Allgemeine Verunsicherung

Noch weiß niemand, was der Brexit für britische Opernhäuser und Festivals bedeutet, doch manch einer rechnet mit dem Schlimmsten

Es gibt da dieses Ensemble Ende des ersten Akts von Rossinis «Barbiere di Siviglia» – «Mi par d’esser con la testa» –, in dem die Beteiligten ihrer heillosen Verwirrung und Überforderung Luft machen. Unser aller Gedanken zum Thema Brexit könnte man getrost mit derselben Melodie unterlegen: Was auf die britische Opernszene zukommt, weiß der Himmel. Gewiss ist nur, das der massive Wertverfall des britischen Pfunds sich schon jetzt auf die Produktionskosten auswirkt. Ansonsten hofft man auf der Insel das Beste – und befürchtet das Schlimmste.

Träumt davon, dass alles bleibt wie bisher und sorgt sich, wie sich ein Ende der Reise- und Arbeitsfreiheit auswirken könnte. Sebastian F. Schwarz, Intendant des Glyndebourne Festivals, zum Beispiel geht davon aus, dass er weiterhin EU-Künstler einladen kann. Aber er hält es für möglich, dass mancher nicht mehr so schnell Ja sagt, wenn die bislang so schöne Landpartie plötzlich lästige Amtsgänge erfordert. «Ich kenne etliche herausragende Künstler, die inzwischen einen Bogen um die Vereinigten Staaten machen, weil sie ihre Lebenszeit einfach nicht mit aufwändigen Visa-Angelegenheiten verschwenden wollen», sagt Schwarz. «In Anbetracht der Tatsache, dass das Unbehagen über die offenen Grenzen das Referendum in Großbritannien entscheidend beeinflusst hat, muss man leider mit dem Schlimmsten rechnen. Ich fürchte, dass sich der Brexit in der Tat schmerzhaft bemerkbar machen wird. Denn genau wie jede andere internationale Institution ist das Glyndebourne Festival nun mal auf einen reibungslosen internationalen Austausch angewiesen.»

Betroffen ist nicht nur die ganz «normale» Besetzungspolitik. Wenn man viel Vorlauf hat, Verträge zeitig schließen kann – schön und gut. Doch was, wenn nicht? «Heute können wir, wenn ein Künstler erkrankt, EU-weit nach Ersatz suchen und haben gute Chancen, selbst über Nacht jemanden zu finden, der unseren Erwartungen entspricht», erklärt Alex Beard, Verwaltungschef des Royal Opera House. Gebraucht wird ein effizientes, flexibles System zur Erteilung von Arbeitserlaubnissen. Andernfalls geht in Zukunft bei kurzfristigen Umbesetzungen vielleicht nur noch die einheimische Lösung. Protektionisten mag es freuen, wenn Jobs in Großbritannien künftig bevorzugt an Briten vergeben werden. Für Qualität und Niveau des Musiktheaters im Vereinigten Königreich aber verheißt es nichts Gutes. Dass der «eigene» Sängerpool – so gut er auch aufgestellt sein mag – eine potente Vertretung für jede abseitige Partie und die rechten Einspringer für jeden hustenden Superstar bereithält, darf man bezweifeln.

Drüben in Göteborg runzelt Stephen Langridge die Stirn. Der britische Intendant auf Auslandseinsatz plant zwar vorerst wie gewohnt, stellt sich aber, was die Beziehungen zu Großbritannien betrifft, auf mehr Verwaltungsarbeit ein (und Zeit ist bekanntlich Geld). Persönlich treibt ihn die Sache ebenfalls um. «Natürlich mache ich mir Sorgen. Was bedeutet der Brexit für mich und meine Familie? Sollten wir vorsichtshalber die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen? Können unsere Kinder in England als Briten auf die Uni gehen oder stuft man sie als Ausländer ein? Diese ganze Ungewissheit – sie nagt an uns, ärgert uns, bekümmert uns.» Auch Schwarz, ein Deutscher, wird sich um seinen Aufenthaltsstatus kümmern müssen. Sicherheiten gibt es keine.

Uns Künstler beschäftigt zudem die Frage, wie der zu erwartende administrative Mehraufwand die Besetzungspolitik der Häuser in EU-Staaten beeinflussen könnte. Wenn die für das Casting Verantwortlichen die Wahl haben zwischen der französischen Sopranistin, die sie ohne Probleme buchen können, und einer Kollegin aus England, Wales oder Schottland, warum sollten sie nicht den Weg des geringsten Widerstands gehen? Kein Wunder, dass einige von uns schon, um solchen Benachteiligungen vorzubauen, einen irischen Pass beantragt haben.

Die International Artist Managers’ Association hat eine Wunschliste aufgesetzt, die, vereinfacht gesagt, eine Garantie des Status quo fordert – wie Sportler, Banker, Werbeleute, ja selbst Landwirte sind Künstler auf internationale Strukturen angewiesen. Sollte es zu einem «harten» oder ungeregelten Brexit kommen, wandert die Liste der IAMA in den Papierkorb. Wir Musiker werden kräftig auf die Pauke hauen müssen, um uns im gegenwärtigen Getöse und Brausen Gehör zu verschaffen und Ausnahmeregelungen durchzusetzen. Doch anders als der «Barbiere» ist der Brexit leider keine Buffa mit garantiertem Happy End.

(Aus dem Englischen von Wiebke Roloff)


Opernwelt September/Oktober 2017
Rubrik: Magazin, Seite 109
von Christopher Gillett