Haufenweise Masse
Die königlich-unglückliche Liebesgeschichte von Dido und Aeneas spielt – laut Henry Purcell und seinem Librettisten Nahum Tate – in Karthago. Dort trifft der schiffbrüchige trojanische Würdenträger auf die Königin Dido, und beider Begegnung entfacht eine klassische, unzweideutige Leidenschaft mit tragischem Ausgang. In der Regie von Franck Chartier liest sich die Geschichte auf zwei Ebenen, zwischen Realität und Projektion, Intimität und Öffentlichkeit. Dido ist hier eine gealterte Dame, die sich mit Purcells Figur identifiziert, ihre Leidenschaft aber nicht ausleben kann.
Daher bedient Dido sich ihres Reichtums und ihres Personals, auf das sie ihre Fantasien projiziert. Regisseur Chartier drückt es so aus: „Jeden Tag muss das Orchester für sie Dido und Aeneas spielen. Die Musiker hat sie selbst engagiert und ihr strapazierter Intendant stöhnt: ‚No more Purcell!‘ Gleichzeitig unterliegen alle ihre Handlungen öffentlicher Kontrolle.“ Dieses Doppelspiel stand Pate für ein gleichzeitig realistisches und symbolistisches Bühnenbild. Da wird Dido aus der Vogelperspektive vom Parlament – also vom Volk – beobachtet. Sie kann ihren Gefühlen nicht folgen, denn sie hat sich politisch korrekt ...
Peeping Tom
Das in Brüssel lebende und arbeitende Regieduo Gabriela Carrizo und Franck Chartier, das unter dem Namen „Peeping Tom“ mit jeder ihrer Produktionen die bedeutendsten Theaterhäuser bespielt, ist mit seinem Tanztheater seit exakt 20 Jahren eine feste Größe in der internationalen Kulturlandschaft. Das 2009 kreierte Erfolgsstück „32 rue Vandenbranden“ tourte nicht nur in ganz Europa, sondern auch in New York, Asien und Lateinamerika. 2013 überlieferte Chartier es an die Göteborgs Operans Danskompani und 2018 inszenierten Carrizo und Chartier es gemeinsam neu, diesmal für das Lyon Opéra Ballet. Einzeln schufen beide je ein Stück mit dem Nederlands Dans Theater in Den Haag, der bedeutendsten neoklassischen Tanzkompanie der Niederlande. In Deutschland leitete Carrizo 2015 die Produktion „The Land“ am Münchener Residenztheater. „Dido and Aeneas“ („Didon et Enée“), mit Chor, Barockorchester, fünf Sängern und sieben Tänzern, wurde am 3. Mai 2021 am Grand Théâtre de Genève uraufgeführt (online). Die Aufführungen vom 2. bis zum 10. Dezember 2021 an der Oper von Lille waren die ersten vor Publikum.
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BTR Ausgabe 2 2022
Rubrik: Produktion & Technik, Seite 68
von Thomas Hahn
Konzerthaus neu
In den vergangenen zwei Jahren wurde in Wernigerode die entwidmete Liebfrauenkirche zu einem Konzerthaus umgebaut, am 3. März wurde es eröffnet. Das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode verfügt damit über einen zentralen Proben- und Konzertort. In dem stützenfreien Saal finden 480 Zuschauer, ein Orchester und bis zu 60 Chormitglieder auf...
Für die Realisierung des Bühnenbilds (siehe Seite 50) war viel Erfindungsreichtum und detaillierte Planung gefragt. Der Produktionsleiter Oliver Burkhardt, der mit dem „Ring“ seinen Einstieg in die Deutsche Oper hatte, und Uwe Arsand, seit 15 Jahren dort Technischer Direktor, erläutern den Arbeitsprozess zur Herstellung der Bühnenbilder. Eingangs stellen sie fest,...
Wer einmal das Requiem von Hector Berlioz (1803–1869) als Aufführung erlebt hat, wird es kennen: Dieses Gefühl, Musik nicht nur einfach zu hören und mitten im Klang zu sein, sondern sich sogar als ein Teil von ihr zu erleben. Mit unvermittelter Wucht wirken Teile der Komposition auf die Zuhörerinnen und Zuhörer ein. Der französische Komponist hat während der...
