Weniger ist mehr

Erstmals in seiner Geschichte brachte das Staatstheater Meiningen Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ zur Aufführung. Mit einem effektvollen und dabei ökonomischen Bühnenbild

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Den Blick von der Bühne in den Saal hat das Publikum nicht, denn es wird in die Illusion geschickt. Nicht anders im Staatstheater Meiningen. Hier wirkt aus der Bühnenhaus-Perspektive der Kontrast zum Saal besonders scharf, wo Wände, Brüstungen aus Holz und Sitzpolster ein lebhaft-harmonisches Farbspiel ergeben. Von der „Dienstseite“ aus rahmt ein pechschwarzes Meer aus Scheinwerfern das Bühnenportal. Hätte die letzte Generalsanierung nur wenige Jahre später stattgefunden, die Lichttechnik würde schon wieder anders, noch moderner aussehen.

Doch keine Sorge: Das Haus ist nicht schon wieder in die Jahre gekommen. In der laufenden Saison stand auf der Drehbühne des anmutigen Theaters mehrmals ein Plattenbau. Oder besser: Er rotierte, wunderbar illuminiert und doch mit Absicht trostlos gelassen. Gezimmert, um hier Erich Wolfgang Korngolds größten Wurf zu inszenieren: „Die tote Stadt“. Korngold war ein Komponist von gerade 23 Jahren, als 1920 mehrere große Opernhäuser um die Uraufführungsrechte kämpften. Mit den Stadttheatern von Köln und Hamburg gab es damals zwei Sieger. Korngolds erstes abendfüllendes Werk wurde dort gleichzeitig am 4. Dezember erstmals gegeben – mit sensationellem Erfolg. Er markierte den Beginn eines Siegeszugs, der schon im Jahr darauf die New Yorker Met erreichte und bis 1950 etwa 80 weitere Bühnen weltweit. Vor den Nationalsozialisten geflohen, feierte Korngold in den USA Erfolge als Filmkomponist, bevor er 1957 in Hollywood starb. Den Ruhm der „Toten Stadt“ sollte jedoch kein anderes seiner Werke erlangen. In Meiningen musste man auf das Stück bis zum vergangenen Jahr warten. Zu Beginn der laufenden Spielzeit gab das Staatstheater zum ersten Mal in seiner Geschichte Korngolds knapp dreistündige Oper über nicht enden wollende Trauer und wachsende Obsession. Bis Januar lief sie acht Mal im Großen Haus der kleinen Stadt in Südthüringen. Der Saal im neoklassizistischen Bau zeichnet sich durch seine lobenswert lichte Raumakustik aus, die den Druck des Orchesters aus dem Graben verlustarm zum Publikum transportiert und Gesangspartien gut trägt. Ein dankbarer Umstand gerade für die so anspruchsvolle wie gefürchtete Titelrolle des Heldentenors in der „Toten Stadt“, für die nach einigem Suchen schließlich der überragende Charles Workman als Gast gewonnen werden konnte. Die Saalakustik scheint zugleich wie gemacht für den an Richard Strauss geschulten Korngold-Klang. Das Genie wurde mit Mozart verglichen. Korngold drückte mit seiner Musik zur „Toten Stadt“ die ambivalente Gefühlswelt seiner Zeit der gravierenden Umbrüche aus. Das Libretto von Paul Schott (eigentlich Julius Korngold, der Vater des Komponisten) basiert auf dem symbolistischen Roman „Das tote Brügge“ von Georges Rodenbach. Brügge bleibt der geheimnisumwobene Schauplatz der Oper, wo sich Paul, nach dem Unfalltod seiner Frau Marie vollkommen neben sich stehend, in die Vergangenheit fallen lässt. Sein Haus richtet er sich als „Kirche des Gewesenen“ ein, bestückt es mit allerlei Reliquien. Jahre später erscheint die Tänzerin Marietta in seinem Leben. Der verstorbenen Gattin sieht sie täuschend ähnlich. Paul verliebt sich neu, erliegt der Sinnlichkeit der Neuen. Identitäten beginnen zu verschmelzen, duellieren sich, ein Psychothriller im Zwischenreich von Traum und Realität nimmt seinen Lauf. Pauls Besessenheit mündet in einer Katastrophe: In Rage tötet er Marietta, die nun Marie noch ähnlicher geworden ist. Dann entpuppt sich die Affäre als ein Traum. Marietta kommt leibhaftig zurück, mit ihr ein Freund Pauls, der ihm rät, der toten Stadt den Rücken zu kehren. Während das Libretto im Original auf einen guten Ausgang hoffen lässt, sieht Regisseur Jochen Biganzoli in seiner Meininger Inszenierung keinen anderen Weg für Paul vor als den Freitod. Der besungene „Neuanfang“ ist hier in den Entschluss übersetzt, Marie zu folgen. Noch einen anderen szenischen Kniff hat sich Biganzoli erdacht. Abweichend von der Vorlage besetzt er die verstorbene, in der Rückblende auftauchende Marie und die Marietta der Gegenwart separat (Deniz Yetim, Lena Kutzner). Er lässt deren Individualität geschärft hervortreten und sie beide als Rivalinnen direkt aufeinandertreffen.

Rotierendes Haus mit 70 Lichtstimmungen
Das Haus auf der Bühne, vor dem, an dem und in dem sich alles abspielt, dient zugleich als Projektionsfläche für großformatige Videos (Jana Schatz), die über den Rand der eigentlichen Handlung hinausweisen. Über dieses Medium erfahren Besucherinnen und Besucher im Dokumentarstil vom einst glückseligen Ehepaar vor Jahren, vom Unfall, den Paul am Steuer durch eine Unachtsamkeit herbeiführt und der für die schwangere Marie tödlich endet, von Pauls schwerem Gang in die Pathologie. Noch vor Beginn der eigentlichen Oper musiziert die Meininger Hofkapelle unter Chin-Chao Lin das „Lento religioso“ aus Korngolds „Sinfonischer Serenade“. Schließlich zeigt eine Videoeinblendung Paul von hinten, wie er in ein Kornfeld schreitet und sich die Kugel gibt. Wolf Gutjahr hat sich für sein Bühnenbild eine geniale Lösung einfallen lassen. Was zunächst im Dunkel nur schemenhaft zu erkennen ist, wird nach und nach als verwinkeltes und verschachteltes Gebäude sichtbar. Als ein Haus, das nicht zur Ruhe kommt. Jene „Kirche des Gewesenen“ ist schmucklos, wirkt kalt und trist, steckt dabei voller Dinge, etwa Serien von Erinnerungsfotos. Das Doppelbett ist geblieben, nach wie vor gibt es zwei Nachttische und zugehörige Lampen. In alldem spiegelt sich das wirre Seelenleben des Witwers Paul. Der Gebeutelte ist ganz in Schwarz gekleidet, die temperamentvolle Marietta in kontrastierendem Weiß. Dass Pauls Wohnung aus fünf Räumen besteht, scheint kein Zufall. Jeder Raum ist „beschriftet“ mit einem der Buchstaben M, A, R, I und E. Zuschauende müssen den Namen allerdings konstruieren, denn das auf der Drehbühne nahezu immerfort rotierende Haus gibt nie mehr als drei Zeichen gleichzeitig preis. Die Beleuchtung aus Stäben und LED-Streifen betont die Kanten der schwarzen Wandflächen und umreißt die Buchstaben. Helligkeit und Lichtfarben wechseln ständig, oft ist es ein nervöses Flackern. 70 verschiedene Stimmungen sind vorgesehen. Das ist zwar nur ein Viertel der Vielfalt, die bei Wagner-Opern zum Einsatz kommt, könnte dennoch im Zeitalter differenziert steuerbarer LEDs wie Spielerei anmuten. Vielmehr aber drückt diese optisch generierte Unruhe den seelischen Zustand des Protagonisten Paul aus, die unscharfe Trennung zwischen Traum und Realität. Und diese Beleuchtungstechnik sorgt für das ganze Spektrum zwischen Düsternis und dem Prickeln, das aufkommt, wenn die aufgedrehte Marietta an Pauls Seite in Hochform gerät.

Technisch auf Augenhöhe
Meiningen kann auf eine fast zweihundertjährige, viele Kunstrichtungen beflügelnde Theatertradition zurückschauen. Regisseure wie Sergej Eisenstein ließen sich hier inspirieren. „Klaus Maria Brandauer sagte, ohne Meiningen gäbe es kein Hollywood“, so Detlef Nicolmann. Der Technische Direktor und Werkstattleiter ist stolz auf sein „imposantes Haus“, für das er seit Sommer 2000 arbeitet. „Hier wurde das Regietheater erfunden!“ Entsprechend groß ist bis heute das Einzugsgebiet für das Vier-Sparten-Theater, das im Westen und Süden bis nach Fulda, Schweinfurt und Würzburg reicht, von wo die Gäste teils in Bussen anreisen. Spürbar ist allerdings der Wegfall des größten Hotels der gut 25.000 Einwohner zählenden Werrastadt. Der „Sächsische Hof“ hat die Coronajahre nicht überlebt. Jetzt sucht die Kommune, seit 2023 Pächterin des Objekts, fieberhaft nach einem neuen Betreiber für ihr „erstes Haus am Platz“. Am 17. Dezember 1831 wurde das Meininger Hoftheater eröffnet. Seit 1860 bietet der Bau im klassizistischen Stil Theater „in eigener Regie“ mit festem Ensemble. Herzog Georg II. übernahm 1866 mit der Regierung des Herzogtums zugleich die Führung des Hoftheaters. Unter Leitung des „Theaterherzogs“ wurde Regie neu gedacht. Nach dem verheerenden Brand 1908 zögerte der inzwischen 81-jährige Georg II. nicht, das Haus neu und modern auferstehen zu lassen. Schon anderthalb Jahre später war der Neubau vollendet. Ruhiger wurde es einzig während und zwischen den zwei Weltkriegen. Ab 2010 folgte eine anderthalbjährige Generalsanierung. Sie umfasste praktisch alles vom Vorderhaus über Zuschauerraum, Orchestergraben, Bühnentechnik bis zur baulichen Erweiterung der Hinterbühne. Dafür wurden das Bühnenhaus entkernt und dessen Originalgiebel um fünf Meter verschoben. 2020 erhielt das Theater ein neues Schieferdach. Die Bühnenmaschinerie von Meiningen zeigt: Das Theater spielt auf Augenhöhe mit anderen großen Häusern. Prospektzüge und Beleuchtungszugeinrichtungen sind elektromotorisch fahrbar. Das Orchesterpodium gliedert sich in mehrere Teile. Es gibt eine Drehbühne mit integrierten Podien, ausgelegt für alle benötigten Medien. Ein äußerer Drehring, der gegenläufig und in verschiedenen Geschwindigkeiten gefahren werden kann, erlaubt besondere szenische Effekte. Auch ein Bühnenwagen gehört zur technischen Ausstattung. Die Prozesse der Vor- und Nachbereitung von Aufführungen sind so optimierbar, dass mehrere Vorstellungen täglich möglich sind.

Effizienz der eingesetzten Mittel
Wie meist, liegt das Besondere bei der Inszenierung der „Toten Stadt“ im Detail, im konkreten Bühnenbild. Hier kommt ein Aspekt ins Spiel, der zu den Grundprinzipien auch in der Kunstausübung gehören sollte: Nachhaltigkeit. Die „Kirche des Gewesenen“ ist aus Sperrholz gebaut. „Bühnenbildner Wolf Gutjahr hat uns bei der Auswahl freie Hand gelassen“, sagt Nicolmann. So konnte auf vorhandenes Material zurückgegriffen werden. „Nachhaltigkeit war hier im Haus schon in den 1970er-Jahren notwendig“, erinnert Nicolmann an die Mangelwirtschaft der DDR. So kommt zugleich der gut kalkulierbare Kostenfaktor ins Spiel. Holzelemente lassen sich zudem besonders gut nachnutzen, wenn sie für eine bestimmte Inszenierung nicht mehr benötigt werden. Jedes Stück hat eine Verweilzeit im Repertoire. Die richtet sich nach der Entscheidung der Künstlerischen Leitung, ebenso nach der Beliebtheit des Stücks beim Publikum. Nach der letzten Vorstellung wird das Material dem Technischen Leiter zur Nachnutzung freigegeben. „Wir lagern es dann für ein paar Wochen aus, laden Interessenten ein, sich zu bedienen.“ Was dabei nicht weggeht, wird zerlegt und fachgerecht entsorgt. Neuerdings bietet das Meininger Theater Dinge auf dem Gebrauchtmarkt an. Bei allem Potenzial stößt dies freilich an personelle und logistische Grenzen.

Kniffliger gegenüber der Materialentscheidung Holz gestaltete sich das Problem mit dem Licht. „Die Konstruktion hatte leicht und transportabel zu sein, also montierbar und demontierbar“, erläutert Nicolmann die Maßstäbe für die Umsetzung. Die Lösung fand das Team in LED-Streifen, die auf ein Schienensystem gebracht und mit Magnetbändern an den Bühnenbauten befestigt wurden. 200 leuchtende Meter wurden insgesamt benötigt, was den Aufwand bei der Herstellung erahnen lässt. „So was wirft man nach Absetzen des Stücks nicht einfach weg“, sagt Nicolmann. Der erste Aufbau des Bühnenbilds während der Vorbereitung der Inszenierung nahm 14 Tage in Anspruch. Der Ablauf ist derart optimiert worden, dass es im laufenden Spielbetrieb genügt, mit dem Bühnenbau am Tage der Vorstellung um 13 Uhr zu beginnen. Das Angebot stimuliert bekanntlich die Nachfrage. So lässt sich im Theaterbereich der Trend nach immer mehr Technik beobachten. Bühnenbilder wirken dann schnell überladen und bemüht. Nicht bei der „Toten Stadt“ in Meiningen, wo die überregional beachtete Inszenierung gerade wegen der Effizienz der eingesetzten Mittel wirkt. Allgemeine Zurücknahme gestalterischer Elemente lässt das Wenige umso plastischer hervortreten. Die neun Monitore von Pauls Wohnung, die sich mit der Drehbühne bewegten, galt es zu verkabeln. Realisiert wurde dies über eine übliche Artnet-Verbindung vom Stellwerk auf die Drehscheibe, über dessen Schleifring alle elektrischen Anschlüsse inklusive Video und Ton übertragen werden. Vom Medienserver auf der Drehscheibe gelangen die Signale via HDMI synchron zu den Monitoren. Die Buchstaben integrierende, ebenso offene, suggestive Konturensprache mit Leuchtbändern zeichnet sich durch hohe Ökonomie aus. Dazu passt, dass Baugruppen der Licht- und Videotechnik auf der Bühne nicht aufwendig verblendet worden, sondern sichtbar geblieben sind – als Kombination aus Ehrlichkeit, Purismus und Sparsamkeit. Tontechnik wird nur bei einer Ansprache-Szene benötigt. Ansonsten geht diese Inszenierung „unplugged“ über die Rampe. „Beim Bauen versuchen wir immer schon zu bedenken, ob und wie wir Dinge nachnutzen können“, sagt Detlef Nicolmann, und spricht vom Baukastenprinzip. Die Wände der „Toten Stadt“ messen gut fünf mal einen Meter, sie werden „liebend gern für nachfolgende Produktionen genutzt, auch als Grundkulisse“, ist sich der Technische Direktor sicher. Einzig der Tafellack wird noch mal angeschliffen werden müssen. Doch: „Eine Wand zu streichen dauert drei Tage, sie neu zu bauen 14 Tage.“ So werden Elemente der „Toten Stadt“ definitiv weiterleben.

Karsten Blüthgen studierte Akustik und Musikwissenschaft. Er lebt in der Lausitz und schreibt Geschichten, Porträts und Musikkritiken für verschiedene Tageszeitungen und Fachzeitschriften.

„Die tote Stadt“

Musikalische Leitung: Chin-Chao Lin
Regie: Jochen Biganzoli 
Bühne: Wolf Gutjahr 
Kostüme: Katharina Weissenborn
Video: Jana Schatz
Dramaturgie: Claudia Forner


BTR 1 2023
Rubrik: Produktionen, Seite 24
von Karsten Blüthgen

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