Mitgefangen

Leoš Janáceks „Aus einem Totenhaus“ wurde in diesem Sommer bei der Ruhrtriennale gezeigt. Ein besonderes Ereignis, denn Bühnenbild und Zuschauerraum gingen dabei ineinander über. Im Inneren der Jahrhunderthalle Bochum bildete eine Gerüstkonstruktion einen weitläufigen Gefängnishof. Auf der 90 Meter langen Spielfläche war die Beschallung eine weitere Herausforderung

Bühnentechnische Rundschau

Wir stehen locker verteilt in einem Gefängnishof. Auf den Gängen an den Seiten und über uns lehnen die anderen Gefangenen neugierig über die Geländer. Hier und da sehen wir bekannte Gesichter und versuchen uns im Raum zu orientieren. Dann stehen wir kurz im Dunkeln und vom anderen Ende des Flures kommen plötzlich sehr viele Männer auf uns zugerannt. Licht geht an und wir als Publikum scheinen plötzlich der aggressiven Stimmung des Gefangenenpulks schutzlos ausgesetzt. Wohin nun? Ordner weisen uns Stehplätze an den seitlichen Geländern zu. Musik erklingt.

Die Bochumer Symphoniker spielen die Einleitung zur Oper „Aus einem Totenhaus“ von Leoš Janáček, am Pult steht der Dirigent Dennis Russell Davies. Ein Marschmotiv hebt an, geht in eine volksliedhafte Melodie der Solovioline über, Fanfaren setzen ein, ein Funken Hoffnung auf Freiheit keimt auf, nur um sofort in einer verzweifelten Dissonanz erstickt zu werden. Zu unseren Füßen schlagen sich die Gefangenen, demütigen sich gegenseitig in Rangspielen, formieren sich zum Gruppentanz, um nur noch brutaler wieder ihre Hackordnung zu zelebrieren. So erleben wir die Orchester-Einleitung der Janáček-Oper in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov. Die Einleitung ist schon kompositorisch gesehen keine Ouvertüre, die uns einen ersten musikalischen Überblick auf das Geschehen gibt und kein Vorspiel, das uns einstimmt. Vielmehr ist sie eine Einführung in das Haus der Toten und in der Bochumer Jahrhunderthalle gehören die Besucherinnen und Besucher zu den Insassen.

Auch wir könnten die Straftäter sein
Die Produktion ist einer jener Glücksfälle der Ruhrtriennale, in denen Raum, Inszenierung und musikalische wie darstellerische Leistung kongenial ineinandergreifen. In der Saison 2023 standen nur zwei Produktionen in der Kategorie Musiktheater auf dem Programm: die Uraufführung des Kammermusiktheaters „Die Erdfabrik“ des Komponisten und Ernst-von-Siemens-Musikpreisträgers Georges Aperghis mit Texten des Schriftstellers Jean-Christophe Bailly in der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord und eben „Aus einem Totenhaus“ von Leoš Janáček in der Jahrhunderthalle in Bochum. Es ist die letzte Oper des tschechischen Komponisten und wurde 1930 am Tschechischen Nationaltheater in Brno uraufgeführt. Für die Bochumer Inszenierung war der Chor eben jenes Theaters, der Chor der Janáček-Oper des Nationaltheaters Brno, zu Gast. Janáček hat ebenfalls das Libretto verfasst. Es basiert auf den „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ von Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Vier Jahre verbrachte der russische Schriftsteller selbst in einem sibirischen Zwangsarbeiterlager. Auf Grundlage dieser Erfahrung beschrieb er Szenen aus dem Gefängnisalltag und Typologien von Menschen.

Im Magazin zur Ruhrtriennale ist ein Interview abgedruckt, dass die Dramaturgin Barbara Eckle mit der Forensischen Psychiaterin Dr. Nahlah Saimeh geführt hat, die darin über den Text Dostojewskis sagt: „Inhaltlich ist das Buch mein tägliches Leben. Ich würde jeden Satz unterschreiben und sagen: ja genauso ist es. […] Die Menschen im Straflager, die Dostojewski beschreibt, sind Hochstapler, Betrüger, Mörder. Der eine bringt seinen Major um, der andere seine Ehefrau, der dritte tötet seinen Nebenbuhler. Sie haben alle klassische Motive. Die hat es zu Dostojewskis Zeiten gegeben, die hat es in der Antike gegeben, die gibt es heute und die gibt es auch in 150 Jahren noch. Es sind Konstanten des menschlichen Scheiterns.“ Saimeh sagt in diesem Gespräch, dass die Entwicklung eines Menschen natürlich auch von seinen Lebensbedingungen und Ressourcen abhinge, die Verantwortung des Umgangs damit jedoch bei jedem selbst liege, woraus sie folgert: „dass derjenige, der da vor mir sitzt, potenziell auch ich selber sein könnte. Dieser Mann […] ist eine Möglichkeitsform des Menschseins.“ Und so scheint es auch, als käme der neue Gefangene Alexandr Petrovič Gorjančikov (Johan Reuter) direkt aus dem Publikum, als einer von uns allen. Er stellt sich als politischer Gefangener vor, wird gedemütigt, muss sich ausziehen, wird mit einem Kübel Wasser übergossen und zusammengeschlagen. Derweil machen sich die anderen Sträflinge an ihre Arbeiten und unterhalten sich dabei mit Gesang und Geschichten. Es sind immer nur Textfragmente. Die Oper hat keine Handlung. Die Geschichten werden unterbrochen oder nicht zu Ende erzählt. Genauso fragmentarisch ist die Musik. Besonders das Publikum im Gefängnishof erlebt die Gefangenen hautnah und hört auch den Gesang nicht von einer Bühne, sondern manchmal direkt neben sich. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sind zugleich involviert ins Geschehen als auch Zuschauer einer Oper. Die Ruhrtriennale nennt die Produktion eine immersive Inszenierung. Dass die Idee funktionieren würde, war jedoch nicht von Anfang an gewährleistet.

Nachhaltiger Bühnenbau mit 100 Tonnen Gerüstmaterial
Das Bühnenbild, in dem sich Publikum, Sänger und Darsteller befinden, ist eine 90 Meter lange zweiseitige und dreistöckige Gerüstkonstruktion. Die beiden langen Seiten sind an vier Stellen über Brücken verbunden, sodass sich drei gleich große Spielflächen ergeben. „Es gab eine große Skepsis aufseiten der künstlerischen Abteilung, ob die Produktion optisch und akustisch funktionieren würde“, berichtet Georg Bugiel, der für die Produktion technisch verantwortlich war. Regisseur Tcherniakov ist auch immer der Bühnenbildner seiner Inszenierungen. Er wollte den Gefängnisbau aus einer Stahlkonstruktion gefertigt haben. Die hätte der Boden der Jahrhunderthalle jedoch nicht getragen – im Zuge des Umbaus zur Festspielhalle wurde der Fußboden erneuert und mit einer Fußbodenheizung unterlegt. So entschied man sich für eine Gerüstkonstruktion und beauftragte die Aachener Firma artec GmbH mit der Konstruktion und Einbringung. Das Gerüst besteht komplett aus Layher-Gerüstbau-Normteilen. Max Schubert, Technischer Direktor der Ruhrtriennale in seiner zweiten Spielzeit, ist begeistert, dass es gelungen ist, ein Bühnenbild umzusetzen, dessen Material komplett weiter genutzt werden kann. Insgesamt wurden fast 100 t Gerüstmaterial verbaut. Problematisch war hierbei nicht die Eigenlast der Gerüstkonstruktion, sondern der Umstand, dass das Publikum auf drei Ebenen übereinander angeordnet wurde und damit die sonst übliche Verkehrslast der Halle verdreifacht wurde. Und auch die Größe des Bühnenbildeinbaus war Zentimeterarbeit. 9,50 m sollte der Innenraum mindestens an Breite haben, durch maximale Platzausnutzung sind 9,56 m gelungen. Dabei grenzen die Fluchtabgänge bis auf 5 cm an die Stahlträger der Halle. Dafür waren Sonderanfertigungen gefragt: Die Gangbreite wurde statt der üblichen 2 m auf ein Rastermaß von 1,72 m reduziert und auch die Treppenstufen haben ein Sondermaß, um die baurechtlich geforderte Mindestbreite der Fluchtwege von 1,2 m bei minimaler Konstruktionsbreite zu ermöglichen. Auch für die vier Brücken, die sonst als temporäre Fußgängerbrücken im Straßenbau eingesetzt werden, ergaben sich Sondermaße. Insgesamt wurden für diese Produktion etwa 1200 Bauteile in speziellen Abmessungen gefertigt. Gelungen ist der Einbau innerhalb von nur 10 Tagen. Georg Schlag, Firmengründer von artec, bringt es auf den Punkt: „Mit dieser Produktion haben wir die Abmessungen und physikalischen Belastungsmöglichkeiten der Halle bis zum Äußersten ausgereizt.“

Maßarbeit – leise und stabil
Georg Schlag kommt vom Theater: „Mein persönlicher Hintergrund ist die Off-Theaterszene der 1980er und 90er Jahre. Ich kenne die besonderen Arbeitsweisen der Theaterwelt und bin mit den Produktionsabläufen vertraut.“ Es ist nicht die erste Arbeit für die Ruhrtriennale. Im Jahr 2021 hat artec die Bühne für die Produktion „D. I. E.“ in der Kraftzentrale in Duisburg gebaut. In dieser Produktion saß das Publikum in der Mitte und verfolgte auf Drehhockern das Bühnengeschehen rund herum. Im vergangenen Jahr setzte die Firma einen Erlebnisraum mit Tribünen und Räumen für das performative Rave-Spektakel „Respublika“ in der Jahrhunderthalle um. So war die Jahrhunderthalle keine Unbekannte, dennoch musste an der Anpassung des Bühnenbilds für „Aus einem Totenhaus“ gefeilt werden. Schlag berichtet: „Wir erstellen für alle unsere Projekte grundsätzlich 3D-Modelle in CAD. Durch Überlagerung mit den vorhandenen CAD-Dateien der Jahrhunderthalle haben wir den Einbau zunächst abgeglichen und verortet. Da es aber viele Details in der Halle gibt, die nicht in den vorhandenen CAD-Dateien erfasst sind, war ein Aufriss in der Halle vor dem Aufbau unumgänglich. Hier wurde deutlich, dass das gesamte Bühnenbild wegen einer Rohrkonstruktion noch einmal verschoben werden musste und Infrarot-Deckenstrahler abgebaut werden mussten.“ Auf dem Bühnengerüst bewegen sich sehr viele Menschen und wir kennen alle den Klang von Arbeiten auf Baugerüsten. In einer Opernproduktion darf es diese Störgeräusche nicht geben. Schlag erzählt über diese kleinteilige Arbeit: „Schließlich blieb uns nichts anderes übrig, als mit Filzstreifen und Gummipuffern die scheppernden Teile zu unterlegen. Da wir nun schon viele Jahre Erfahrung damit haben, kennen wir die neuralgischen Stellen und wissen, wie dort unterlegt werden muss.“

Statisch ergab sich eine große Herausforderung, weil das Gerüst zur Blickrichtung nicht wie üblich mit Diagonalverstrebungen versehen werden durfte. „Wir haben mit einem ,Scheibenmodell‘ gearbeitet, bei dem die Aussteifung über die beiden Geschossdecken realisiert wurde. Hierzu haben wir speziell für dieses Projekt bei Layher 280 Horizontaldiagonalen im Sondermaß fertigen lassen, um die Standsicherheit zu gewährleisten. Für die Aufnahme der horizontalen Lasten, die sich aus der Bewegung des Publikums ergeben, reichte dies aber nicht aus. Daher wurden an den Längsseiten zusätzliche Ballastierungstürme angebracht, die diese Lasten aufnehmen konnten“, erläutert Schlag. „Wir hatten wirklich Glück mit artec, sie haben absolut verstanden, was wir brauchten, und es sauber umgesetzt. Das Gerüst ist sehr homogen“, lobt Schubert. „Alle haben sich hervorragend auf die Produktion eingelassen. Es gab vorab viele Fragen, aber von den Darstellern bis zu den Technikern machten alle mit. Wir realisierten die Produktion innerhalb eines halben Jahres, das war unglaublich sportlich. Ich bin begeistert, dass ich ein Team habe, mit dem das möglich ist.“

Immersion als Herausforderung
Nicht zuletzt waren auch die Besucherinnen und Besucher gefordert, sich auf die besonderen Bedingungen einzulassen. Es gab nur Stehplätze und vorher eine Beratung, um die passende Ebene zu finden – immerhin war die dritte Ebene auf einer Höhe von 6 m. Auch mit der direkten Nähe zum Spielgeschehen im Gefängnishof fühlen sich nicht alle wohl. So wurde das Publikum nach eigenen Präferenzen und der Belastbarkeit der jeweiligen Tribüne verteilt. Im Hof teilen sich 140 Besucher den Raum mit 35 Choristen und 20 Darstellern. Auf allen Ebenen waren Guides zur Publikumsführung im Einsatz. Schlüssel, Handys, Taschen mussten zuvor abgegeben werden, damit keine Gegenstände von oben auf die darunter platzierten Besucherinnen und Besucher fallen konnten. Die Vorstellung beginnt, wenn es draußen dunkel ist, denn die Halle lässt sich nicht verdunkeln und es gehörte zum Konzept des Gründungsintendanten Gerard Motier, dass die Vergangenheit der Spielstätten als Industrieräume offenliegt. Das Bühnenbild zum „Totenhaus“ wirkt bei Tageslicht visuell noch gigantischer. Während der Vorstellung spürt man die klaustrophobische Enge vor allem auch körperlich. Besonders zum Ende des ersten Akts wird es eng im Gefängnishof. Die Gefangenen gehen auf die Besucherinnen und Besucher zu, suchen Blick-, manchmal auch Körperkontakt, kauern sich zu Füßen des Publikums hin. Man weicht unwillkürlich zurück. Das ist jedoch nur bis zum Geländer des Seitengangs möglich, hinter dem weitere Zuschauer stehen. Eine das Publikum sehr herausfordernde Szene, die von den Darstellern mit einer guten Balance zwischen Nahetreten und Distanzwahren umgesetzt wird. Bei einer Guckkastenbühne sprechen wir von einer vierten, unsichtbaren Wand, die die Zuschauer vom Geschehen auf der Bühne trennt. In der Inszenierung „Aus einem Totenhaus“ bin ich Zuschauerin, so lange ich den Blick schweifen lasse und versuche, das gesamte Geschehen wahrzunehmen. Die Grenze verschwindet jedoch, wenn ich im direkten Blickkontakt auf knapp 30 cm Nähe mit einem Sänger bin. Nicht zuletzt spiegelt dieses Spiel auch Janáčeks Opernschaffen aus dem Geist der Tragödie. Wie im Theater der griechischen Antike ist die Trennung zwischen Aufführungssituation und aufgeführter Handlung nicht eindeutig.

Akustikbau mit Phantomschallquellen
Wir sind also mitten im Operngeschehen, aber wo ist eigentlich das Orchester? Im Prinzip ist es da, wo noch Platz war: hinter der mittleren Szenenfläche zwischen Wand und Gerüst. Diese Position stellt natürlich große Herausforderungen an die Kommunikation zwischen Dirigent und Sängern sowie an die akustische Einrichtung. Das Dirigat wird für die Sänger über Monitore in den Bühnenraum übertragen, sichtbar auch für das Publikum. Chor und Solisten werden durch bewegliche Kameras aufgenommen und über eine Videoregie an das Dirigentenpult übertragen. Thomas Wegner ist für das Sounddesign der Produktion verantwortlich und erläutert die Problematik: „Es ist in der musikalischen Kommunikation sehr schwer, beieinander zu bleiben. Wenn man sehr weit voneinander entfernt ist, gibt es Verzögerungen der Laufzeit auf der akustischen Ebene. Für den Dirigenten haben wir eine Monitorumgebung mit Omniwave-Lautsprechern gebaut und die Laufzeitunterschiede werden über ein Tracking-System entsprechend abgeglichen.“ Das besondere an den Omniwave-Lautsprechern der Firma Bloomline ist, dass sie selbst nicht als Schallquelle lokalisierbar sind. Ein elektrodynamischer Schallwandler ist mit dem Konus umgekehrt in ein zylinderförmiges Chassis aus Kunststoff-Spritzguss gebaut. Dadurch entsteht ein omnidirektionaler, rundum abstrahlender Lautsprecher. Werden nun zwei dieser Lautsprecher übereinander im Winkel von 90 Grad installiert, indem der Konus des oberen Lautsprechers vertikal nach unten, und der des unteren horizontal ausgerichtet ist, entsteht eine Phantomschallquelle, die im Gegensatz zu der Summenlokalisation im Sweet Spot einer konventionellen Stereoaufstellung in einem größeren Bereich zu hören ist. Der Hintergrund ist der, dass die Konstruktion der Lautsprecher und ihre Aufstellung die Entstehung von störenden Kammfiltereffekten verhindert, weil das Signal die Ohren über einen relativ breiten Raum phasengleich erreicht. Diese Lautsprecher hat Wegner nicht nur für das Monitoring des Dirigenten eingesetzt. „Die Herausforderung war es, demokratisch in drei Ebenen zu beschallen und ein druckvolles Orchester zu haben. Während der Proben mussten wir viel experimentieren und hören“, erzählt Wegner. Mit den Omniwaves und deren Übertragung des Gesangs habe er sozusagen eine akustische Decke eingezogen.

Ein Stadttheater für jeden Akt
Das Orchester wird über eine herkömmliche Beschallung in den Raum projiziert. Dazu arbeitet Wegner mit der vom IRCAM entwickelten Software SPAT Revolution. Damit lassen sich virtuelle Räume bauen, in die dann die Signale – hier die des Orchesters – geschickt und so platziert werden, wie sie im realen Raum benötigt werden. Die Sänger wiederum tragen GPS-Sender in ihrer Kleidung. Ihr Gesang wird über die Mikroports über eine Level- und Delay-Matrix geschickt und zu jedem Zeitpunkt automatisch für die Raumsituation konfiguriert. Das Ergebnis ist fantastisch. Man nimmt die Technik nicht wahr. Gleichwohl arbeiten Dirigent und Technik gemeinsam, denn Passagen mit Einzelinstrumenten werden durch die Verstärkung gestützt wie auch musikalische Dynamiken. Wegner sagt: „Wenn ich die elektroakustische Unterstützung ausschalten würde, klänge das Orchester in den beiden äußeren Courts sehr blass.“ Die Oper hat drei Akte, die jeweils in den Spielflächen stattfinden. Das Publikum schreitet von Akt zu Akt durch das Bühnenbild. Dadurch erzielt Tcherniakov eine räumliche Zeitebene in der Wahrnehmung. Jede der drei Spielflächen klingt unterschiedlich und musste dementsprechend akustisch eingerichtet werden. Zudem hat jedes der drei Felder eine eigene Regie und ist jeweils mit vier Übertitel-Screens, acht Dirigentenmonitoren, drei Dome Cams, 90 Moving-Lights und 40 Lautsprechern ausgestattet. „Drei Mal Stadttheater“, sagt Georg Bugiel.

Publikum im Bühnenlicht
Mit dem Licht verhält es sich ähnlich wie mit dem Ton, man nimmt es nicht als Theaterlicht wahr, sondern als das zum Raum gehörende Licht. Das Publikum steht im selben Licht wie die Darsteller. Die Decken der Umläufe sind mit Schildkrötlampen bestückt. „Wir haben dafür 180 Lampen umgebaut und mit Wieland-Steckern neu verkabelt“, erzählt Bugiel. Die 30 dekorativen Hofscheinwerfer erstand das Team gebraucht. Eine Art Skylight, das im dritten Akt einen aus Bühnenpodesten gebauten langen Tisch ausleuchtet – der das Straflazarett symbolisiert –, ist mit großen Arri-Skypanel S 360 Softlights bestückt. Spektakulär ist der Lichteinsatz am Ende der Oper. Von außen strahlt helles Licht durch die Kathedralenfenster der Halle. 87 PARs auf drei Scherenbühnen sind hier im Einsatz. Das Licht begleitet die Nachricht des Platzmajors, dass Gorjančikov freigelassen wird. Aber das Totenhaus bleibt bestehen. Freiheit und Gefangenschaft sind identisch. In der Bochumer Jahrhunderthalle entpuppt sich die Hoffnung auf Freiheit als Wahnvorstellung des Protagonisten. Das Ende könnte pessimistischer nicht sein. Der Kreislauf der drei Akte wird von vorne beginnen, es gibt kein Entrinnen. Und die Besucherinnen und Besucher werden mit der Frage zurückgelassen, ob sich wirklich „In jedem Geschöpf ein Funke Gottes“ findet? Diesen Leitgedanken stellte Leoš Janáček über die Oper. Der Regisseur Dmitri Tcherniakov stellt diesen Gedanken mit seiner Inszenierung für jeden Menschen auf die Probe – ohne zu antworten. 

Antje Grajetzky arbeitet als freie Kulturjournalistin und -managerin im Ruhrgebiet. Schwerpunkte: Musik und Sound, Bühnenproduktionen an der Schnittstelle zwischen Kunst und Technik, Kulturförderung und Kulturelle Bildung. Seit April 2023 ist sie Mitarbeiterin in der Abteilung Kunst- und Künstler:innenförderung im Kulturamt der Landeshauptstadt Düsseldorf.

„Aus einem Totenhaus“
Regie und Bühne: Dmitri Tcherniakov
Musikalische Leitung: Dennis Russel Davies
Sounddesign: Thomas Wegner
Licht: Gleb Filshtinsky
Produktionsleitung: Georg Bugiel 
Gerüstkonstruktion: artec GmbH, Aachen


BTR 5 2023
Rubrik: Festivals & Produktionen, Seite 14
von Antje Grajetzky

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