Ein vielseitiger Grenzgänger

Erinnerungen an Andreas Weidmann

Der Technische Direktor der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB) und Technische Leiter der Berliner Festspiele, Andreas Weidmann, ist im August tödlich verunglückt. Das Haus der Berliner Festspiele wurde nach verschiedenen Stationen seit 2003 sein zweites Zuhause, das Theatertreffen war stets ein Highlight seiner vielfältigen Aktivitäten. Alle schätzten sein umfassendes Engagement für die Kunst, aber auch für sein Team und das Haus selbst. 

Andreas Weidmann wurde am 15. Juni 1963 in München geboren.

Er machte zunächst eine Ausbildung zum Bau- und Möbelschreiner, aber schon bald trieb es ihn zum Theater und er sammelte am Nationaltheater und am Gärtnerplatztheater München u. a. erste Erfahrungen im Bereich der Bühnentechnik. 

1985 ging er nach Berlin – nicht nur, um ein Architekturstudium an der Technischen Universität Berlin zu beginnen. München und Bayern wurden ihm einfach zu eng. Außerdem zog es ihn 1988 für ein Jahr nach Benin, wo er für ein Entwicklungshilfeprojekt arbeitete.

1991 absolvierte er seine Bühnenmeisterprüfung in Hamburg und 2002 seine Beleuchtungsmeisterprüfung in Cottbus. 1992 begann er am Berliner Theater des Westens als Bühnenhandwerker zu arbeiten. Schon damals war er immer einen Schritt voraus: Er zeichnete in Eigenregie die gesamte Bühne mit AutoCAD, um digitale Pläne für die Produktionen zu haben. Später arbeitete er als Beleuchter und Technischer Produktionsleiter und wurde schließlich Technischer Leiter des Hauses. Highlights an dieser Bühne waren 1992 die Uraufführung von Peter Zadeks Musikrevue „Der blaue Engel“ und im Jahr 2000 „Falco meets Amadeus“ in der Inszenierung von Elmar Ottenthal.

2003 beriefen die Berliner Festspiele Andreas Weidmann zum Technischen Leiter. Für einen Mann seines Formats waren die Berliner Festspiele genau das Richtige, eine Herausforderung in jeglicher Hinsicht. Nach dem Ende der Festwochen 2002 hatte Intendant Joachim Sartorius mit seinem Team eine neue Struktur von spezialisierten Festivals, Wettbewerben und Gastspielreihen ins Leben gerufen, die alle Einzug ins Festspielhaus hielten. Andreas Weidmann und sein Team fanden eine Bühne mit veralteter Technik vor, die zudem bis dato als Repertoirebühne genutzt wurde und die nun an die Bedürfnisse eines Festspielbetriebs angepasst werden musste. 

Er entwickelte mit seinem Team und in enger Zusammenarbeit mit den beauftragten Planungsbüros und Fachfirmen ein Modernisierungskonzept, das in zwei Spielzeitpausen – ein Ausfall des Theatertreffens war undenkbar – 2011/2012 realisiert wurde und große Beachtung fand. Dies lag sicherlich auch daran, dass er stets bereit war, Studenten und Studentinnen, Kollegen und Kolleginnen sowie Fachplaner/-innen begeistert durch „sein“ Haus zu führen. Er sorgte dafür, dass das Festspielhaus heute eine moderne, auf den schnellen Wechsel im Festivalbetrieb ausgerichtete Bühnentechnik besitzt. Vor allem der Ersatz des großen Portals durch eine flexible Konstruktion ermöglichte fortan ein Spielen nah am Publikum, aber auch eine komplette Öffnung in Bühnenbreite für große Formate. Zudem erlaubt die flexible Zuganlage schnelle Wechsel für die verschiedenen Veranstaltungsformen. Des Weiteren kümmerte sich Andreas Weidmann darum, dass die Seitenbühne mit technischen Einbauten versehen wurde, die eine Nutzung als zusätzliche Studiobühne ermöglicht, nicht mehr nur provisorisch und mit dem vormals großem Aufwand. 

Ob Theatertreffen, MaerzMusik, Jazzfest Berlin oder Bundeswettbewerbe: Andreas Weidmann hat den Festivals eine technische Heimat gegeben. Thomas Oberender hat mit dem Beginn seiner Intendanz 2012 das Haus der Berliner Festspiele und den Martin-Gropius-Bau noch stärker miteinander verzahnt, und auch hier hat Andreas Weidmann mit seinem Team dafür gesorgt, dass an 365 Tagen im Jahr Veranstaltungen in zwei Häusern stattfinden können. 

Nach knapp zehn Jahren als Technischer Leiter der Berliner Festspiele wurde Andreas Weidmann von der Kaufmännischen Geschäftsführerin der KBB, Charlotte Sieben, gebeten, die technische Direktion der gesamten KBB zu übernehmen, und mit einem Schlag standen neben den Berliner Festspielen auch das Haus der Kulturen der Welt und die Berlinale unter seiner Leitung und Führung. Andreas Weidmann hat sich in seiner Zeit bei der KBB nicht nur für feste Beschäftigungsverhältnisse für sein Kollegium stark gemacht, sondern immer wieder auch um den Nachwuchs gekümmert, Ausbildungsplätze und Praktika angeboten und an der Beuth Hochschule für Technik gelehrt.

Das Theatertreffen war seine Leidenschaft

Andreas Weidmann war es über all die Jahre hinweg besonders wichtig, niemals den Kontakt zur Basis zu verlieren. Und so gönnte er sich den Luxus, zumindest ein Festival, das Theatertreffen, auch weiterhin von A bis Z selbst zu betreuen. Er übernahm die Vorreisen und technischen Vorbesichtigungen ebenso wie die gesamte technische, personelle sowie finanzielle Umsetzung und Nachbereitung, um dann während des Festivals noch höchstpersönlich mit Hammer und Akkuschrauber zwischen seinen Techniker/-innen auf der Bühne zu stehen. Vor allem bei Nachtabbauten lief er zu Hochtouren auf. 

Für mich war Andreas Weidmann, mit dem ich knapp 15 Jahre zusammenarbeiten dufte, ein technischer Dramaturg. Wenn wir für das Theatertreffen zusammen gereist sind, konnte ich an seiner Reaktion auf die Inszenierung ablesen, wie der Abend beim Berliner Publikum ankommen würde. Wenn es Andreas Weidmann gefallen hatte, war es fast immer ein Garant dafür, dass die Inszenierung ein Publikumserfolg wird. Wenn er die Arbeit zwar aus professioneller Sicht bemerkenswert fand, aber selbst nicht so sehr mochte, war klar, dass der Abend eher Anklang beim Fachpublikum finden würde.

Andreas Weidmann schaute Theater aus Leidenschaft und mit einer kindlichen Unvoreingenommenheit, die vielen in diesem Betrieb abhandengekommen ist. Er konnte sich erfreuen an hochkarätigem Schauspiel, an verschrobenem Musiktheater, an tollen Bühnenbildern. Wenn es politisch wurde, brannte er; wenn die Geschichte toll war, fühlte er mit; wenn es lustig war, konnte er sich königlich amüsieren. Nur bei Jelinek – stieg er aus. 

Andreas Weidmann liebte die Bühnenräume, je komplizierter desto besser, und er hatte Freude daran, die Umsetzung der zehn Stücke des Theatertreffens für Berlin zu planen. Seine Passion war es, die perfekte Adaption zu liefern. Er tat viel dafür, dass die Regisseure und Regisseurinnen ihre Arbeiten im Festspielhaus, auf seiner Bühne zeigten. Dafür machte er fast alles möglich. Er baute für Dimiter Gotscheffs „Zement“ eine riesige Plattform aus Hubpodien ein oder entwarf für Christoph Schlingensiefs „Kirche der Angst“ ein Kirchenschiff, indem er die Haupt-, Hinter- und Seitenbühne miteinander verband.

Eine der speziellen Herausforderungen, die Andreas Weidmann liebte, war die Umsetzung von Theatertreffen-Inszenierungen an außergewöhnlichen Spielorten: Die nicht verdunkelbaren Rathenau-Hallen wurden durch den Architekten Weidmann zu einem außergewöhnlichen Spielort für Kay Voges’ „Die Borderline Prozession“; das Treppenhaus des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums in Berlin-Pankow verwandelte er für Thom Luz’ „Atlas der abgelegenen Inseln“ in ein Nebeltheater, den Hangar in Tempelhof rüstete er für Christoph Marthalers „Riesenbutzbach“ um. Die Lokhalle im Natur-Park Schöneberger Südgelände baute er für zehn Tage, 24 Stunden lang, in SIGNAs „Ruby Town“ um; und Jürgen Gosch hielt für seine Abschiedsarbeit „Hier und Jetzt“ Einzug in den Postbahnhof am Gleisdreieck.

Auch bei der jährlichen Verwandlung des Festspielhauses zu einem Theatertreffen-Festivalzentrum war Andreas Weidmann für fast alles zu haben. Er flutete für Kathrin Frosch die Kassenhalle mit Sand und konstruierte eine auf Luftkissen fahrbare Foyer-Bühne; er baute für Heike Schuppelius tonnenschwere Treppen, und für Eva Veronica Born fertigte er eine Arenabestuhlung für die Kassenhalle an und schlug die Wände im Oberen Foyer heraus, damit die Theaterleute es nicht so weit zum Rauchen haben.

Andreas Weidmann war hoch angesehen an den Bühnen im deutschsprachigen Raum. Er schätzte gastspielerfahrene Kollegen und Kolleginnen, er hatte Freude daran, mit Regisseuren und Regisseurinnen unkonventionelle Umsetzungsideen zu entwerfen, aber er machte auch keinen Aufriss, wenn Bühnen nicht so gastspielerfahren waren. Zur Not „verkaufte“ er eben seine Ideen als die der anderen. Hauptsache, er kam zum Ziel. Bei der gesamten Planung war er außerordentlich schnell, dachte hochkomplexe technische, finanzielle und dispositionelle Zusammenhänge, ohne auch nur ein einziges Wort zu Papier zu bringen. Bei Andreas Weidmann gab es kein „Geht nicht!“, es gab nur ein „Lass mich das prüfen, ich melde mich bei dir.“ Dadurch war er maßgeblich beteiligt am komplexen Bau des Theatertreffen-Spielplans. Mit ihm war es ein rasantes Pingpong-Spiel zwischen Festivalleitung, Dramaturgie und Technik.

Natur und Technik

Andreas Weidmann war ein Mann der Prinzipien, der Vielseitigkeit – und ein Grenzgänger. Gegensätze zogen ihn an. Er liebte die Natur genauso wie die Technik, die Freiheit wie die Disziplin, die Bühnentürme wie die Berge – und in der frischen Luft unterwegs zu sein bedeutete ihm ebenso viel wie in alten Autos Vollgas zu fahren.

Am 11. August 2018 ist Andreas Weidmann bei einem Kletterunfall in Südtirol ums Leben gekommen. Er wurde nur 55 Jahre alt, hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Dieser Tod ist für seine Familie und Angehörigen, seine Freunde und Freundinnen und sein Kollegium ein fürchterliches Unglück. Die Kulturveranstaltungen des Bundes verlieren mit ihm einen Mitarbeiter von unschätzbarem Wert. Und die Theaterwelt verliert mit ihm einen Menschen, dessen Erfahrung, dessen Wissen und dessen Können schwer zu ersetzen sein werden.

Die Autorin:

Yvonne Büdenhölzer 

ist Leiterin des Theatertreffens der Berliner Festspiele.



BTR Ausgabe 5 2018
Rubrik: Foyer: Nachruf, Seite 10
von Yvonne Büdenhölzer