden nicht mehr live aufgezeichnet (mitunter zum Ärger der Zuschauer), sondern als eigenständiger Film vor dem Theatertreffen im Stammtheater gedreht. Mit ungewohnten Perspektiven auf die Bühne und auch in den Backstage-Bereich sowie Nahaufnahmen wollte man für die Zuschauer sozusagen einen Mehrwert schaffen und die fehlende Live-Atmosphäre kompensieren. „Woyzeck“, die „Odyssee“ sowie „Trommeln in der Nacht“ wurden beim Public Viewing und im Fernsehen auf diese Art gezeigt. Doch nun zu den Live-Aufführungen.

Klassiker von monumental bis zeichenhaft

Zur Eröffnung wurde die Abschiedsinszenierung – „Faust“ – von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne (BTR 4/2017) gezeigt. Der Regisseur hatte sich geweigert, die Einladung des neuen (und seit dem 13. April 2018 nicht mehr) Intendanten Chris Dercon an die Volksbühne anzunehmen und die Produktion dort zu zeigen. Da das Budget der Festspiele für eine Anpassung ans eigene Haus nicht ausreichte, wurden Lottomittel in Höhe von 500.000 Euro beantragt und bewilligt. Dass sich ein Regisseur so etwas erlauben kann und will, sorgte für einigermaßen Aufruhr in der Berliner Kulturszene. Um den aufwendigen Aufbau zu kompensieren, wurde das Stück zur Eröffnung und bereits vor Beginn des Theatertreffens insgesamt fünf Mal gezeigt. 

Castorf hatte „Faust“ nach Paris verlegt. Bühnenbildner Aleksandar Denić hatte dafür eine Bühnenwelt mit Nachbauten von Metrostationen und -wagen sowie dem Eingang zur legendären Bar „L’Enfer“ geschaffen und mit Versatzstücken kolonialer Architektur verknüpft, die einen von Castorf eingefügten weiteren Handlungsstrang in Szene setzten. Die Bühne war überspannt von einer großen Projektionsleinwand, die das Spiel der Schauspieler aus dem Inneren der Bühnenräume projizierte. Eher selten erlebte das Publikum sie leibhaftig, wenn sie quasi aus den Projektionen heraussprangen. Die Pariser Unterwelt rückte auf der kleineren Bühne zwar näher ans Publikum, der Eindruck war aber durch das Zusammenrücken der Dekors weniger spektakulär als im Stammhaus. 

Kleinformatiges episches Theater mit großen Bildern kam mit „Trommeln in der Nacht“, einem modernen Klassiker von Bertolt Brecht, von den Münchner Kammerspielen (Regie: Christopher Rüping, Bühnenbild: Jonathan Mertz). Es wurde im Deutschen Theater gezeigt, dessen Bühne der der Kammerspiele besser entspricht als die des Festspielhauses. Als Hommage an den Autor und das Haus – das Stück wurde 1922 in den Kammerspielen, damals noch an anderem Ort aufgeführt – inszenierte Rüping das Stück nach der historischen Vorlage – mit Imitation der stilisierten Sprache und der Choreografie. Auch die Bühne wurde von Mertz wie seinerzeit von Otto Falckenberg gestaltet, mit naiv stilisierten schiefen Häusern, über denen ein roter Mond schwebt. 

Das Stück thematisiert den Spartakus-Aufstand von 1919 im Kontext vom Ende des 1. Weltkriegs: Der Kriegsheimkehrer Andreas Kragler (dargestellt von Christian Löber) kommt zu spät – seine Braut (Wiebke Mollenhauer) hat sich gerade mit einem anderen verlobt, er kämpft aber weiter. Regisseur und Bühnenbildner spielen mit allen möglichen Formen des Theaters. Brechts Regieanweisungen werden als Kommentar eingesprochen, und nach der Pause wird die Brecht-Bühne beiseite geräumt und macht der Moderne Platz – mit grellen Neonlicht, Nebel, Mikrofonen und Musik. Liebe oder Revolution, die Frage bleibt im Nebel offen, nachdem die Mutter (Wiebke Puls) ihre eigene Tochter ermordet hat, um sie vor dem Leben zu schützen. Wiebke Puls erhielt für ihr Spiel den 3sat-Preis. 

Mit dem bereits erwähnten „Woyzeck“ war ein dritter Klassiker zum Theatertreffen eingeladen. Eine riesige Drehscheibe bestimmt augenscheinlich das Geschehen, sie bewegt sich im Kreis und in der Höhe, nach vorn und hinten und fordert von den angebundenen, schwarz gekleideten Schauspielern eine 3,5 Stunden dauernde Klettertour. In Büchners hessischem Kunstdialekt sprechend, treibt die Dorfgemeinschaft den ehemaligen Soldaten vor sich her, der seine geliebte Marie aus Eifersucht erstochen haben soll. Die rhythmischen Stimmen und monotonen Bewegungen, untermalt von einem Minimal-Music-Teppich von Monika Roscher, entfalten eine bedrückende und bedrohliche Atmosphäre, und die Drehscheibe wird mitunter auch von unten als Kunstwerk und Mitspieler beleuchtet (Licht: Cornelius Hunziker). Erstaunlich, wie Rasches Konzept aufgeht: Selten hat man die Sprache Büchners und das Drama des geschundenen Woyzecks in ihrer ganzen Grausamkeit erfassen können – in den Wendungen des Schicksals, das sich in den wuchtigen Drehungen als unausweichlich zeigt. Als Mitspieler erhielt die Drehscheibe – und damit ihre Hersteller – einen besonderen Applaus! 

In minimalistischer Umgebung wurde eine moderne Adaption der Sage des Odysseus, „Die Odyssee – eine Irrfahrt nach Homer“, von der Kleinen Spielstätte des Thalia Theaters auf der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele gezeigt. Im Programmheft heißt es: „Language no problem.“ In der Tat, Regisseur Antú Romero Nunes lässt die Protagonisten, Odysseus’ Söhne Telegonos (Thomas Niehaus) und Telemachos (Paul Schröder) den Tod des heldenhaften Vaters in einer irgendwie nordischen, mitunter deutsch klingenden Kunstsprache verarbeiten, wo man nur Fetzen des Inhalts aufschnappt. An der Rückwand einer Gassenbühne mit Blümchentapeten von Jennifer Jenkins und Matthias Koch, die als Aussegnungshalle mit Sarg im Hintergrund eingerichtet ist, schwebt das Bild das Vaters – hier Kirk Douglas, der bekannteste Kinodarsteller des Odysseus. Es entspannt sich ein wilder Reigen aus Slapsticks, Musiknummern und Zauberkünsten, in denen sie die Heldentaten sozusagen in Kleinkunstmanier „aus dem Koffer“ mit Requisiten wie Schwert, Helm, Tuba und Kettensäge nachspielen, das Fehlen der Vaterfigur inszenieren und dabei auch ihre Verlorenheit zeigen. Zu „Spiel mir das Lied vom Tod“ kriecht Telegonos in den Sarg, der später auch als Badewanne dient. Die Aufführung lebt von den grandiosen Schauspielern mit kleinen, effektvollen Bühnenumbauten. 

Neue Stücke – aufwendige Bühnenräume 

Vom Schauspielhaus Hamburg wurde mit „Am Königsweg“ ein neues Stück von Elfriede Jelinek eingeladen, das Falk Richter zur Uraufführung brachte. Jelinek erkundet 2000 Jahre Menschheitsgeschichte als Abfolge männlicher zerstörerischer Gewalt. Die Inszenierung ist aber ebenso wenig linear wie Jelineks Text, und so erleben wir eine wilde Revue aus Songs mit Persiflagen auf Trump – „Ich bin König, keiner mag mich“ –, gespielten Szenen wie der Blendung von Ödipus zu „Spiel mir das Lied vom Tod“, alles versetzt mit Videos und Collagen der Visual Artists Michel Auder und Meika Dresenkamp zu Propaganda und Gewalt. Die Grande Dame des Schauspiels, Ilse Ritter, spielt die Autorin selbst, melancholisch das Lebensende vor Augen. Dann springt die Comedienne Idil Baydar hinzu, die vor der Pause von einer Seitenloge in einer furiosen Improvisation europäischen Rassismus aufs Korn nimmt. Der belgische Schauspieler Benny Claessens liefert als kindlicher König eine eigene, von Slapsticks durchwirkte Show und purzelt später mit königlichen Witzfiguren über die Bühne. Für seine Leistung wurde er von Juror Fabian Hinrichs mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis ausgezeichnet. In rasantem Tempo und mit überbordenden Bildern werfen sich Jelinek und Richter die Bälle zu, die die Schauspieler, Sänger und Bühnenkünstler fulminant aufnehmen und performen: „Die Welt braucht Führer, ohne sie ist sie führungslos.“ So sieht es wieder aus. 

Diesmal waren auch die Berliner Festspiele selbst eingeladen, und zwar mit der Produktion „Nationaltheater Reinickendorf“ von Vegard Vinge und Ida Müller, die schon in der Volksbühne mit zwölfstündigen Aufführungen inklusive Ausscheidungen auf sich aufmerksam gemacht hatten. Das Stück konnte nicht gezeigt werden, weil das Team schon lange eine Einladung ins Heimatland Norwegen hatte. Kollegin Eva Behrendt von „Theater heute“, Mitglied der Jury, fand interessant, dass Vinge und Müller eine eigene Theaterform entwickelt haben, mit der sie Theater spielen, aber gleichzeitig hinterfragen. Für ihre Collage aus verschiedenen Stücken wie „Hamlet“ und „Baumeister Solness“ wurden für sie in eine große Halle in Berlin-Reinickendorf drei Räume aus Sperrholz und Pappe gebaut – natürlich komplizierter als es aussah! Die Zuschauer wanderten durch die Hallen und Stücke, Requisiten wurden aus Pappe nachgebaut, und auch andere Verfremdungen verwiesen immer auch auf das Theater als Kunstwelt – mit Humor. Nicht alle Zuschauer schätzten wohl die Szene mit dem Einsatz eines sogenannten Fäkalien-Förderbands zu Beginn oder auch das Nachspielen von Vergewaltigungsszenen. Aber die Kombination aus realer und Kunstwelt, vielfach gebrochen, beeindruckte die Jury. 

Klassiker sind als Vorlage für eigene Neuentwicklungen interessant – auch bei Karin Henkel, die mit dem Ensemble des Schauspielhauses Zürich „Die Troerinnen“ und „Iphigenie in Aulis“ von Euripides „zusammendenkt“, wie es im Programmheft heißt. Die im Schiffbau gespielte Produktion „Beute Frauen Krieg“ wurde in den Rathenauhallen, einem ehemaligen Kabelwerk, eingerichtet. Ein Besuch war leider nicht möglich, so werden andere Pressestimmen herangezogen. Eine feministische Darstellung von Kriegsgewalt aus Sicht der Opfer war das Anliegen von Henkel, die für ihre Verdienste um das deutschsprachige Theater mit dem Berliner Theaterpreis ausgezeichnet wurde. In der langgezogenen Halle senkten sich zwei Wände herab, die den Bühnenraum von Muriel Gerstner in drei Räume unterteilten. Die Zuschauer erhielten Kopfhörer und hörten das, wo sie gerade waren, vergleichbar einem Museumsguide. Nach jeweils 20 Minuten wurden die Räume gewechselt. Kriegsopfer wie Helena, Kassandra, Hekabe und andere Frauen aus den Dramen von Euripides spielten zum Teil als Zwillinge oder Mehrfachbesetzungen das Elend von Krieg, Leid und Gewalt – das in der Enge der Räume dicht an die Zuschauer herantrat. Nach der Pause wechselte die Szenerie, der Raum war eine große Agora, wo das Schicksal der Frauen weiter verhandelt wurde, mit Videos von Kriegsszenen im Hintergrund. Eindrücklich und packend, war eine einhellige Meinung unter Kritikern, aber doch auf Dauer in der Wiederholung und Technisierung etwas ermüdend, ergänzten kritischere Stimmen.

Romane auf der Bühne 

Die Berliner Schaubühne war mit „Die Rückkehr nach Reims“ zum Theatertreffen eingeladen. Die Dramatisierung des autobiografischen Essays des Franzosen Didier Eribon in der Regie von Intendant Thomas Ostermeier war in dem für „Richard III“ gebauten und weiterhin installierten Globe Theatre (BTR-Sonderband 2016) eingerichtet. Das Publikum saß in diesem Fall im Halbrund, und frontal war die Bühne als Radio-Aufnahmestudio eingerichtet. In der Inszenierung werden verschiedene Realitäts- und Darstellungsebenen ineinander verschachtelt. Nina Hoss „spielt“ eine Schauspielerin, die den Text von Eribon für die Aufnahme liest, und gleichzeitig wird das Gelesene durch über dem Studio laufende historische Filme zu politischen Auseinandersetzung und persönliche Filme des Autors dokumentiert. Er ist im Arbeitermilieu aufgewachsen und hat sich von der Familie abgewandt, die fest im Kommunismus verwurzelt war und sich dann enttäuscht dem Front National anschließt. Im zweiten Teil springt Hoss aus der Rolle heraus und ist sie selbst. In einer liebevollen Hommage an ihren Vater Willi Hoss liest sie Briefe und Dokumente zu Filmen unter anderem aus ihrer Kindheit, wo der Arbeiter, Gewerkschafter und Mitbegründer der Grünen sie zu Entwicklungshilfeprojekten bis in den Amazonas mitnahm. Die Inszenierung ist ein dichter Rückblick auf ein halbes Jahrhundert von Kämpfen und Frustrationen, aber auch von Hoffnung und Zuversicht.

„Mittelreich“, das Stück nach dem gleichnamigen Roman von Josef Bierbichler, war die zweite Produktion der Münchner Kammerspiele. Auch sie wurde im Deutschen Theater gezeigt. Schon 2016 war die Produktion zum Theatertreffen eingeladen. Die damalige Regisseurin, Anna-Sophie Mahler, hatte einen engen Guckkasten von Duri Bischoff mit dem Requiem von Brahms verwoben, um darüber die Familiensage von drei Generation des „Seewirts“ zu erzählen, die von Privilegien, Ausgrenzung und Verdrängung handelt. Ein Jahr später inszenierte Anta Helena Recke die Produktion in identischer Weise nach, mit einem wesentlichen Unterschied: Ihr Cast besteht ausschließlich aus Persons of color. Schauspielerin Isabelle Redfern berichtete in der Pressekonferenz, dass es für sie alle eine ungewohnte Situation war, sich in die kurz zuvor gespielten Rollen der Kollegen hineinzufinden, ohne ihre Vorgänger zu kopieren. Bei der Premiere war die Reaktion bei Zuschauern und Kritik offenbar sehr heftig – das Spektrum von Ablehnung bis Begeisterung war breit. Die Kopie selbst der Stimmen führte zu einer Irritation, die die gewohnten Wahrnehmungsmuster infrage stellt und allein mit diesem verblüffenden Mittel zeigt, dass das deutsche Stadttheater nach wie vor weiß ist, der Weg weit, bis Persons of color nicht immer nur sich selbst spielen (müssen).

Zum Abschluss des Theatertreffens wurde das Publikum von einer dreieinhalbstündigen Inszenierung aus dem Wiener Burgtheater in den Bann gezogen. Der autobiografische Roman „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle diente Jan Bosse als Vorlage für das gleichnamige Ein-Personen-Stück, das Joachim Meyerhoff in der Rolle eines Manisch-Depressiven zeigt. Das zerrissene Innenleben eines bipolaren Menschen dem Publikum nahezubringen, ist ein fast „übermenschliches“ Ansinnen, wie ein Kritiker schrieb. Bosse und der Bühnenbildner Stéphane Laimé stellen ihm Theatermittel zur Seite, mit denen er agieren kann und „die entgrenzte Innenwelt der Ich-Figur nach außen gestülpt wird“ (Programmheft). Hoch auf die Leiter, die Bühnenwand anmalen, dann verheddert er sich in einem selbst gespannten Netz und arbeitet sich an einer Tischtennisplatte ab. Behauptet, mit Madonna geschlafen zu haben, hält sich für den neuen Messias – alles stürzt auf ihn ein. Besonders einprägsam eine Szene, wo er seine Arme, Beine und den Kopf auf einen Kopierer legt und die Blätter nach und nach zu einem Kreuz an der Bühnenwand zusammentackert. Zum Schluss kriecht er in ein langsam herabfahrendes, von innen beleuchtetes Gebilde, eine Art Kokon, das frei auf der Bühne schwebt (BTR 3/2017). „Etwas stimmte nicht, und zwar grundlegend, bis in die Basis, bis ins Wesen der Dinge hinein“, sagt er einmal. 

Das Theatertreffen hat wieder gezeigt, dass Vieles nicht stimmt, mit den Menschen, mit der Politik, mit der Geschichte. Das Theater behauptet sich weiter als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung, mit großartigen Schauspielern, aber auch mit Bühnenbildern und medialer Gestaltung, die neue Sichtweisen auf alte Stoffe öffnet. 


BTR Ausgabe 3 2018
Rubrik: Thema: Produktionen, Seite 14
von Karin Winkelsesser