Ballett am Rhein: Demis Volpi

Mit ihm hat niemand gerechnet. Am wenigsten er selbst. «Eigentlich hatte ich gerade gemerkt, dass das freischaffende Dasein seinen großen Reiz haben kann», meint Demis Volpi. «Ich fing gerade damit an, meine Freiheit zu genießen und auszuleben, als der Anruf kam.» Nicht dass der deutschsprechende Argentinier die Leitung eines Ensembles von vornherein ausgeschlossen hätte. Das nicht. Nach seinem nicht eben freiwilligen Abschied als Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts zwei Jahre zuvor hätte er sich einen «nahtlosen Übergang» sogar gewünscht.

Aber nach seinem Regie-Erfolg mit Brittens «Tod in Venedig» (Stuttgart 2017) brauchte er sich um seine Zukunft nicht mehr zu sorgen. Volpi choreografierte inzwischen u. a. fürs Bundesjugendballett, inszenierte zuletzt in Weimar und Saarbrücken. Eigentlich hätte es so weitergehen können. Ein abendfüllendes Handlungsballett war jedenfalls schon angedacht. Auch spannende Opernprojekte. 

Jetzt ist alles anders. Ab August 2020 übernimmt Demis Volpi zunächst für vier Jahre die Leitung des Ballett am Rhein. «Nach reiflicher Überlegung», wie der 33-Jährige gesteht. «Schließlich soll mein Engagement nicht nur für mich Sinn machen, sondern auch für die Kompanie und Düsseldorf bzw. Duisburg. Gerade nach einer so erfolgreichen Ära wie der von Martin Schläpfer darf man nicht etwas zerstören, sondern muss im Gegenteil das weiterentwickeln, was schon vorhanden ist.» Einstimmig vom Aufsichtsrat der Rheinoper gewählt und noch vor der Öffentlichkeit und der Presse den Tänzern und Tänzerinnen vorgestellt, will Volpi in Einzelgesprächen denn auch erst einmal Gemeinsamkeiten herausfinden, bevor er eigene Akzente setzt. 

«Alles andere wäre nicht fair», sagt der designierte Direktor, der das Repertoire in verschiedene Richtungen erweitern will. «Das eine schließt doch das andere nicht aus. Das, was besteht, soll auch weiterhin existieren. Aber es wird etwas Neues hinzukommen.» Dazu zählt vor allem Dramatisches, «Theatrales», wie er sagt. Volpi will pro Spielzeit ein abendfüllendes Handlungsballett beisteuern. Auch Übernahmen eigener, bereits existierender Choreografien wie «Krabat» kann er sich vorstellen. Und einen «Raum für Neues, für nicht garantierte Erfolge», zu denen auch spartenübergreifende Projekte gehören. Denn das wird ja von ihm gewünscht: neue Formen zu finden und Grenzen auszutesten. «Jetzt allerdings muss ich erst einmal ein Gefühl dafür bekommen, wie man eine Spielzeit richtig bestückt», so Volpi. Das wird nicht so ganz einfach sein. Schon gar nicht beim Ballett am Rhein. Aber Herausforderungen ist Volpi ja gewohnt.

www.operamrhein.de;

www.demisvolpi.com 


Tanz Mai 2019
Rubrik: Side Step, Seite 22
von Hartmut Regitz