Achten statt ächten

Die Rechte randaliert, die Linke skandiert – und Städte wie Chemnitz stehen auf einmal im Sturm. Was kann der Tanz dazu beitragen, die Gesellschaft in einen Austausch zu bringen?

Chemnitz in Sachsen. «Chemnitz – Stadt der Moderne». Ein Slogan, mit dem seit Jahren geworben wird. Wer die Chemnitzer Museen, etwa das Museum Gunzenhauser mit der größten Sammlung von Werken des Malers Otto Dix oder die Städtischen Kunstsammlungen kennt, der weiß, dass dies nicht übertrieben ist. Gerade bewirbt -sich Chemnitz um den Titel «Kulturhauptstadt Europas 2025», begibt sich mutig in Konkurrenz zu Dresden. Und was Theater, Oper, Schauspiel und Ballett vor Ort zu bieten haben, ist auch nicht von vorgestern. Eine Neuorientierung der Tanzsparte hat begonnen.

Nicht unwichtig in diesem Zusammenhang, dass es seit fünf Jahren das Festival «Tanz | Moderne | Tanz» gibt, kuratiert von Ballettdirektorin Sabrina Sadowska: mit internationalen Gastspielen zeitgenössischer Tanzkompanien, vor allem aber mit verschiedenen Formaten, in denen Tänzerinnen, Tänzer und Menschen aus der Stadt in Kontakt kommen. Bewusst wird hier auch die Herausforderung der zufälligen, nicht geplanten Begegnung akzeptiert. 

Und dann, im August, die Ereignisse in Chemnitz, über deren Vorhersehbarkeit ein erbitterter Streit entbrannt ist. Im Mittelpunkt: ein tragischer Todesfall, Folge einer gewaltsamen Auseinandersetzung, bei der ein Deutscher aus Chemnitz von Migranten mit Messerstichen tödlich verletzt worden ist. Die genauen Hintergründe sind zu Redaktionsschluss nicht bekannt. Die Bilder aus Chemnitz sprechen eine deutliche Sprache, das Unglück wird zum Anlass für blindwütige Ausschreitungen, für grölende Hasstiraden auf die Fremden, die Ausländer. Alle möglichen Pauschalisierungen, menschenverachtende Slogans werden benutzt. 

Chemnitz, Stadt der Moderne? Dass nicht wenige Künstler, die den Aufbruch in die Moderne etwa als Maler, Architekten, insbesondere Industriearchitekten geprägt haben, die Stadt, ja sogar Deutschland nach 1933 verlassen mussten, um zu überleben, wird gerne übersehen. Sie waren Fremde, wurden zu Fremden gemacht. Chemnitzer Bürger jüdischer Herkunft, denen die Stadt vieles von dem verdankt, was heute mit dem Slogan von der «Stadt der Moderne» gemeint ist.

Kommunikation ohne Worte

Und was bewegt die Künstlerinnen und Künstler im Hier und Heute? Was konnte der Tanz in der Öffentlichkeit bislang bewegen, um ein Klima des Austauschs, einer achtsamen, wahrnehmenden und anerkennenden Diskussionskultur zu etablieren? Ängsten vor Unbekanntem und Unbekannten zu begegnen? Reicht das, was seitens der Künstlerinnen und Künstler, speziell im Tanz, bislang getan wurde, um die Vision -eines toleranten Umgangs miteinander zu befördern? Diese Frage beschäftigt die Verantwortlichen des Chemnitzer Theaters. Man stehe für «Vielfalt und Toleranz», darauf verweist ein großes Banner am Opernhaus, im Zentrum der Stadt, unweit des Karl-Marx-Kopfes. Das Ballett, dessen Mitglieder wie überall aus vielen Nationen kommen, zeigte sich nach den Vorfällen sofort in der Öffentlichkeit, tanzte in der Stadt, in der Straßenbahn. Auf Wunder hofft man nicht. Aber aufgeben? Auf keinen Fall. Ballettdirektorin Sabrina Sadowska sieht das Ballett nicht als Eliteinstitution, sondern als Teil der Stadt. Das zeigt auch ihr Post: «Chemnitz ist mehr als all die schrecklichen Dinge, die in den letzten Tagen passiert sind! Wir, das Ballett Chemnitz, wir sind 27 Künstler aus der ganzen Welt! 19 Nationalitäten aus Europa, Asien, Nord- und Südamerika und Australien! Wir alle arbeiten und leben in Chemnitz für eine Gemeinschaft, die jenseits von Konfession, Rasse oder Nationalität die Würde, Freiheit und Persönlichkeit des anderen respektiert! Aufstehen! Tanz mit uns!»

Dahinter stehen praktische Erfahrungen der Tanzvermittlung, mit denen Sabrina Sadowska in Greifswald begonnen hat, die sie in Chemnitz weiterführt, mit Kindern und Jugendlichen, in Schulen, in Workshops, in der Freizeit und mit Aktionen des Balletts in der Öffentlichkeit. Für Sadowska ist der Tanz eine Kommunikation ohne Worte, ein wichtiges Mittel, um Menschen zu sensibilisieren. Auf dass sie sich so annehmen, wie sie sind, um im nächsten Schritt auch andere in ihrer Individualität wahrzunehmen. Man muss sie nicht um jeden Preis anerkennen, auch nicht immer unkritisch annehmen, aber beachten, das auf jeden Fall. Achtung könnte daraus folgen. In der tänzerischen Kommunikationsvermittlung können sich bestenfalls aufgestaute Emotionen entladen, gewaltfrei, dafür stehen Formen und Verabredungen. Nicht selten hilft dabei die Musik, die jungen Menschen hier nicht ins Ohr gestöpselt wird und sie vereinsamt, sondern die sie gemeinsam bewegt. 

Erweiterte Wahrnehmungshorizonte

In dieser Arbeit, die mehr und mehr auch in den Schulen angenommen wird, sieht Sabrina Sadowska zumindest Chancen, bei Kindern und Jugendlichen frühzeitig Wahrnehmungshorizonte zu erweitern, auch Ängste zu bannen. Tanzvermittlung ohne Achtsamkeit geht nicht. Achtsamkeit beginnt beim eigenen Körper. Es gehe, meint Sadowska, nicht zuletzt darum, Menschen erst einmal zu sich selbst zu führen. Was sie sich von den Schulen wünscht, ist die Einführung von Hip-Hop-Formaten im Sportunterricht. Ganz ähnlich sehen das auch die Tänzerin Sou-Mi Oh aus Südkorea und ihr kubanischer Kollege Yester Mulens Garcia vom Ballett Chemnitz. Sie haben besonders bei den genannten Festivalprojekten entsprechende Erfahrungen gemacht. Beide leben eigentlich gern in Chemnitz, schätzen die Tanzprojekte dafür, dass sie direkte Begegnungen mit Menschen der Stadt ermöglichen. Immer wieder sind sie überrascht von den Sympathien, die ihnen entgegengebracht werden. Sie wünschen sich noch mehr Möglichkeiten jenseits der Aufführungen im Opernhaus, die ja gewissen Ritualen folgen müssen. Mehr Kontakte auf Augenhöhe, um den Menschen in Chemnitz vermitteln zu können: «Hallo, wir sind eure Tänzerinnen und Tänzer, ihr seid unser Publikum, und zusammen schaffen wir immer wieder Momente, für die es sich lohnt, hier zu leben und zu arbeiten. Wir tanzen weiter, auf jeden Fall für euch, mit euch!» 

Ortswechsel. Dresden, Semperoper. Als sich montags die Pegida-Anhänger auf dem Theaterplatz versammelten, ließen sich manche Tänzerinnen und Tänzer von den Proben freistellen oder kamen auf Umwegen ins Opernhaus. Da aber hatte der Musik- und Theaterpädagoge Jan-Bart De Clercq, verantwortlich für die Education-Projekte des Hauses, längst erkannt, welche Möglichkeiten der Tanz in geeigneten Formaten dafür schafft, Jugendliche füreinander zu öffnen. Es geht in den von De Clercq geleiteten, von der Staatsoper unterstützen Projekten darum, ohne Vorgaben, ohne Sprache, also allein durch Klang und Bewegung die Grundlagen für Toleranz und Anerkennung zu legen. Aus der Erfahrung gemeinsamer Unerfahrenheit. 

Traumwelten und Tanzwirklichkeit

«Moving Storys» heißen die Projekte, sie dauern eine Woche, vereinen bis zu 30 Jugendliche an Orten mit angemessenen Entfernungen zum sozialen und familiären Umfeld. Sie führen Heranwachsende aus allen Dresdner Stadtteilen zusammen, vom bürgerlichen Milieu auf dem weißen Hirsch bis zur Plattenbausiedlung Gorbitz. Eingeflossen in diese Arbeit sind Erfahrungen, die in Projekten für Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Gehörproblemen gesammelt wurden. Als diese Gruppen auch für Jugendliche ohne Hörbeeinträchtigung geöffnet wurden, erweiterte sich der Erfahrungsraum noch einmal beträchtlich.

Inzwischen mischen sich die Gruppen auf ganz andere Art. Syrische und afghanische Jugendliche sind dabei. Was zu Hause, im eigenen sozialen Umfeld nicht möglich wäre, funktioniert hier. Junge Männer tanzen zusammen, Klischees werden aufgebrochen. Dabei nehmen die Teilnehmenden das Angebot gar nicht unbedingt als Tanzprojekt wahr. Für Jan-Bart De Clercq, seine Kolleginnen und Kollegen, ist es wichtig, keinen Alltagssound zu verwenden, sondern die Jugendlichen mit «fremder» Musik, etwa Kompositionen von Paul Hindemith, zu konfrontieren – einfach so, ohne Belehrung über Bedeutung oder Besonderheit. Beim letzten Tanztheaterprojekt der «Moving Storys» trafen sich zwanzig Jugendliche aus Deutschland, Syrien und dem Libanon. Innerhalb einer Woche entwickelten die 13- bis 18-Jährigen ein Tanztheaterstück zum Thema «Traumwelten», inspiriert von Max Richters fantastisch-sphärischer Neukomposition «The Four Seasons recomposed». Inzwischen hat sich ein Netzwerk von gut fünfzig jungen Leuten gebildet, die untereinander Kontakt halten, sich austauschen und auch schon mehrfach an Projekten teilgenommen haben. Die Oper setzt bewusst auf die Langzeitwirkungen, die Festigung sozialer Kompetenzen, und darauf, dass die Erfahrungen weitergebeben werden, in Gesprächen zu Hause, im Freundeskreis, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Ausbildung. 

Sichtbare Vielfalt

Die nächsten Projekte werden in Kooperation mit dem Semperoper Ballett stattfinden und sollen bald generationsübergreifend sein: Kinder, Jugendliche und Senioren nähern sich unterschiedlichen Themen, inspiriert von «Alice im Wunderland». Es soll dann auch öffentliche Präsentationen in der Spielstätte SemperZwei geben, im Dialog mit einer «Alice»-Produktion des Semperoper Balletts am gleichen Ort.

Wie wichtig die Tanzvermittlung für die Ausbildung im Masterstu-diengang Choreografie der Palucca Hochschule ist, betont Katharina Christl, Professorin für Choreografie. Sie versteht Tanz als zusätzliche Sprache des Menschen: «Vielleicht weniger direkt, sogar etwas neblig? Vielleicht gerade dadurch herausfordernd, dass es eine Sprache ist, die mehr an die Emotion und die Imagination des Betrachters rührt und nicht sofort ein fertiges Bild vorsetzt.» Weshalb man feststellt, dass jeder im Kopf seine eigene Version vervollständigt. Und das wiederum ist, so Christl, ein «perfektes Beispiel, wie unterschiedlich
Gesehenes aufgenommen werden kann. Diesen Unterschied zu akzeptieren, hat etwas Demokratisches.» Der Tanz taugt also dazu, Vielfalt sichtbar zu machen – und sie im zweiten Schritt annehmen zu können. 


Tanz Oktober 2018
Rubrik: Praxis, Seite 68
von Boris Gruhl