Ausgefuchst und bezaubernd

Digitale Projekte für das Musiktheater an der Welsh National Opera in Cardiff

Bühnentechnische Rundschau

Seit einigen Jahren wird an der Welsh National Opera in Cardiff experimentiert, um neben den klassischen Konzert- und Opernbesuchern eine neue Zielgruppe zu erreichen – mit einem hohen Anspruch. Unter dem bescheidenen Namen „Digital Projects“ leistet das Haus tatsächlich Pionierarbeit auf dem Gebiet von Musiktheater und interaktiver Technologie. Von virtuellen Welten, lebensechten Animationen, digitalen Avataren bis hin zu Spiel-Elementen ist alles dabei. 

Hübsch sehen die fünf hölzernen Bögen aus, die da im Foyer stehen.

In Cardiffs Millennium Center, Heimat der Welsh National Opera (WNO), können sich Opernlustige (und -unlustige) mit Leoš Janáčeks „Schlauem Füchslein“ bekanntmachen. Die Miniatur-Gassenbühne ist inspiriert von den historischen „Tunnelbüchern“ – eine Reihe papierne Rahmen lassen sich aufstellen und erschließen einen dreidimensionalen Raum. Hier ist der Tunnel nicht nur mannshoch und begehbar, sondern suggeriert überdies eine zeitliche Dimension: Wie in der Oper, die dem Lebenszyklus einer Füchsin folgt, durchschreitet man das Jahr. Lässt sich von bunt bemaltem Holz umfangen, von Frühling, Sommer, Spätsommer, Herbst und Winter, sieht junge Triebe, Blumen, Früchte, buntes Laub, schließlich Schnee. Am Fuße eines jeden Bogens laden bankartige Ausstülpungen zum Verweilen ein, aus integrierten Lautsprechern wispern Waldgeräusche. Hübsch, wie gesagt, aber nach zwei, drei Minuten erfasst – in der weitläufigen Eingangshalle wirkt das Exponat fast ein bisschen nebensächlich. Doch mit der tönenden Kulisse ist es nicht getan.

David Massey, Digital Producer an der WNO, drückt mir ein iPhone sowie ein Paar geräuschneutralisierende Kopfhörer in die Hand, öffnet eine App und weist mich ein. Die Handy-Kamera tritt in Aktion, ich betrachte meine Umgebung durch die Linse. Aus den Muscheln dringen Janáčeks machtvoll schimmernde Klänge, die Welt ringsum zieht sich zurück – und der Tunnel verwandelt sich. Da sind dieselben bunten Bögen wie zuvor, doch die Anwendung fügt der realen Szene auf dem Screen allerhand hinzu. Ein animiertes Füchslein erscheint, dreht sich ungeduldig zu mir um und läuft voraus, zum ersten Bogen: Ich soll folgen. 

Nahbarkeit durch Interaktion 

Der Name „Digital Projects“ klingt bescheiden. Auf der Website der Welsh National Opera versteckt sich die Abteilung zwischen den Education-Unterfangen der Kategorie „Take Part“. Es gibt ein paar Bilder und eine kurze Beschreibung von den bisherigen Projekten, das war’s. Doch der Anspruch hat es in sich: 2015 beschließt das Haus, da noch unter David Pountneys Leitung, neben dem herkömmlichen Operngeschäft auch Werke anzubieten, die eine ganz andere Zielgruppe ansprechen soll als die klassischen Opern- und Konzertgänger. Und zwar mit einem hohen Grad an Interaktion und Technologie – federführend ist die „Youth and Community“-Sparte unter Emma Flatley.

Ein Jahr später gibt es den ersten Feldversuch. Zum hundertjährigen Gedenken an die Somme-Schlacht hat die WNO eine Kammeroper zum Thema in Auftrag gegeben: „In Parenthesis“ von Iain Bell, nach Texten des Waliser Weltkrieg-Dichters David Jones. Gemeinsam mit der Gruppe Squidsoup – Experten für technologiebasierte, interaktive Kunst – entwickelt das Digital-Team die Licht-Installation „Field“. Als Hommage an die gefallenen Royal Welch Fusiliers werden 923 Kugeln auf elastischen Stelen vor dem Millennium Center gruppiert. Vom Einsatz der Dämmerung bis etwa 2 Uhr morgens glimmen sie in dramatischem Rot – eine Anspielung auf das in Großbritannien allgegenwärtige Gedenk-Symbol, die Mohnblume. Bei Berührung schwanken die Stengel, auch im Wind wiegen sie sich. Die Neigung initiiert einen Dimmeffekt von leuchtend Rot zu Blassrosa, sodass ein oszillierendes Lichtfeld entsteht. Das glühende Blütenmeer zieht über 50.000 Menschen an. 

Für die Installation gehen etliche Leihanfragen ein, doch für eine Tournee – prinzipiell eine Kernaufgabe des Hauses – ist die Installation zu groß. Für künftige Projekte ist dieser Aspekt wichtig. Und noch etwas Unverzichtbares fehlt dem Lichtkunstwerk: Musik. 

Schmetterlinge dirigieren im Schiffscontainer

Deshalb nimmt das Team 2017 zwei der bekanntesten Opern zum Ausgangspunkt. Mit Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Zauberflöte“ und Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“ sollen virtuelle Opernrealitäten erprobt werden. Aus einem Schiffscontainer wird ein reisefähiges Pop-up-Theater – passend zum Hafensetting sowohl des Millennium Centers als auch des Puccini-Stücks. Einen Samtvorhang gibt es, doch dahinter warten weder Bühne noch Zuschauerraum, sondern zehn Virtual-Reality-Sets: Googles Daydream Head-Mounted Displays (mit Googles Pixel-Smartphones), dem zugehörigen Controller und Kopfhörern. So lässt sich die reale Umwelt völlig ausblenden. 

Die Sopranistin Karah Son hat sich per Motion-Capture-System beim Singen filmen lassen. Mithilfe der so festgehaltenen Bewegungsabläufe modulieren die Entwickler der Firma Rewind eine virtuelle Sopranistin. Sie bewohnt eine Welt nach Art japanischer Zeichnungen, mit felsiger Küstenlinie, stilisiertem Baum. Aus dem wirbelnden Laub formt sich Cio Cio San, die sich nach ihrem treulosen Geliebten verzehrt (alle Aufnahmen hat das Haus mit den eigenen Kräften eingespielt). 

Herumlaufen kann man in der Szene zwar nicht – nach Art einer klassischen 360-Grad Animation schreibt das Programm den Standort des Nutzers vor –, wohl aber Kopf oder Körper drehen und sich so nach allen Seiten umsehen. Dank der Spiel-Engine Unity kommt ein Gaming-Aspekt hinzu: Den Controller in der Hand, kann der Nutzer Schmetterlingsschwärme durch die Luft dirigieren. 

Im Mozart-Teil kann man, statt der Opernfigur bloß zuzusehen, in die Rolle des Helden Tamino schlüpfen und selbst das magische Instrument in die Hand nehmen. Ein weißer Punkt im Bild dient als Marker. Man bewegt per Controller die Flöte an diese Position: Der Umriss eines Tiers erscheint. Zeichnet man die Linie nach, tritt das entsprechende Wesen aus dem Wald hervor (was einige Nutzer in der VR-Situation durchaus verstörend finden). Nacheinander lassen sich – „weil, holde Flöte, durch dein Spielen, selbst wilde Tiere Freude fühlen“ – in dieser Weise ein Löwe, Affe, Bison, Nashorn und eine Antilope heraufbeschwören. Ist die tierische Versammlung vollständig, endet das Spiel automatisch. Hier steht der Spielaspekt im Vordergrund; mit der Opernhandlung hat der exotische Zoo natürlich nur am Rande zu tun. 

Obwohl „Magic Butterfly“ Preise gewonnen hat, im Londoner Victoria and Albert Museum zu Gast war, nach Dubai und zum Hong Kong Arts Festival gereist ist, merkt Massey selbstkritisch an, dass das Ganze raue Ecken und Kanten habe. „Aber der Erkenntnisgewinn war bisher bei jedem Projekt gewaltig. Und letztlich ist unsere Arbeit ‚R ’n’ D‘ – Research and Development.“

Ein Avatar im Live-Kontext

Das Projekt „Rhondda Rebel“ geht noch einen Schritt weiter. Abermals tut sich die WNO mit Rewind zusammen und erprobt erstmals die Verbindung von Live-Aufführung und Augmented Reality (AR): Kann eine virtuelle Figur mit Darstellern aus Fleisch und Blut interagieren? Aufhänger ist „Rhondda Rips It Up!“, Elena Langers temporeiche musikalische Komödie über die Suffragette Margaret Haig Thomas. Die Neukomposition kam 2018 zum Internationalen Frauentag heraus, das Produktionsteam ist rein weiblich, begleitend findet ein Symposium zum Thema „Wo sind die Frauen im klassischen Musikbetrieb?“ statt. 

Librettistin Emma Jenkins schreibt in Zusammenarbeit mit der Digital-Abteilung eine Szene für den Gerichtssaal des Sessions House in Usk bei Newport, wo „Lady Rhondda“ 1913 für die versuchte Sprengung eines Briefkastens der Prozess gemacht wurde. Ein Polizist nimmt das Publikum in Empfang und legt Beweismittel vor, ehe es, mit iPads ausgestattet und sorgsam instruiert, in den Gerichtssaal einzieht. Hier warten eine achtköpfige Jury und der Richter. Auf Anweisung richten die Zuschauer ihre Tablets auf bestimmte, durch Lichtmarker ausgewiesene Positionen im Raum, zum Beispiel die Anklagebank, und auf dem Bildschirm wird der Szene ein digitaler Avatar hinzugefügt. 

Hierfür hat sich die Mezzosopranistin Madeleine Shaw, die in Elena Langes Oper die Titelpartie spielt, mit Greenscreen-Technik filmen lassen. Auf dem iPad lässt sich die freigestellte Figur in die Live-Szene blenden – und schon kann eine virtuelle Lady Rhondda mit dem Richter interagieren (der Schauspieler kontrolliert
das Timing) und schließlich sogar eine Nummer aus der zugehörigen Oper singen, wobei der Klang aus einem Surround-Soundsystem kommt. Musikalisch kann ein Avatar mit einer Live-Darstellerin kaum mithalten – aber als Mittel zum „Blick in die Vergangenheit“ eröffnet das AR (nicht ohne Grund gern in Museen angewandt) interessante Möglichkeiten.

Für die zwanzigminütige Show werden Tickets ausgegeben, die allerdings kostenlos sind, nur fünf oder sechs Zuschauer werden jeweils vorgelassen. Und damit ist das Grundproblem auch schon beschrieben. Schließlich kosten die High-Tech-Versuche zwischen 70.000 und 140.000 Britische Pfund. Noch mag „Forschung und Entwicklung“ ein hinreichender Existenzgrund sein, doch das wird nicht so bleiben. „Deshalb ist die Reise-Eignung so wichtig bei diesen Produktionen“, erklärt Massey. „Wir müssen sie möglichst breit anbieten, zu Festivals und in Museen schicken können.“ „Rhondda Rebel“ gibt es daher auch noch als mobile Variante, bei der die Frauenrechtlerin an ihrem Schreibtisch erscheint (in ihrer Funktion als Herausgeberin der Zeitschrift „Time and Tide“). 

Noch ist das Gebiet der Mixed Reality alles andere als niedrigschwellig. Ein Handy hat theoretisch jeder, damit ist vieles möglich – aber schon vor dem Theaterbesuch eine Anwendung herunterzuladen, wäre zu viel verlangt. Außerdem ist die Rechenleistung der kleinen Geräte begrenzt und die Programmierung aufwendig – weshalb die „Experiences“ der WNO bisher im Rahmen von etwa zehn Minuten liegen. Wesentlich mehr wäre nötig, um für Tickets Geld verlangen zu können. Laut der Produktionsfirma Limina in Bristol gibt es VR-Theater: Sie wirbt damit, 64 Zuschauern bis zu 60 Minuten VR-Content anbieten zu können – auch synchron, als Gemeinschaftserfahrung.

VR als Empathie-Verstärker

Im Sommer 2019 spannte die WNO unter dem Motto „Freedom“ fünf Opern zu einem Mini-Festival über Gefangenschaft und Freiheit zusammen: Jake Heggies „Dead Man Walking“, Gian Carlo Menottis „The Consul“, Luigi Dallapiccolas „Il Priggionero“ mit dem zweiten Akt von Ludwig van Beethovens „Fidelio“ und Hans Krásas „Brundibár“. Es gab Vorträge und Diskussionen sowie eine Ausstellung, für die auch eine Reihe von Mixed-Reality-Kunstwerken und Dokumentationen eingeladen werden. 

Besucher können in der Rolle eines US-Grenzbeamten entscheiden, ob ein (virtueller) Asylsuchender ins Land darf, einen Holocaust-Überlebenden beim KZ-Besuch begleiten oder sie können verfolgen, wie ein syrischer Junge aus Fundmaterialien seine Heimatstadt Aleppo nachbaut, während die Eigenproduktion der WNO (gemeinsam mit der BBC) ihnen erlaubt, sich in 360-Grad-Filmen (via Oculus Go) die Lebensgeschichten von fünf heute in Wales heimischen Geflüchteten erzählen zu lassen – hinterlegt mit Auftragsmusik von Cian Ciaran, ehemals Pianist der Band Super Furry Animals.  

Füchslein Go!

Apropos Pelztiere: Noch immer wartet ja das Füchslein, lebensnah dreidimensional animiert (via Apple ARKit) von den Immersions-Spezialisten der Firma Arcade. Jeder Bogen enthält eine Spieleoption, die gestartet wird, sobald man die Kamera auf bestimmte Marker in der Illustration richtet: Man kann zum Beispiel Hühner fangen, dafür sorgen, dass Fuchs und Füchsin sich verlieben, oder gefährliche Fallen unschädlich machen. „Kinder verstehen das Spiel intuitiv“, sagt Massey entschuldigend, als ich ihn wiederholt um Hilfe bitte, weil ich die Hühner partout nicht erwische (hätte ich doch damals nur mit Pokémon Go geübt – dem AR-Spiel, das es 2016 zum Massenphänomen schaffte). Egal, beim zweiten Durchgang klappt’s, und ich absolviere ihn gern. 

Wiedergefundenes kindliches Staunen ist es ja gerade, was die Musik dieses Spätwerks ausmacht, und die Installation schafft es, genau diesen Charme einzufangen. Am Schluss zerfällt das Füchslein (das in der Oper stirbt) in Blütenblätter, die Kamera wechselt in den Selfie-Modus und überblendet das eigene Gesicht mit einer Fuchsmaske. „Das kennen die meisten aus den sozialen Medien als Gimmick“, erklärt Alex Book von Arcade. „Wir wollen damit anzeigen, dass der Nutzer nun selbst die Perspektive der Füchsin einnimmt.“ Auf dem Rückweg durch die vom Illustratoren Xavier Segers gestalteten Bögen bewegt man sich träumerisch durch Blüten, schwebende Blätter und fallenden Schnee. „Am Ende steht man wieder am Anfang: Wie in der Oper schließt sich der Kreis.“ Eine bezaubernde Erfahrung, die das Wesen des Stücks überzeugend transponiert, aber auch für sich stehen kann. Dass die Besucher hinterher Karten für die eigentliche Oper kaufen, erwartet nämlich niemand: Die Digital Projects sind eigenwertige Kunstwerke.

An der WNO arbeitet man jetzt trotzdem daran, Virtuelles in eine vollwertige Opernproduktion einzubinden – schon um solche Erfahrungen einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Was genau er vorhat, verrät David Massey nicht. „Vielleicht etwas mit Hologrammen“, meint er und schmunzelt geheimnisvoll. 


BTR Ausgabe 6 2019
Rubrik: Thema: Technologien & Produktionen, Seite 14
von Wiebke Roloff Halsey