Wir sind Neustarter

Viele Privattheater, Ende Juli waren es 485, haben schon Förderung aus dem Programm „Neustart Kultur“ für pandemiebedingte Investitionen in Umbau-, Modernisierungs- oder Ausstattungsmaßnahmen erhalten. Wir stellen sie in loser Folge vor.

Bühnentechnische Rundschau

Bis zum 30. November 2021 können Theater, Festspielhäuser, Kleinkunstbühnen, Varieté-Theater und Theaterfestivals im Rahmen von „Neustart Kultur“ über die DTHG Fördermittel beantragen (www.dthg.de/foerderung/neustartkultur/).

Gefördert werden „investive Umbau-, Modernisierungs- und Ausstattungsmaßnahmen von Kultureinrichtungen (ortsfeste und kulturelle Träger mit dezentralen Aktivitäten) sowie im Rahmen von Festivals und anderen kulturellen Veranstaltungen, die zur nachhaltigen Reduktion von Ansteckungsgefahren (insbesondere mit dem SARS-CoV-2-Virus) in deren öffentlichen und nicht-öffentlichen Bereichen erforderlich sind, sowie projektbezogene Personal- und Sachausgaben“. Diese Maßnahmen müssen bis zum 31.12.2022 umgesetzt werden.

DESiMOs spezial Club, Hannover: buntes Programm
Detlef Simon, auch DESiMO genannt, ist Entertainer, Zauberkünstler, Moderator und Kabarettist. Sein „spezial Club“ mit dem Slogan „Sie werden lachen!“ gastiert meist auf der Bühne des traditionsreichen Kinos „Apollo“ im Hannover’schen Stadtteil Linden, wo das Publikum dann Stand-up-Comedy, Kabarett, Poetry, Impro, Zauberkunst und Musik zu sehen bekommt. Unter dem Motto „hauptsache speziell“ gibt es normalerweise jede Woche ein bis zwei Sologastspiele, monatlich präsentiert Gastgeber DESiMO zudem die „Mix-Show“ mit Überraschungsgästen. Seit der Gründung im Oktober 2002 veranstaltet der spezial Club den Publikumswettbewerb „sPEZIALiST“, bei dem die drei beliebtesten Auftritte der vergangenen „Mix-Show“-Saison eine aus Bronze gegossene „Bunte Tüte“ sowie insgesamt 6000 Euro Preisgeld erhalten (Sponsor ist der Hannoveraner Telekommunikationsdienstleister htp). Dieses Jahr fällt er allerdings mangels Auftritten aus. Manchmal organisiert das Team Gastspiele in größeren Theatern, etwa im Hannover Theater am Aegi die Abende mit Sebastian Pufpaff, Torsten Sträter, Hazel Brugger und vielen mehr. Auch die neue Saison startete jetzt außer Haus: mit der „Mix-Show“ am 28. August auf der Galopprennbahn in Bad Harzburg. Aufgrund von Corona musste der spezial Club vergangenen Herbst auf andere Spielstätten ausweichen: In Zusammenarbeit mit dem TAK (Theater am Küchengarten), dem Kabarettisten Matthias Brodowy, der Stadt Hannover und dem Kulturzentrum Pavillon entstand die Initiative „Theater für Hannover“. Durch sie konnten kleinere Ensembles von der Stadt finanziert in der großen Spielstätte auftreten, alle erforderlichen Hygieneregeln erfüllend. Mithilfe von „Neustart Kultur“ wurden drei komplett fernsteuerbare und hochauflösende BirdsEye-Kameras angeschafft, dazu zwei einfachere Marshall-Kameras. Ab September 2020 startete somit der Livevideostream aus dem „Apollo“ – am Anfang noch mit reduzierter Zuschauerzahl vor Ort – über das Streamingportal „Video.Taxi“ zu dem Publikum nach Hause. Karten waren wie für eine normale Vorstellung im Voraus zu kaufen. Bis zur Sommerpause 2021 sind 25 Streamingshows gelaufen. War die Nachfrage am Anfang noch sehr groß, stellte sich im Frühsommer eine gewisse Streamingmüdigkeit bei den Zuschauern ein: „Dazu beigetragen haben auch das warme Wetter und das große Angebot an Freiluftveranstaltungen“, glaubt Simon. Zur Zukunft des Streamens meint er aber: „Es wird immer Menschen geben, die sich keine Liveshows vor Ort ansehen können, etwa aus gesundheitlichen Gründen.“ Hier wäre eine Kooperation z. B. mit Behindertenverbänden denkbar.
www.spezialclub.de

FLT – Das Freilandtheater, Bad Windsheim: Bühne bis zum Horizont
Seit 2004 sucht und findet das Freilandtheater immer wieder neue Spielorte im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim. Das Gelände – Wege, Felder, Häuser und Scheunen – ist die Bühne. Die eigens für das Theater und sein Ensemble geschriebenen und komponierten Stücke gehen quer durch alle Epochen und Genres. Vom Zeitalter der Inquisition und des 30-jährigen Kriegs über Barock und Weltkriege bis zu den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts spannt sich der Bogen der Produktionen. Normalerweise wird jeden Sommer eine Tribüne für bis zu 400 Zuschauer an einem zum Stück passenden Ort im Museum aufgebaut, sodass bis zu 12.000 Zuschauer die Stücke sehen können. Vor zehn Jahren entwickelte das FLT seine erste Freiluftproduktion für den Winter. Das „Winterwandeltheater“, ein Stationentheater mit Innen- und Außenspielorten für sechs Zuschauergruppen je Vorstellung. Im Coronasommer 2020 konnte das FLT mit diesem Format als „Sommerwandel“ auch während der Pandemie Theater für 5000 Zuschauer anbieten – mit einem durchdachten Sicherheits- und Hygienekonzept, das es Ensemble und Publikum erlaubte, im Freien mit viel Platz und in frischer Luft Theater zu spielen und zu erleben. Diesen Sommer kam am 16. Juli nach erschwerten Bedingungen durch Überschwemmungen „Alles bleibt anders“ zur Premiere. Auch dieses Stück wird pandemiebedingt als Wandeltheater aufgeführt: Pro Abend gehen sechs Gruppen à 25 Personen im Abstand von 15 Minuten über das Museumsgelände und schauen sich ähnlich einem Bilderbogen an unterschiedlichen Spielorten die einzelnen Szenen an. Das Team des FLT besteht aus professionellen Theaterschaffenden, das Ensemble aus Profischauspielern und erfahrenen Amateuren jeden Alters. Das FLT finanziert sich überwiegend durch Eintrittsgelder und wird außerdem durch regionale Sponsoren und öffentliche Mittel des Bezirks Mittelfranken, des Bayerischen Kulturfonds und der Stadt Bad Windsheim gefördert. Mit „Neustart Kultur“ stellte das FLT sein Ticket- und Organisationssystem neu auf: „So können wir in Zukunft unsere Produktionen auf vielfältige Weise zu unserem Publikum bringen – ob digital oder analog, aufgezeichnet, gestreamt oder live vor Ort!“ Selbst das sogenannte Schachteltheater lässt sich über das neue System direkt nach Hause bestellen: Interessenten erhalten dann ein nichtlineares Theatererlebnis in Form einer Audiodatei, etwa auf einem beiliegenden Diktafon, und einer Schachtel mit Postkarten und Bildern zugesandt – es braucht keinen Onlinezugang und ist überall erlebbar. www.freilandtheater.de

Kulturzelt Braunschweig e. V.: vielfältige Festivals
Als Privatinitiative von Beate Wiedemann im Jahr 1999 gegründet, zog der Verein Kulturzelt Braunschweig e. V. mit dem ersten Festival „KulturImZelt“ bereits 10.200 Zuschauer in die Löwenstadt Braunschweig. Nach über 20 Jahren gehören die roten Kuppeln des Festivals im August und September längst fest zum Erscheinungsbild des Braunschweiger Bürgerparks. Die Bandbreite von KulturImZelt umfasst Jazz, Pop, Rock, Soul, Weltmusik und Familienmusicals sowie Varieté, Lesungen, Kabarett und Comedy. Auch ein Publikumsmagnet ist die Regio- und Newcomer-Bühne, die meist noch jungen, regionalen Musiker die Chance eröffnet, sich in einem professionellen Rahmen vor einem großen Publikum präsentieren zu können. Neben diesem Sommerfestival gibt es ein dreitägiges Kleinkunstfestival mit normalerweise bis zu 9000 Besuchern: das „Schloss-Spektakel“ an einem Wochenende im Frühsommer im Park um das Schloss Richmond. Dieses Jahr fiel es am 9. und 10. Juli deutlich reduzierter aus: an 2 statt an 30 Auftrittsorten. Außerdem waren diesmal dem Publikum feste Sitzplätze zugewiesen, normalerweise kann es sich wie bei Wandeltheater frei bewegen. Jüngstes Projekt ist das Straßenmusikfestival „Buskers“, eigentlich in der Braunschweiger Innenstadt angesiedelt. Von Folk über Rock und Volksmusik bis hin zu Klassik oder Punk, ob professionelle Darbietungen oder laienhafte Erstversuche – geboten wird ohne Eintritt ein musikalisches Gesamterlebnis, das für Vielfalt, Toleranz, Austausch und Lebendigkeit steht. Nachdem Buskers 2020 ausfiel, fand es dieses Jahr mit rund 15 Musikern im Bürgerpark am 7. und 8. August statt, das Publikum saß auf mitgebrachten Picknickdecken. Dank Neustart Kultur konnte bereits 2020 die kleine Open-Air-Variante „KulturImPark“ – statt „KulturImZelt“ – organisiert werden. So wurden Bierzeltgarnituren, coronakonforme Tresen und technische Lösungen wie ein kontaktloses Ticket- und Kassensystem und mobile Lautsprecheranlagen angeschafft. „Zunächst waren wir noch von einem Betrieb im Zelt ausgegangen und bestellten zum Beispiel Plexiglasscheiben, um die Tische abzutrennen“, berichtet Beate Wiedemann. Doch die Voraussetzungen haben sich geändert, das Festival findet auch 2021 (14. August bis 26. September) im Freien statt, mit über 50 Veranstaltungen. Mit der Anschaffung eines Belüftungssystems möchte Wiedemann noch warten, bis es klarere wissenschaftliche Erkenntnisse zur Belüftung in Zirkuszelten gibt – gerade in Anbetracht der hoch ansteckenden Delta-Variante. Daher findet sie es gut, dass die Frist zur Umsetzung der Neustart-Maßnahmen verlängert wurde: „Ich finde die Unterstützung durch Neustart Kultur großartig! Durch diese Maßnahmen fühlen wir uns sehr getragen in diesen Zeiten – schade, dass es da so viel Kritik von außen gab.“ Die Festivals: kulturimzelt.de / schloss-spektakel.de / buskers-braunschweig.de

Theaterhits, Paderborn: Komplettpakete für alle Altersgruppen
Theaterhits erstellt seit über 20 Jahren eigene Musicals, Theaterstücke und Show-Produktionen – das geht vom Buch, über Kompositionen, Casting der Darsteller, Bau des Bühnenbilds, Anfertigung der Kostüme, Entwurf des Werbematerials bis hin zur fertigen Inszenierung (Regie und Choreografie). Die Produktionen werden dann im Auftrag von Kunden im ganzen deutschsprachigen Raum – Deutschland, Österreich und Schweiz – aufgeführt. Meist ordert der Kunde dazu ein Komplettpaket mit allen Leistungen inklusive. Das Publikum mit den Stücken zu begeistern, steht aber an erster Stelle. Dazu engagieren sich professionell ausgebildete Darsteller und Künstler z. B. von der Joop van den Ende Musical Academy in Hamburg, Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, Theaterakademie August Everding in München, Folkwang Universität der Künste in Essen, Hochschule Osnabrück und der Stage School Hamburg. Auch verfügt Theaterhits über eigene Lichtund Tontechnik, die zur Durchführung der Musicals, Shows und Theaterstücke auf Tournee nötig ist, um autark immer die beste Qualität der Vorstellung garantieren zu können. Die Logistik erfolgt mit einem eigenen Lkw. Im Rahmen von „Neustart Kultur“ konnte ein mobiles FREILUFT.theater für kleine und mittelgroße Plätze von mindestens 600 m2 angeschafft werden. Es besteht aus einer Bühne (6 x 4,55 m) sowie Tribünen mit Überdachungen sowie Zelten für Gastronomie, Kasse, Technik und Backstage sowie Bauzäunen. Auch Zubehör wie Cases für Kostüme, Moving-Heads oder Tische für das Catering sind neu hinzugekommen. Die insgesamt 8 Tribünenelemente (je 3 × 2 m) bieten jeweils in drei ansteigenden Sitzreihen 18 Plätze, zusätzlich gibt es Stühle, sodass insgesamt 217 Menschen Platz finden. Der Vorteil dieser Elemente liegt darin, dass sie sich schnell aufund abbauen lassen – einfach um 90 Grad kippen und an den integrierten Rollen in den Lkw rollen. Nur rund drei Stunden dauert der Auf- oder Abbau des kompletten FREILUFT. theaters. Für ein echtes Theaterfeeling soll die Farbgebung sorgen: Sitze und Zelte sind in Rot, der Rest in Schwarz. Hier gab es jedoch im Vorfeld etwas Probleme: Rote wetterfeste Kunststoffsitze mit Reihenverbinder (Vorgabe der VStättVO) gab es nur bei einer englischen Firma, der Brexit erschwerte das Ganze zusätzlich. Die Freiluftbühne ist aber nicht nur für den Sommer gedacht: Theaterhits hat eine 40-Minuten-Version der Weihnachtsgeschichte vorbereitet, um mit dem FREILUFT.theater etwa auch Weihnachtsmärkte bespielen zu können.
www.theaterhits.de

Theater Lindenhof, Melchingen: ausgezeichnetes Volkstheater
Seit vier Jahrzehnten bietet das Theater Lindenhof – einst eine Dorfgaststätte mit landwirtschaftlichen Nebengebäuden – seinem Publikum auf der Schwäbischen Alb oder bei Gastspielen im ganzen Land ein ganz besonderes Volkstheater. So zeigte es vom 28. Juli bis zum 15. August beim Tübinger Sommertheater mit „Darum wandle wehrlos fort durchs Leben, und fürchte nichts!“ eine Annäherung an Friedrich Hölderlin. Fernab der Metropolen ist dieses Theater zum Inbegriff für ein besonderes Heimattheater geworden, das einen direkten Zugang auf Themen, eine vertiefende Auseinandersetzung sucht, eine möglichst kernige Umsetzung finden will und den Humor dabei nicht vergisst. Die Bandbreite der Produktionen reicht von kleinsten Aufführungen etwa in Gaststätten bis hin zu großen Inszenierungen mit bis zu 200 Beteiligten. Mit seinem Ensemble erstellt das Theater jährlich zwischen vier und sechs Neuproduktionen und erreicht ca. 20.000 Zuschauer in Melchingen und zwischen 20.000 und 30.000 Zuschauer auf Gastspielreisen. Es gibt Theaterexkursionen im Freien, Inszenierungen von Klassikern, Umsetzungen lokaler und regionaler Geschichte und Geschichten, große Theaterprojekte mit Bürgern und ein vielseitiges Kleinkunstprogramm – darunter zahlreiche Uraufführungen. Zu jeder Spielzeit wird Neues ersonnen und ausprobiert. Für ihre Inszenierungen erhielten die Theatermacher schon eine Reihe von Auszeichnungen. 2018 schloss das Theater Lindenhof eine umfangreiche Sanierung und Erweiterung des Theaterhauses ab. Doch die Zuschauerkapazität ist aufgrund der Pandemie sehr begrenzt. Nur 50 Zuschauer finden aktuell in der eigentlich für 160 Personen ausgelegten Theaterscheune Platz. Wichtiger denn je sind für das Theater daher Open-Air-Veranstaltungen. Mithilfe von Neustart Kultur konnte hierfür neue LED-Outdoor-Lichttechnik angeschafft werden, eine zukunftsträchtige und zudem ökologische Maßnahme, über die das Theater sehr froh ist. So kam es beim Tübinger Sommertheater zum Einsatz und wird 2022 ebenfalls verwendet, wenn auf der Melchinger Burg gespielt wird.
www.theater-lindenhof.de

Weitere Infos rund um Neustart Kultur sowie Porträts der geförderten Institutionen gibt es auf www.dthg.de/foerderung/neustartkultur/ oder auch über den dort zu abonnierenden Newsletter. Er informiert wöchentlich über alle neuen Entwicklungen der von der DTHG verwalteten Förderprogramme und enthält weitere Porträts von „Neustartern“.


BTR Ausgabe 4 2021
Rubrik: Produktionen, Seite 26
von Julia Röseler

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