Foto: Marcel Schaar

Philosophisches Totaltheater

Die Inszenierung „Borderline Prozession“ am Theater Dortmund

Vom 7. bis 11. Mai beim Berliner Theatertreffen.

Das Dortmunder Schauspiel experimentiert seit einigen Jahren mit Medien, Musik und bildender Kunst auf der Bühne. Nach 22 Jahren ist das Ensemble zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden: Die Inszenierung „Borderline Prozession – Ein Loop um das, was uns trennt“ wurde unter die zehn besten Produktionen gewählt. Unsere Autorin hat sich das Stück in der Dortmunder Ausweichspielstätte „Megastore“ angesehen und mit dem Intendanten Kay Voges gesprochen.

Immer wieder stellt Intendant Kay Voges in seinen Produktionen am Dortmunder Schauspiel die Frage: „Wie kann man für die digitale Moderne relevantes gegenwärtiges Theater machen?“ Entsprechend steht die „Borderline Prozession“ hier in einer Reihe von Produktionen, in denen das Dortmunder Schauspiel seit gut fünf Jahren den Einsatz von Film, Medien, Musik und bildender Kunst auf der Theaterbühne erforscht. Die Werkstätten des Dortmunder Schauspielhauses werden derzeit saniert. So ist das Schauspiel schon seit Ende 2015 am Ausweichspielort „Megastore“, dem ehemaligen Fanshop des Fußballvereins Borussia Dortmund, zu Gast. Das Gebäude ist zwischen Ruhrschnellweg und Kleingärten in einem Gewerbegebiet am Rande des ehemaligen Stahlwerks Phoenix West gelegen. Die letzten Hochöfen recken sich noch hinter dem „Megastore“ in die Höhe. Nach Theater sieht das Gebäude weder von außen und noch im Eingangsbereich aus. Im Inneren birgt es jedoch zwei Hallen, die sich als produktive Chance für das Theater entpuppt haben. Der Technische Leiter, Thomas Bohl, führt mich kurz vor Vorstellungsbeginn um das Bühnenbild von Michael Sieberock-Serafimowitsch. Mitten in der Halle steht ein einstöckiges Haus. Auf der einen Seite sind die Räume offen. Da ist ein Gartenbereich an der Ecke, ein Whirlpool, ein Fitness-Raum. Es folgen Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad. Auf der anderen Seite befindet sich die Rückseite mit Bordellfenster, Bushaltestelle, bewachtem Hintereingang und Kiosk.

Im Bühnenbild der „Borderline Prozession“ findet sich eine funktionstüchtige Wohnung mit kompletter Elektro- und Wasserinstallation, lediglich die Toilette ist aus hygienischen Gründen nicht angeschlossen. Der Whirlpool wird gerade gewässert, Licht- und Projektionstechnik geprüft, die Ensemblemitglieder treffen ein und auch der Intendant Kay Voges, der sich zu einem Gespräch bereit erklärt hat. Die Bühnensituation für eine Produktion wie die „Borderline Prozession“ habe ihn schon länger beschäftigt: „Ich habe, schon ein Jahr bevor wir den Megastore hatten, den Wunsch geäußert, den Zuschauerraum zu überbauen, aber das kann man im Repertoirebetrieb überhaupt nicht machen.“

Erinnerung und Gegenwart

Auf beiden Seiten des Bühnen-Hauses sind Zuschauertribünen aufgebaut. Bevor die Besucher ihren Platz wählen können, erleben sie eine Prozession des Ensembles um das Haus. Begleitet vom Kamera-Dolly kreist das Ensemble singend („In A Manner Of Speaking“ der Indie-Band Tuxedomoon) mit Weihrauchfass um das Haus. Nach und nach verteilen sich die Darsteller auf die Räume und Orte, der Kameramann dreht auf einem von Hand gezogenen Kamerawagen bis zum Finale ununterbrochen seine Runden. Das Publikum hat freie Platzwahl. Ich gehe zunächst hinter das Haus. Auf den drei Leinwänden, die über dem Haus installiert sind, sehe ich, was in den Räumen auf der anderen Seite passiert, aber immer nur den Augenblick, der im Fokus der Kamera ist. Auf meiner Seite sehe ich das Geschehen hinter dem Haus live und den Kameraausschnitt gedoppelt auf den Projektionsflächen. Kay Voges erläutert dazu: „Die Kamerafahrt wird farbkorrigiert und gleichzeitig aufgenommen, zum Teil auch wieder eingespielt, sodass die Vergangenheit die Gegenwart überlagert. Die Erinnerung wird archiviert und ins Verhältnis zur Gegenwart gesetzt.“

Inszenierte Filmbilder

Die Technik ist an einer Seite des Bühnenbild-Hauses für das Publikum sichtbar untergebracht. Dort sitzen der Live-Video-Künstler Mario Simon und der Dramaturg Alexander Kerlin, der live Texte schreibt, die auf die Leinwände projiziert werden. Die Texte variieren von Abend zu Abend. Daneben gibt es eine Loop-Station für die Sprechtexte der Schauspieler, die mit Mikroports und zum Teil auch mit Handsendern agieren. Die Texte werden live gesprochen, zum Teil aufgenommen, gesampelt, variiert, bearbeitet und wieder eingespielt. Auch auf der sprachlichen Ebene wird die Erinnerung archiviert. Verwendet werden sowohl auf der filmischen als auch auf der textlichen Ebene nur Bilder und Sprach-Samples des jeweiligen Abends. Tommy Finke ist der Musikalische Leiter. Er spielt unzählige Pattern von Texten und Musiken live ein. Auch die Lichtregie ist hier untergebracht. Kay Voges erläutert die besondere lichttechnische Herausforderung der Produktion: „Das Licht hat permanent andere Lichtatmosphären für einzelne Szenen, was normal ist, allerdings ist es so, dass es Licht für die Kamera und das es Licht für das Theater gibt. So, wie sich die Kamera dreht, so wechselt auch die Lichtstimmung in permanent andere Atmosphären für die Kamera. Wir haben den Light-Designer Voxi Bärenklau zu uns geholt, der ja schon für Martin Scorsese Licht gemacht hat und oft mit Christoph Schlingensief zusammenarbeitete, und ihm gesagt: ,Versuch doch bitte eine Bilderwelt zu leuchten, die die Kraft der Fotos von Gregory Crewdson hat.‘“ Crewdson ist ein amerikanischer Fotograf, der für seine inszenierten Fotografien berühmt ist.

Jede Vorstellung ist anders inszeniert

Die Zuschauer, die Gewerke und der Regisseur haben nie einen Blick auf die gesamte Bühne. Voges beschreibt seine Aufgabe als die eines Dirigenten. Mit einem Headset ausgerüstet läuft er häufig mit dem Kamerawagen mit oder wechselt die Perspektiven und arrangiert und inszeniert jede Vorstellung neu. Er sagt an, wenn ein Sample, ein Song noch einmal gespielt, eine Szene wiederholt werden soll, Donner eingespielt und Blitze gezeigt werden. „Das passiert jeden Abend neu. Das ist wie der Dirigent, der sagt, heute diese Passage ein bisschen schneller, lass uns hier noch mal gucken, dass wir die Flöten ein bisschen herausholen, lass uns mal einen anderen Kontext versuchen. Es ist immer noch so, dass ich vor jeder Vorstellung ein bisschen aufgeregt bin. Auch für die Schauspieler und die ganzen Gewerke ist es abenteuerlich, weil wir ein Gefühl füreinander entwickeln müssen, ohne dass wir einander sehen. Theater ist immer einmalig, jede Vorstellung ist besonders, aber hier ist es noch mal einmaliger, weil es wirklich ein lebendiger Organismus ist, der zusammenkommt“, beschreibt Voges die Spielweise in diesem außergewöhnlichen Stück.

Alles passiert gleichzeitig

Drei Teile hat der Abend und nach jedem Teil ist das Publikum aufgefordert, seine Perspektive, also den Platz zu wechseln. Die Besucher können sich ein Getränk an der Bar holen und dürfen es, natürlich im Plastikbecher, mit zum Platz nehmen. Die ablaufende Zeit, bis der nächste Teil beginnt, wird mit Digitalziffern auf den Leinwänden angezeigt. Die Prozession umkreist wiederum das Haus. Im ersten Teil geht es um den Alltag und seine Wiederholungen. Butterbrote werden geschmiert, es wird geschlafen und geduscht, gebadet und Hanteln werden gestemmt, auf den Bus wird gewartet, der Kiosk geöffnet und geschlossen, zwischen den Menschen herrscht Sprachlosigkeit. Der zweite Teil ist mit „Crisis“ überschrieben und von Gewalt geprägt. Es donnert, wummert und blitzt. Im Haus wird gestorben, geboren, jemand versucht zu weinen. Eine Nixe planscht im Whirlpool, im Bordell gibt es SM. Hinter dem Haus wird geschossen, vergewaltigt und geprügelt. Der dritte Teil ist eine performative Installation mit zahllosen Lolitas, einem Napoleon-Begräbnis, Britney-Spearsund Scarlett-Johansson-Zitaten sowie einem Erlösungsengel. Kay Voges erzählt über die Entwicklung des Stücks: „Das sind keine Szenen, wo ich sage, ich mache jetzt hier eine Szene und dann da eine Szene, sondern die Gleichzeitigkeit des Ungleichen, das ist das Thema. Was findet statt, während ich mir ein Butterbrot schmiere? Stirbt die Nachbarin, bricht Krieg aus auf einem anderen Kontinent, verlieben sich zwei Menschen, werden andere Leute gefoltert und denkt jemand darüber nach, wie die Zellteilung funktioniert? Das findet alles in einem Augenblick statt und diese Gleichzeitigkeit der nicht gleichen Seinszustände ist das Thema. Bei den Proben ging es darum herauszufinden, was für Kontraste man schaffen kann. Wie ist das, wenn man Geburt und Tod nebeneinanderpackt, wenn man Glück und Unglück zusammenpackt oder auch, wenn auf einmal eine kollektive Krise ausbricht, die über die Grenze hinausgeht. Durch die Perspektivwechsel lösen sich Grenzen auf und das finde ich eine spannende Sache, weil Grenze bedeutet immer, von einer Seite zu gucken und wenn man von allen Seiten lang genug guckt, dann gibt es diese Grenze nicht mehr, dann gibt es eine Multiperspektive. Das ist das Ritual, dass wir dreieinhalb Stunden versuchen, in einen Perspektivwechsel hineinzukommen, bis das Denken vielleicht größer wird und die Mauer nicht mehr existiert. Wir wollen die Komplexität, wir wollen die Gleichzeitigkeit und den Widerspruch. Und das versuchen wir immer wieder neu zu debattieren. Wir geben keine Antworten, sondern schaffen Erlebnisse, stellen Fragen und machen Probleme sichtbar, um eine Lust an der Komplexität zu kreieren. Eine Antwort auf die Krisen der Gegenwart heißt nicht: ,Werdet noch polemischer‘, sondern: ,Bekommt ein bisschen Spaß am komplexen Denken‘.“

Das unmögliche Theater versuchen

Das „Borderline“-Bühnenbild ist fest im „Megastore“ installiert. Für das Theatertreffen wird es nun in Modulbauweise noch einmal konstruiert. Keine leichte Aufgabe, da die Produktion nie für einen Abstecher-Betrieb geplant war. Zwei Monate lang wurde die gesamte Ausstattung inventarisiert, damit für Berlin auch jedes Tapetenmuster gedoppelt werden kann. Voges: „Man macht ja kein Theater dafür, dass man zum Theatertreffen eingeladen wird. Aber es freut einen wirklich unglaublich, wenn das, was einem selber kostbar ist, auch von der Kritik als etwas Kostbares empfunden wird, dass dieser suchende Weg, den wir hier gehen, wertgeschätzt wird.“ Das Dortmunder Schauspiel ist ein kleines Haus, 16 Schauspieler umfasst das Ensemble. An der „Borderline Prozession“ wirken zusätzlich neun Schauspielschüler der Folkwang Universität der Künste mit. Dazu zwei Tontechniker, ein Musiker, Live-Texter, Dollyfahrer, Kameramann und Videokünstler, die Beleuchtungsabteilung, Bühnentechnik und zusätzliche Garderobe und Maske. Kay Voges weiß: „Die Möglichkeiten des Schauspiel Dortmund sind damit ausgeschöpft und eigentlich übertroffen, was die Arbeit von allen Abteilungen angeht. Und ich glaube, wenn man jetzt durchs Haus geht, merkt man schon, alle wollen es gut machen, alle lieben das zu machen – aber alle sind immer noch ein bisschen aufgeregt, weil das an der Grenze des Machbaren ist. Aber es ist auch schön, dass alle sagen: ,Lasst uns heute wieder gemeinsam das unmögliche Theater versuchen.‘“ •


BTR Ausgabe 2 2017
Rubrik: Produktionen, Seite 60
von Antje Grajatzky