Hören und gehen

Durch die Pandemie haben sich Audiospaziergänge als beliebtes Format bei Künstlern und Publikum etabliert. Auch das Berliner Ensemble schickt Interessierte auf einen Audiospaziergang: Mit „Brecht stirbt“ folgt der Zuhörer den Spuren des Schriftstellers. Dabei vermischen sich auf faszinierende Weise Realität und Vergangenheit. Produziert hat den Audiowalk das Theaterkollektiv RAUM+ZEIT.

Es zirpen die Vögel an diesem schönen Frühlingstag, der Straßenlärm erreicht mich nur gedämpft. Ich sitze auf einer Bank auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte. Illustre Namen stehen hier auf den Grabsteinen, der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel zum Beispiel, aber vor allem die gesamte Prominenz der reichen Theatergeschichte der DDR, angefangen mit Bertolt Brecht, dem berühmten deutschen Autor und Gründer des Berliner Ensembles (BE).

Das Berliner Ensemble hat mich für den Audiospaziergang „Brecht stirbt“ hierher geführt und mir zuvor auf meine Anfrage einen Download-Link für eine Audiodatei zugemailt, die ich nun auf meinem Smartphone öffne. Ich setze mir meine Kopfhörer auf. Und während ich auf eine gelbe Urnenwand schaue, gesellen sich einige der hier Begrabenen zu mir, werde ich in die Vergangenheit versetzt, genauer gesagt: in Brecht höchstselbst, der mit Helene Weigel direkt neben diesem Friedhof lebte (im heutigen Literaturforum im Brechthaus).

Es ist ein alter, etwas zerstreuter Brecht (gesprochen von BE-Schauspieler Tilo Nest), mit dem ich jetzt zunächst langsam über den Friedhof schlendere und die Gräber seiner künstlerischen Mitstreiterinnen ...

Zur Produktion der Audiospaziergänge von RAUM+ZEIT
Nachdem der Audiospaziergang „Der Tod in Venedig“ spontan im ersten Lockdown 2020 als Eigenproduktion von RAUM+ZEIT entstand, produzierten wir „Brecht stirbt“ im dritten Lockdown im März/April 2021 auf Einladung des Berliner Ensembles. Nach Überlegungen zwischen Text, Regie, Dramaturgie und Sounddesign wurden zunächst für den jeweiligen Stoff geeignete Orte in Berlin gesucht und dann der genauere Weg entworfen. Die Wegführung wird mit einem One-Shot-Video dokumentiert, sie enthält die Haltepunkte und legt das spätere Tempo des:der Spaziergänger:in fest. Der Text wird von der Regie auf das Weg-Video eingesprochen, um das Timing zu überprüfen. Wenn Weg und Text auf diese Weise vorläufig festgelegt sind, beginnen die Aufnahmen mit den Schauspieler:innen. Die Sprachaufnahmen werden an die Weg-Tonmaske angelegt. In möglichst vielen Begehungen mit Testspaziergänger:innen wird Timing und Wegführung überprüft und ggf. korrigiert. Sobald Weg und Text endgültig fixiert sind, beginnt das Sounddesign mit der Vertonung über die Stimmen hinaus. Insgesamt braucht dieser Prozess etwa sechs bis sieben Wochen. Eine Besonderheit unserer Audiospaziergänge ist die Verwendung von binauralen („Kunstkopf“-)Aufnahmen, die ein besonders immersives Erlebnis und einen „fließenden“ Übergang zwischen Originalgeräuschen (z. B. Verkehr) vor Ort und von uns produziertem Ton erlauben. Die praktische Arbeit an der Tonspur beginnt mit Aufnahmen vor Ort, als Referenz dient auch hier die Videoaufnahme. Zuerst werden Schritte, die später den Zuhörer:innen als Anhaltspunkt für das Timing dienen, aufgenommen, dann die Originalatmos an den Schauplätzen. Die Schritte werden mit Richtmikrofon MS-Stereo, die Atmos binaural in Kunstkopf- bzw. „Originalkopf“-Technik aufgenommen. Diese Aufnahmen werden dann am Guide-Video angelegt. Anschließend erfolgen die Sprachaufnahmen im Studio, möglichst akustisch trocken. Weitere Stimmen werden nach Bedarf on location, wiederum binaural aufgenommen. Bis hierhin könnte man von einer klassischen Filmvertonung sprechen, es wird eine durchgehende Tonspur gebaut mit Atmos, Schritten und Sprache. In der darauffolgenden Testphase wird vor allem das Timing überprüft und je nach Bedarf umgeschnitten. Nach einem „Picture-lock“ beginnt das eigentliche Sounddesign. Zusätzliche Atmos und Soundeffekte werden eingefügt, die Musik komponiert, Archivaufnahmen „binauralisiert“ etc. Die Mischung und das Mastering müssen immer wieder vor Ort überprüft werden, da Umgebungsgeräusche und das Erleben der Lautstärkeverhältnisse dort immer vom Eindruck im Studio abweichen. Die Berliner Audiospaziergangs-Trilogie von RAUM+ZEIT wird im Oktober 2021 abgeschlossen mit dem Spaziergang „Kontakt“ (Arbeitstitel), der mit zwei aufeinander abgestimmten synchronen Tonspuren für zwei Spaziergänger:innen gleichzeitig konzipiert ist. ...

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BTR Ausgabe 3 2021
Rubrik: Produktionen, Seite 28
von Sophie Diesselhorst

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