Siegersolo «Nerve Collection». Foto: Körber Stiftung / Krafft Angerer

Auf ein Bier!

Das 14. Körber Studio Junge Regie zeigte die ganze Bandbreite von Theater heute – und musste sich für eine Siegerin entscheiden: Caroline Creutzburg

Zum Glück war da dieser eine Kasten Bier zu viel, den Thalia-Betriebsdirektorin Karin Becker ins Foyer in der Gaußstraße geschleppt hatte, um sich zu bedanken: bei den vielen technischen und organisatorischen Helfern, die das 14. Körber Studio Junge Regie gestemmt hatten. Ein Kasten blieb übrig, und Karin Becker schaltete schnell: Da gab es doch jemand, der im Jury-Prozedere zum allgemeinen Bedauern ganz am Ende durchs Netz gefallen war.

Moritz Beichl von der Hamburger Theaterakademie hatte mit seiner Inszenierung der «Kleinstadtnovelle» von Ronald Schernikau sämtliche Herzen im Sturm erobert und war am Ende der 90-minütigen Jury-Diskussion doch leer ausgegangen.

Denn nur eine*r kann gewinnen beim Körber Studio ­– 10.000 Euro Produktionskostenzuschuss und, wichtiger noch, die öffentliche Aufmerksamkeit, die dieser Preis am Beginn einer Theaterlaufbahn beschert. Die Jury (Thalia-Dramaturgin Julia Lochte, SZ-Kritiker Egbert Tholl, der Göttinger Intendant Erich Sidler, Mousonturm-Dramaturg Marcus Droß und Regisseurin Anne Lenk) fragten noch während der öffentlichen Schluss-Diskussion, ob man den Preis nicht dritteln könne, um das höchst Diverse, das dieses Körber Studio wie die real existierende deutsche Theaterlandschaft auszeichnet, gleichberechtigt nebeneinander stellen zu können. Kopfschütteln aus der ersten Reihe.

Die Grenzen der Freiheit

So blieb für die Small-Town-Boy-Geschichte aus den 70er Jahren, die Ronald Schernikau, der 1991 an HIV starb, mit 18 Jahren schrieb, am Ende immerhin das Extra-Bier. Die «Kleinstadtnovelle» ist die autobiografische Geschichte eines selbstbewussten jungen Schwulen, der mit zugewandter Mutter zu seinem Begehren steht und mit seinem Mitschüler Leif eine Kinderzimmeraffäre eingeht – bis Leif sich nicht mehr traut, die Schule zur Konferenz bläst und der Fluchtpunkt nur noch «Berlin» heißt. Moritz Beichl hat das mit seinen Ko-Studenten von der Theaterakademie um den hochbegabten Alexander Angeletta als Schernikau-Alter-Ego B. auf und ums Kinderbett so frei, spielerisch und souverän erzählt, als hätte es keinerlei Vorgabe gegeben. Die gab es aber: «Geschichtenerzähltheater» wurde als Semesterarbeit gewünscht.

Denn auch das darf man beim Vergleich von Äpfeln und Birnen, Performance und Rollenspiel, Semesterprojekt und Abschlussinszenierung nicht vergessen: Die jungen Regisseure und Regisseurinnen haben sich in der Regel ihre Themen und Formate nicht frei gewählt und sie unter höchst unterschiedlichen Bedingungen er­arbeitet. Eine Inszenierung wie Heiner Müllers «Philoktet» von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt, in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Mainz und seinen Profispielern entstanden, und «Horses» vom Mozarteum Salzburg, die Liebesgeschichte von Patti Smith und Robert Mapplethorpe, unter der Überschrift «Kinder- und Jugendtheater» nacherzählt, gehören eigentlich nicht in dieselbe Vergleichskiste.

Zehn Inszenierungen waren zu sehen (die Berliner Ernst-Busch-Schule und das Wiener Max-Reinhardt-Seminar fehlten in diesem Jahr), und man sollte sich hüten, aus diesem Sample Trends und Interessen einer nachwachsenden Theatergeneration in tutto zu ermitteln. Sonst hätte man nach diesen fünf Hamburger Tagen glatt auf die Idee kommen können, dass sich der Nachwuchs von gesellschaftlichen Fragen weitgehend verabschiedet hat und vor allem um eins kreist: die Möglichkeit und Unmöglichkeit von Liebe, die etwa das Hildesheimer Regiekollektiv an Narrativen aus Kino und Popmusik, gemixt mit der Odyssee und Interviews mit Zeitgenossen durchexerzierte, die Folkwang-Schule Essen mit Houellebecqs Sci-Fi-Blick zurück auf «Die Möglichkeit einer Insel» und die Münchner Otto-Falckenberg-Schule mit Wilke Weermanns Stück «Abraum» ins Auge fasste. Weermanns Stück erzählt die Dystopie einer Jung-Männer-Gang, die sich ausgesondert von der Gesellschaft auf eine Abraumhalde zurückgezogen hat und ihre Energien im Spiel der Begehrlichkeiten um die einzige junge Frau auf der Bühne verausgabt.

Rechtsruck, Migration, Populismus: 2017 kam im Körber Studio davon nichts vor, sieht man ab von der Inszenierung eben jenes auch schreibenden Wilke Weermann, den Ludwigsburgs Aka­demie für Darstellende Kunst mit Ernst Tollers «Entfesseltem Wotan» ins Rennen schickte: 1921 eine hellsichtige Warnung vor der Verführungskraft des Populisten, die Weermann allerdings als schrille Farce zwischen rollenden Wänden ins Leere laufen ließ.

Es siegt die Verweigerung

In der Diskussion bis zum Ende blieb Blanka Rádóczys Adaption des Pasolini-Films «Teorema» von 1968, der vom Einbruch des Fremden erzählt – allerdings nicht vom Fremden als gefürchteter, auszusondernder Bedrohung, sondern als unwiderstehliche Verführung, der eine ganze Familie anheim fällt. Die junge Regisseurin der Münchner Theaterakademie August Everding, eine von nur drei Frauen beim diesjährigen Regienachwuchs, hat daraus zwischen Vorhängen, die sorgfältigst auf- und zugezogen werden, ein fast komplett stummes Spiel der Blicke und der Körper gemacht: Hier gibt es so viel zu verbergen, dass man am besten gleich den Mund hält.

Ein fremder junger Mann bricht ein in die Rou­tinen der Familie und bringt sie aus dem Tritt – in Pasolinis Film von 1968 allerdings gründlicher als 50 Jahre später in der Jetztzeit, die im Loop der Alltäglichkeiten nach kurzer erotischer Irritation nur das Back to normal zulässt: zurück an den Esstisch und zum Frühstücksei, immerhin jetzt im farbenfrohen Kimono. Melodisch klimpernd liefert das Radio den Sound zur bürger­lichen Spießerhölle, die Branka R. in präzisem Timing ins Unheimliche der sublimierten Triebabfuhr choreografiert hat. «Teorema» musste sich am Ende mit dem Publikumspreis begnügen.

Die Jury nämlich entschied sich für die Produktion, die sich jeder Vergleichbarkeit am gründlichsten entzog: dem einzigen Solo, das ausgerechnet aus der Kollektivschmiede Gießen kam. «Nerve Collection» nennt die Allroundkünstlerin Caroline Creutzburg ihre Performance auf schwar­zer Bühne, die eine einzige Verweigerung der marktgängigen Rampensauerei ist und das zu seinem Thema macht: die «Display-Disfunktionalität». Das Idealbild des beweglichen Menschen – sie ist das Gegenbild: die Verfestigung. Im Inneren ist «diese immense kognitive und emotionale Aktivität hinter meiner Stirn», doch es muss extrem verzerrt werden, «damit an der Oberfläche überhaupt etwas ankommt».

Das fundamentale, «familiär bedingte» Kommunikationsproblem zum Gegenstand einer störrischen Kommunikationsattacke zu machen, die jede Zuschauererwartung unterläuft, das ist das am Ende dann doch sehr unterhaltsame Paradox dieser intensiven Bestandsaufnahme eines blockierten Nervensystems. In kurzen Takes offenbart Caroline Creutzburg zwischen zusammengepressten Lippen die absurden Assoziationen ihres klugen Kopfes: die Kompensationskraft des Militärs etwa, in dem Waffen schwache Ärmchen ersetzen, als Blaupause für die Kompensationskräfte, die sie selbst sich abringt, um ins Außen zu gelangen. Als ihre eigene Kostümbildnerin (und dezidierte Hasserin des Stadttheater-Ganzkörperkostüms) wandelt sie sich auf diesem schwierigen Weg von der Trägerin schwarzer Schlichtheit hin zu vorgeschnallten Brüstchen, Latexoberteil und Mammutkothurnen.

Die Jury-Entscheidung für die spröde «Nerve Collection» darf man vielleicht auch als implizite Verweigerung deuten: dem Wettbewerb, in dem das Branchentreffen der Regieschulen seit 14 Jahren gipfelt, weiteres Markt-Futter zu liefern.


Theater heute August/September 2017
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Barbara Burckhardt