Brennpunkt Theater – kippt Dresden?

„Das blaue Wunder“ am Staatsschauspiel Dresden

Mit der Uraufführung des Stücks „Das blaue Wunder“ hat das Staatsschauspiel Dresden für reichlich Diskussionsstoff gesorgt – Volker Lösch nahm die aktuelle politische Situation in der Stadt zum Gegenstand seiner neuen Inszenierung. Die damit verbundene Kontroverse sorgte bereits vor der Premiere am 26. Januar für gehörige Aufregungen. Dem Staatsschauspiel Dresden ist dabei eine in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Theaterproduktion gelungen, die technisch große Herausforderungen beinhaltet.

Schon vor der Premiere war die Aufregung nicht zu übersehen – Volker Lösch würde Dresden herausfordern. Selbst politisch moderate und liberal eingestellte Menschen fragten sich, ob es richtig sei, wenn ein öffentlich finanziertes Theater derart provozierend eine politische Partei angreifen würde. In der „ZEIT“ erschien einige Tage vor der Erstaufführung ein umfangreicher Text, in dem Mut, Zuspruch, aber auch Zweifel und Ablehnung gegenüber dieser Inszenierung ausführlich beschrieben wurden. Bereits während des Probenprozesses war es im Ensemble und unter den Technikern zu Skeptizismus und Ablehnung gekommen, ein Schauspieler wollte im Programmheft nicht genannt sein. Dabei wurde auch der Vorwurf laut, dass ein reisender Regisseur wie Lösch in eine Stadt komme, sich mit seiner Inszenierung in eine hochbrisante, politische Diskussion einmische und dann zur nächsten Inszenierung in eine andere Stadt weiterreise – und das Theater könne sehen, wie es mit den Reaktionen zurechtkomme.

In dieser Gemengelage waren für die Premiere eine erhöhte Sicherheitsstufe und Absprachen mit der Polizei anberaumt worden. Als dann bereits nach zehn Minuten in der Premiere der Strom ausgerechnet und nur am Ton-Mischpult ausfiel, während die Verstärker und das Licht davon nicht betroffen waren, wurde schnell von Sabotage gemunkelt.

In der Regel ist ja die Aufregung, die in einem Theater vor einer Premiere herrscht, meist hausgemacht und sollte nicht überbewertet werden. Doch in Dresden gehen die Uhren etwas anders. Die Stadtgesellschaft befindet sich inmitten einer brisanten politischen Auseinandersetzung, die durch die jahrelangen Pegida-Demonstrationen und die Erfolge der AfD immer mehr aufgeladen wurden. Am Tag der Premiere demonstrieren vor allem junge Menschen in der Stadt gegen ein neues Polizeigesetz, dass die Bürgerrechte deutlich einschränken soll. Das Polizeiaufgebot ist mehr als doppelt so stark wie die Anzahl der Demonstranten. Die Anspannung der politischen Situation ist mit Händen zu greifen.

Noch im Zuschauerraum des ausverkauften Premierenabends im Staatsschauspiel Dresden ist diese Nervosität wahrnehmbar. Volker Lösch sowie die Autoren Thomas Freyer und Ulf Schmidt haben unter dem Titel „Das blaue Wunder“ ein in jeder Hinsicht bemerkenswertes Stück auf die Bühne gebracht. Während der Titel einerseits auf Dresdens berühmte Elbbrücke und andererseits auf die Parteifarbe der AfD anspielt, ist der Inhalt eine starke politische Demonstration. Es ist fünf vor zwölf, so könnte die Überschrift über der Konzeption lauten: Sollte bei den bevorstehenden Landtagswahlen die AfD wirklich weiter erstarken und die CDU dann eine Regierungskoalition mit ihr eingehen, dann solle keiner sagen, er habe nicht gewusst, was dies bedeute. Um diese Idee umzusetzen, bestehen weite Passagen des Textes aus wörtlichen Zitaten des AfD-Parteiprogramms und öffentlicher Reden deren Politiker.  

Alle sind gleich, aber einige sind gleicher

Die Handlung folgt einem einfachen Narrativ: Enttäuschte Menschen, die sich nur in einer Idee einig sind, nämlich dass sie selbst etwas tun müssten, entdecken ein Schiff, auf dem die Schiffsführerin mit dem blauen (Partei-)Buch in der Hand alle Deutschen einlädt, die Fahrt in eine neue Zeit anzutreten.

Wenn sich in diesem Moment der Eiserne Vorhang hebt und aus den scheinbar unendlichen Tiefen der Dresdner Unterbühne ein gigantischer Stahlkoloss in Schiffsform emporkommt begleitet von Wagner-Klängen und Nebelschwaden, bleibt dem Publikum für einen Moment der Atem stocken.

Die Figuren der Handlung begeben sich an Bord und ergeben sich der Indoktrinierung des blauen Buchs. Die Szenen sind von rasantem Tempo, die Schauspieler klettern bis in schwindelnde Höhen des Schiffs, das sich zudem oft um die eigene Achse dreht, dann wieder abtaucht und erneut aufsteigt. Das verlangt größten Respekt gegenüber allen Beteiligten, aber auch den Einsatz von Mikroports, um eine akustische Verständlichkeit zu gewährleisten. Dies gelingt sehr gut, ohne dass es zu einem unnatürlichen Verstärkungseffekt kommt.

In der Handlung folgen kurze Szenen aufeinander, in denen bald die Probleme einer autokratisch deklarierten Gleichmacherei sichtbar werden. Während es am Anfang noch Bier für alle Volksgenossen kostenlos gibt, ändert sich die Lage genau dann, wenn die Vorräte zur Neige gehen. Dann haben die höheren Funktionäre Vorrang, während das Fußvolk Wasser saufen kann. Immer wenn in solchen Szenen einzelne Figuren nach einer Begründung fragen, bestehen die Antworten aus den oben genannten wörtlichen Zitaten. Das Ganze wäre witzig und würde wie eine moderne Adaption von George Orwells „Farm der Tiere“ wirken, in der es heißt: „Alle Tiere sind gleich, aber einige sind gleicher!“, wenn nicht die tatsächliche gegenwärtige politische Situation dem so genau entsprechen würde. Nicht das Theaterstück oder die Inszenierung von Lösch sind eine Groteske, es ist der Zustand der Gesellschaft, den diese nur widerspiegelt.

Um dies zu verdeutlichen, schneidet Lösch in die Handlungen Szenen mit Menschen der Stadtgesellschaft, die sich seit Jahren für Demokratie und gegen Nationalismus und Rassismus einsetzen. Auf der Bühne sind es Laien, aber im Leben sind es Profis. Diese Szenen sind nicht minder bewegend. In kurzen Statements erzählen sie von ihrem täglichen Engagement, unprätentiös, knapp, um am Ende ihres Auftritts die Zuschauer davor zu warnen, zu glauben, es werde sich nach einem Wahlsieg der AfD nichts ändern.

„Solle keiner sagen, er habe es nicht gewusst!“

Nicht wenige nennen dies Agitprop-Theater und höhnen, dass das Theaterpublikum ohnehin nicht überzeugt werden müsse. Doch das greift zu kurz. Das Stück ist ein notwendiger politischer Diskussionsbeitrag und die Aufführung erinnert an die Tage im Dresdner Schauspiel 1989, als zum ersten Mal während der beginnenden Montagsdemonstrationen die Schauspieler am Ende einer Vorstellung vor den Vorhang traten und eine Erklärung verlasen.

Und wenn es heute überhaupt noch einer Bestätigung durch die Wirklichkeit bedurfte, dann liefert diese die Stadtratssitzung im Januar 2019. Durch Parteiaustritte verliert die CDU/SPD-Koalition ihre Mehrheit und der Antrag im Doppelhaushalt 2019/2020, die finanziellen Mittel für die freie Kulturszene auf 2 Millionen Euro aufzustocken, wird durch eine neuentstandene rechte Mehrheit abgelehnt bzw. auf 400.000 Euro zusammengestrichen. Wie dies zur Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2025 passt, kann die städtische Kulturpolitik damit nicht erklären. Auch das neue sächsische Polizeigesetz, das u. a. Maschinengewehre, Handgranaten, eine großflächige Videoüberwachung mit Gesichtserkennung, die Störung der Telekommunikation bei Demons-trationen sowie bei Verdacht der Begehung einer Straftat eine Serie präemptiver Maßnahmen erlaubt und den Begriff der abstrakten Gefahr einführt, passt nicht. Der Sonderbotschafter für die Bewerbung Dresdens als Kulturhauptstadt, Michael Schindhelm, vermag in der Ost-Ausgabe der „ZEIT“ nur historische Rückblicke wortreich zu umschreiben, vor allem aus seiner eigenen Biografie, zum Beispiel, wie er (geboren 1960) einst in Lederhosen durch die Trümmerlandschaft Dresdens lief. 

Polit-Theater findet nicht nur auf der Bühne statt

In ihrem Engagement, einem solch spektakulären und brisanten Stück auf die Bühne zu helfen, stehen die technischen Abteilungen und Werkstätten den Schauspielern in nichts nach. Die Kostüme von Carola Reuther wandeln sich von stereotyper Alltagskleidung am Anfang zu Uniformität, die mit den neuen sozialen Unterschieden schnell erkennen lässt, welche Volksgenossen auf dem Schiff gleich und welche schon nach kurzer Zeit „gleicher“ sind. Der Schiffsführer erscheint nach Erlangung der höchsten Machtebene in einem blauen Mantel im Schnitt einer SS-Uniform. Bedrohlich wird es, wenn bei der „Einnahme Dresdens“ die ganze Schiffsmannschaft in diesen Mänteln an der Rampe dem Publikum gegenübertritt. Lächerlich wird es, wenn sich blaue Volksgenossen und grün-weiße, islamische Fundamentalisten beim Seekampf mit den nahezu gleichen Parolen begegnen.

Das Bühnenbild stammt von Cary Gayler, einer erfahrenen Bühnen- und Kostümbildnerin, die an bedeutenden Bühnen wie u. a. dem Schauspiel Staatstheater Stuttgart und dem Deutschen Theater Berlin arbeitete. Eine langjährige enge Zusammenarbeit verbindet sie mit Lösch, für dessen Inszenierungen sie schon mehr als 20 Bühnenbilder entwickelte, so auch für „Die Orestie“, „Die Weber“, „Woyzeck“, „Graf Öderland“ und vergangene Saison „Der Weg ins Leben“ am Staatsschauspiel Dresden.

Der erste Entwurf

Die ersten Entwürfe für das Stück mit dem vorläufigen Arbeitstitel „Dresden 2029“, aus dem dann „Das Blaue Wunder“ wurde, waren ein Albtraum für jeden Technischen Direktor: ein riesiges Schiff, stehend auf schmalem Kiel, vier „Decks“, ca. 15 m lang, 7 m hoch und mit einem fast 8 m hohen Mast, eine Seite voll beplankt, die andere mit Einblick in die Unterdecks. Die funktionalen Anforderungen waren immens: Alle Ebenen sollten bespielbar sein, das Schiff sollte sich auf der Bühne frei bewegen können, der Mast einen Ausguck in ca. 13 m Höhe haben, in dem Darsteller agieren sollten, außen am Schiff sollte bekletterbare Takelage sein und es sollte mit Wasser und „Abfällen“ wie z. B. Essensresten und Abwasser gespielt werden. Sämtliche für die Realisation zu erfüllenden Kriterien schienen unerfüllbar; Repertoirefähigkeit, Finanzierung, Auf- und Abbauzeiten, Lagerfähigkeit und Arbeitssicherheit.

Eine besondere Schwierigkeit, sowohl für die Bühnenbildnerin als auch für das Theater, war der Umstand, dass zum Zeitpunkt von notwendiger Modellabgabe, Bauprobe und auch Werkstattübergabe es noch kein fertiges Stück gab. Die Produktion war zwar keine Stückentwicklung im eigentlichen Sinne, aber der Text, der als Grundlage diente, wurde vom Staatsschauspiel Dresden beauftragt und von Thomas Freyer, Ulf Schmidt und Volker Lösch verfasst. So gab es auch noch keine konkreten Angaben zu der Besetzung, den Requisiten und den Funktionalitäten.

„Nach mehreren Gesprächen zwischen Regie und Bühnenbild und noch einigen Treffen in Dresden kristallisierte sich in einem sehr konstruktiven Prozess ein machbarer, wenn auch immer noch sehr ambitionierter, Entwurf heraus“, sagt der Technische Direktor Peter Keune. Die realistischen Elemente wichen einer abstrakteren Gestaltung. Das „Schiff“ war nun ein großer Schifftsteil, beginnend vom Bug ohne definiertes Ende, quasi ein Ausschnitt, reduziert auf die konstruktiven Elemente: Decks, Spanten, Treppen, Geländer. Der begehbare Mast und die angedeuteten Ausstattungen und die Takelage entfielen.

Aufgrund von personellen Engpässen in der Konstruktionsabteilung wurde die Konstruktion des Bühnenbildentwurfs extern vergeben. Dafür konnte Albrecht Löser, ein erfahrener Konstrukteur, der langjährig für die Semper-oper und auch für die Bayreuther Festspiele gearbeitet hat, verpflichtet werden.

Im Pflichtenheft für die Konstruktion des riesigen Korpus stand Folgendes:

Länge ca. 13 m, Höhe ca. 7,30 m, Breite ca. 6 m, freie Verfahrbarkeit auf der Bühne, drehbar auf der hauseigenen Drehscheibe, mit dieser und den Podien versenkbar, bespielbar von 9 Darstellern und 20 Statisten, d. h. Verkehrslast von 29 Personen, repertoirefähig, d. h. in einer Schicht auf- und abbaubar, um einen regulären Repertoirebetrieb mit vormittags Proben und abends Veranstaltungen zu ermöglichen, lagerbar.

Mit diesen Prämissen waren der konstruktive Ansatz und die Art der Lagerung gewissermaßen schon vorgegeben. Das Schiff musste aus großformatigen, rollbaren Modulen bestehen, die relativ schnell und unkompliziert auseinanderzunehmen sind. In Dresden gibt es im Groben zwei Varianten der Herstellung von Bühnenbildern: Ein Teil der Produktionen kann aus großformatigen Bauteilen hergestellt werden, die dann in den relativ komfortablen unteren Seitenbühnen gelagert werden. Der andere, größere Anteil der Produktionen muss so hergestellt werden, dass er in Transportmaßen von max. 6 × 2 m zerlegt und auf eigens entwickelten Rungenwagen in Containern gelagert werden kann. Eine kleinteilige Konstruktion, die so verbracht wird, schied aufgrund der schieren Größe des Entwurfs und der daraus resultierenden Auf- und Abbauzeiten von vornherein aus.

„Ein anderes Problem war das Gewicht. Nach erstem Überschlag wurde ein ungefähres Gesamtgewicht von 10 t ermittelt. Dies ist für die Podien in Dresden kein Problem, die zulässige dynamische Nutzlast der Drehscheibe würde gerade noch ausreichen, aber niemand konnte sagen, ob das Motormoment ausreichen würde, so eine Last in beide Richtungen zu drehen. Rein rechnerisch sollte dies zwar möglich sein, aber durch Schlupf der Antriebräder und ungünstig eingeleitete Lasten muss das in der Praxis nicht unbedingt funktionieren. Ein Test musste her. Wie aber auf der Bühne schnell einmal 10 t Last simulieren? Das Mieten und Heranschaffen von Gewichten oder Ballastbehältern, wie z. B. zur SV-Prüfung der Bühnen, ist kosten- und zeitaufwendig. So hatten wir eine andere Idee: wir machten es mit Menschen. Zum Abschluss der Spielzeit-Eröffnung im Saal des Schauspielhauses bat der TD alle Anwesenden Mitarbeiter zum ‚Belastungstest‘. Die Bühnenmeister sperrten auf der Scheibe einen Grundriss des späteren Schiffs mit Kordeln ab und ließen sukzessive Personen auf die Scheibe. Begonnen wurde mit 80 Menschen, beendet wurde der Test mit 150 Personen. Bei dieser Anzahl drehte die Scheibe mühelos rechts und links herum mit kurzen Wechseln“, sagt Keune. 

Konstruktion

Das Schiff besteht aus einem Gerippe von vier Spantenpaaren (Querspanten), einem Steven am Bug und selbsttragenden Decks. Insofern fielen Längsspanten weg. Damit der 13 m lange Rumpf zerlegt werden kann, wurden in den Teilungsebenen doppelte Tragwerke für die aus Zargen bestehenden Decks konstruiert. So war es möglich, das Schiff in vier Teile zu zerlegen, die in ihren Abmaßen in die Unterbühne passen. Die Decks, bestehend aus individuell gefertigten Zargen und eingedeckt mit Mehrschichtplatten, müssen dazu nicht demontiert werden. Sie spannen wechselweise auf dem Querträger zwischen den Spanten und dem Querträger der Hilfskonstruktion.

Weil das Schiff auf einem schmalen Kiel nicht stehen würde, wurde ein Wagen konstruiert, in dem die Spanten unten relativ schmal zusammenlaufen. Dieser garantiert erst die Verfahrbarkeit des Schiffs. Zu diesem Zwecke wurden 20 Schwerlast-Turtels im Wagen montiert. Hinsichtlich der Lastverteilung ist dies die absolute Untergrenze, aber erstens galt es, die Losbrech- und Reibungsmomente so gering wie möglich (schließlich war ja gefordert, das Schiff auch auf der Bühne mithilfe von Statisten, Bühnenhandwerkern und evtl. Motorschlepper zu bewegen) und zweitens die Kosten im Rahmen zu halten.

Auch der untere Wagen ist in denselben Teilungen demontierbar, sodass jedes einzelne Modul ohne zusätzliche Wagen verfahren werden kann. Die Horizontalkräfte werden durch die Verbindungsknoten aufgenommen. Die selbstgefertigten Gitterträger der Spanten und Querträger haben mit 300 Millimetern einen ausreichend großen Querschnitt, der an den Verbindungsstellen diese Momente übertragen kann. Zusätzlich steifen die beiden Treppen von Ober- zu Mittel- und von Mittel- zu Unterdeck als konstruktiv wirkende Diagonale die Gesamtkonstruktion in Längsrichtung aus. Das aus Sicherheitsgründen und wegen der Bespielbarkeit montierte Geländer auf Ober- und Mitteldeck, das gesteckt, miteinander verbolzt und an den Spanten befestigt ist, trägt ebenso zur Steifigkeit bei.

Auf die Frage, wie sich innerhalb des Probenprozesses, der ja mit der Stückentwicklung einherging, die technischen Anforderungen geändert haben, antwortet Keune: „Zum Probenbeginn stellte sich heraus, dass die anfangs einkalkulierten Statisten entfielen. Somit war eine zusätzliche Sicherheit hinsichtlich der Belastung der Gesamtkonstruktion entstanden, weil ja bei den Lastannahmen zur Dimensionierung noch mit ca. 30 Personen auf dem Schiff gerechnet wurde. Im Verlaufe des Endprobenprozesses entfielen auch die ursprünglich geplanten Bewegungen im gesamten Bühnenraum. Das Schiff wird fest auf der auf den Podien 1 und 2 aufgelegten Drehscheibe positioniert, dreht sich mithilfe der Drehscheibe in beide Richtungen und kann mithilfe der Podien versenkt werden. Dabei stehen 18 von 20 Turtles auf der Scheibe und bewegen sich somit nicht. Einzig die beiden überhängenden Turtles am Rand der Konstruktion fahren, bewegt durch die Scheibe, auf dem Festland im Kreis. Es werden während des Spiels mehrere Positionen angefahren, bis hin zur vollständigen Versenkung. Durch die geneigte Stellung des Schiffsrumpfs – sowohl in der Längs- als auch in der Querachse auf dem Grundwagen – entsteht eine zusätzliche Dynamik bei den Drehungen. 

Bedingt durch die besonderen Umstände bei den Lagerkapazitäten und möglich durch die riesigen Podien kommt es bei der Repertoirefähigkeit dieser Produktion zu einem scheinbaren Paradoxon: Eines der voluminösesten und umfangreichsten Bühnenbilder ist am schnellsten aufgebaut! Für den Aufbau dieser Inszenierung benötigt die Bühnentechnik, inklusive des Auflegens der Scheibe ungefähr. 1,5 Stunden, die komplette Einrichtung inklusive Requisiten, Beleuchtung (mit Fokus) und Ton (inkl. Soundcheck) geschieht in unter drei Stunden.“ 

Ein Meer aus Licht

Diese beeindruckende Konstruktion taucht Andreas Barkleit in faszinierende Lichtstimmungen. So entstehen immer neue Räume in wechselnden Farben, die Stahlkonstruktion spielt darin zwischen Licht und Schatten. Ein Schlachtschiff in einem Meer aus Licht. 

Nach zwei Stunden Spieldauer fragt man sich, ob die Inszenierung nur in Dresden so punktgenau funktioniert. Es wäre interessant, eine Vorstellung in einem Theater im Westen Deutschlands zu erleben, vor allem für die Theaterbesucher, die sich größtenteils kaum ein Bild von der beklemmenden Aktualität in Dresden machen können. Allerdings dürfte es nur sehr wenige Theater mit einer so tiefen Unterbühne und dazugehörenden Podien geben. 

 

„Das blaue Wunder“

Regie: Volker Lösch
Bühnenbild: Cary Gayler
Kostüme: Carola Reuther
Licht: Andreas Barkleit
Technische Direktion: Peter Keune
Beleuchtung: Henryk Wecker
Ton: Philipp Friesel, Marion Reiz
Konstruktion: Albrecht Löser / André Thomas
Bühnenmeister: Helge Wittig
Produktionsleitung: Magnus Freudling
Produktionsleitung Kostüme Schauspiel: Irène Favre de Lucascaz
Maske: Gabriele Recknagel, Ulrike Weise, Tatjana Richter, Marika Hinkel
Premiere: 26.01.2019


BTR Ausgabe 2 2019
Rubrik: Thema: Produktionen, Seite 64
von Hubert Eckart