Große Bilderlust

Der Künstler Volker Pfüller war mit seinen vielseitigen und markanten Arbeiten für Bühne und Buchkunst in der DDR einem großen Publikum bekannt. Seine Theaterarbeiten mit Alexander Lang am Deutschen Theater Berlin wurden Legende, und bis zu seinem Tod hat er im Theater Rudolstadt gearbeitet. Am 23. Oktober ist er mit 81 Jahren in Rudolstadt verstorben.

Bühnentechnische Rundschau

Der Bühnen- und Kostümbildner, Grafiker, Plakatgestalter, Illustrator, Maler Volker Pfüller starb am 23. Oktober 2020. Die Aufzählung seiner hauptsächlichen Tätigkeitsfelder ist sehr beeindruckend, aber dass er zum Beispiel auch plastisch arbeitete, werden viele gar nicht gewusst haben. Warum in dieser Aufzählung das Theater an erster Stelle steht, ist nicht nur den Themen dieser Zeitschrift geschuldet – Bühnentechnische Rundschau –, Pfüller selbst gestand sich ein: „Meine Theatererfolge waren international schneller Ruhm.

Als Grafiker haben mich im Westen viele Leute überhaupt nicht gekannt.“ Dabei blieb Pfüller zeitlebens bildender Künstler, Grafiker, Gebrauchsgrafiker: Das hat er studiert, das hat er mit großer Leidenschaft, großem Wissen und großer Könnerschaft gemacht.

Unvergesslich ist Pfüller auf den Proben: Er saß da mit seinem Skizzenbuch und zeichnete – Köpfe, Konstellationen, Schauspieler, das Regieteam. Und aufregend, diese Skizzenbücher durchzublättern: Da gibt es viel mehr als „nur“ die Theater-Probenarbeit: Schriften werden kopiert, Schilder abgemalt, Charakterköpfe gezeichnet – dazwischen wurde mal auch eine Telefonnummer notiert oder eine handschriftliche Notiz gemacht. Manches erkennt man auf den ersten Blick: den Schauspieler Christian Grashoff, den Regisseur Alexander Lang – bei manchem nimmt man Teil an der Suche nach dem richtigen Strich, der richtigen Form.

Für die Publikation „Bilderlust“ (BTR 3/2020) erwog man, diesen Skizzenbüchern eine eigene Bildstrecke zu geben – man entschied sich aus Platz- aber auch aus Kompositionsgründen dagegen. Viele der dort angelegten Skizzen wurden später aber noch einmal richtig ausgearbeitet für ein Plakat, eine Figurine, eine Buchillustration. Diese Skizzenbücher waren die Küche oder besser die Vorratskammer, die Werkstatt oder besser das Magazin für die Werkstoffe des grafischen Künstlers Volker Pfüller.

Mehr als eine Marotte – Zeichenlust

1939, wenige Wochen vor Kriegsbeginn in Leipzig geboren, wuchs er in einer liebevollen, aber eher kunstfernen familiären Umgebung auf. Sein Vater, Polizeibeamter, verunglückte kurz nach Volkers Geburt. Die Familie hatte für ihn vorgesehen, dass er später einmal das Elektrogeschäft seines kinderlosen Onkels übernehmen sollte. „Aber das habe ich schließlich und endlich nicht getan und geholfen haben mir natürlich Lehrer und Freunde, die auch meine Mutter überzeugten, dass das bei mir mehr ist als eine Marotte.“

Volker Pfüller fiel schon als Kind mit seinem Zeichentalent und vor allem mit seiner Zeichenlust auf. Gleich danach kam das Lesen: „Meine Schwester war etwas älter, die hat mir das Lesen beigebracht, bevor ich zur Schule ging. Und Bücher waren immer im Hause. Ich habe also richtig geschmökert und auch meine Hausarbeit vernachlässigt. Ich habe ganz früh Fraktur lesen und auch noch Sütterlin schreiben gelernt. Ich hatte so einen alten Lehrer, der das richtig konnte und der hat mir immer Nahrung gegeben. Also ich verdanke den Lehrern sehr, sehr viel, dass die mich als aufgeschlossenen Jungen eigentlich immer gefüttert haben.“

Diese bescheidene Dankbarkeit zieht sich durch Pfüllers ganzes Leben: Dankbarkeit für Anregungen, für Hilfestellung, unter anderem bei der nicht unkomplizierten Suche nach einem Studienplatz: „Und da habe ich ganz großes Glück gehabt. Die Kaderleiterin hat meine Akte gelesen und gesagt: ‚Mit der Akte kommst du hier nie durch. Da müssen wir ein bisschen was korrigieren.‘ Die hat sich für mich eingesetzt und einiges verschwinden lassen … Also, ich hatte da ein paar Freunde von der Jungen Gemeinde, die eingeknastet worden sind, und damit kommst du natürlich nicht weiter.“ Schließlich wird er an der legendären Kunsthochschule in Berlin-Weißensee immatrikuliert. Seine Lehrer dort waren Werner Klemke, Klaus Wittkugel und Arno Mohr – die Elite der DDR-Grafik in den 1950er- und 1960er-Jahren.

Neben einem Leistungsstipendium nutzte Volker Pfüller aber auch die Möglichkeit, beim Ausstellungs- und Messebau „richtig gut“ zu verdienen. Für einen Grafiker nicht unbedingt, für einen angehenden Bühnenbildner aber eine gute zweite „Lehre“. Auch sein „Studentenjob“ in einer Druckerei, wo er als Springer alle Bereiche kennenlernte, half ihm später in seiner Profession: Pfüller war dafür bekannt, dass er sich technisch gut auskannte und sich auch der alten Techniken, wie dem Offsetdruck, virtuos zu bedienen wusste.

Den Blick über den Tellerrand suchte der studierende Gebrauchsgrafiker aber auch innerhalb der Hochschule: Er arbeitete bei den Bildhauern mit, bis der betreuende Professor Heinrich Drake ihn rigoros rausschmiss, und nahm auch intensiv an der Ausbildung der Bühnenbildklasse teil: „Ich habe alles gelesen, was der (gemeint ist der angehende Bühnenbildner Jürgen Heidenreich, Anm. des Autors)
an Stücken gelesen hat, und hab natürlich auch gehört, was die da treiben im Seminar, so Bühnenbildmodell und wie man das so macht.“

Zu seiner ersten Theaterarbeit kam Pfüller ebenfalls durch Heidenreich: „Er sollte zur Armee einberufen werden, und es war ein junges Team, Siegfried Höchst hat die Regie gemacht, das waren lauter junge Leute damals, und da hat er gesagt: ‚… die würden gerne mit einem Anfänger arbeiten.‘ Und ich hab gesagt: ‚Das ist zwar sehr mutig und ich hab sehr viel Interesse fürs Theater und auch ein paar Voraussetzungen, aber eigentlich keine richtigen Kenntnisse.“ … Da hat er gesagt: ‚Ich bin ja noch eine Weile da. Da helfe ich dir ein bisschen.‘ Und dann war das so, dass er vom Intendanten Gerhard Meyer freigestellt wurde, und … Herr Heidenreich kriegte sofort etwas anderes übergeholfen. Er war aber trotzdem sehr kollegial und freundlich zu mir, aber ich hab’s eigentlich schon alleine gemacht. Vielleicht nicht ohne die Schützenhilfe von ihm, das wär nicht gegangen.“

Internationaler Erfolg für eine -„Piepsproduktion“

Der studierte Grafiker Volker Pfüller gestaltete 1967 also sein erstes Bühnenbild, Federico García Lorcas „Doňa Rosita bleibt ledig“ am Potsdamer Hans Otto Theater, im selben Jahr erschien auch das erste Buch, das er illustrierte – eine Ausgabe von Gustav Schwabs Antike Sagen im Kinderbuchverlag der DDR. Natürlich waren schon vorher zahlreiche Illustrationen von ihm in der Zeitschrift „Sybille“ und der „Wochenpost“ erschienen. Es folgten einige Ausstattungen an kleineren Theatern und bereits 1970 eine erste Zusammenarbeit am Berliner Deutschen Theater: Helmut Baierls „Der lange Weg zu Lenin“ in der Regie von Adolf Dresen. Der ursprünglich als Film geplante Stoff wurde von Dresen zusammen mit seinen Dramaturgen Maik Hamburger und Alexander Weigel zu einem Theaterstück umgeschrieben. Nach Pfüllers Angaben war er da mehr als Dramaturg denn als Bühnenbildner gefragt.

Aber erst die Zusammenarbeit mit Alexander Lang ab 1979 forderte die verschiedenen Qualitäten Pfüllers heraus: seine bildkünstlerischen, seine konzeptionellen, sein genaues Lesen und „Übersetzen“ der literarischen Vorlage in das theatralische, inszenatorische Konzept des Regisseurs. Die Voraussetzungen waren auch hier noch Anfängerbedingungen: „Wir haben Wotan neben Wallenstein gemacht. Und Wotan war eine Piepsproduktion, das hat überhaupt keiner ernst genommen. Alex hat denen so eine Art Schuhkarton mitgebracht und gesagt: ‚Hier drin müsste das alles Platz haben.‘ Das hat mir natürlich gefallen, weil ich kleine Bühnen immer schon geliebt habe.“
Der – internationale – Erfolg dieser „Piepsproduktion“ stellte sich daher auch erst nach einem erfolgreichen, weil von den entscheidenden sowjetischen Autoritäten hochgejubelten Gastspiel ein: „Und dann war da dieser Moskauer Erfolg von Wotan, das war natürlich ein ganz großer Schub.“

Gleich die zweite gemeinsame Produktion, Büchners „Dantons Tod“, brachte dann für beide, Lang wie Pfüller, den eigentlichen Durchbruch: Die intensive, expressive und so ganz aus dem „Normalen“ herausfallende Spielweise der inzwischen auf den Regisseur Lang eingeschworenen Schauspielerschaft fand ihre kongeniale Ergänzung in der „Kasperlebühne“ und den historisierenden, aber nicht die geschichtlichen Beispiele kopierenden Kostümen: „Er hat sehr viel Kritik dafür geerntet, aber ich fand es im Großen und Ganzen eine Superleistung, ganz, ganz toll.“

Bis 1989 sollte Pfüller jetzt ausschließlich für und mit Lang arbeiten – es entstanden insgesamt 14 Inszenierungen, von denen nicht wenige Theatergeschichte schrieben und die auch ab 1985 den Ost-West-Transfer überlebten, also mit den Schauspielern der Münchner Kammerspiele und des Hamburger Thalia Theaters entwickelt wurden, als Lang dort inszenierte.

Epochale Inszenierungen

Die Temperamente konnten unterschiedlicher nicht sein: hier der spielwütige, sich mit Ideen, Vorschlägen kaum zurückhaltende Regisseur – dort der beobachtende, zeichnende, zurückhaltende Bühnenbildner. In ihrer großen Zeit war das schön zu sehen, wie der vom Regiepult zur (Probe-)Bühne tänzelnde Lang auch immer wieder die Nähe des ununterbrochen mit seinem Zeichenblock beschäftigten Bühnenbildners suchte, sich kurz austauschte, wieder nach vorn kam, neu arrangierte, wieder zurücksprang, auch mal im Liegen die Szene betrachtete, wieder nach vorne und zurück zum Regiepult, einen Augenkontakt zum Bühnenbildner, der jetzt aufstand und zu ihm trat – es herrschte künstlerische Hochspannung, es knisterte im Raum, alle Beteiligten waren in diesem Findungsprozess eingebunden.

So entstand am Berliner Deutschen Theater Brechts „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“, die man heute auch als vorweggenommene Parabel der Trump-Ära in den USA sehen kann – damals war das eine sehr unverblümte Abrechnung mit den inneren Strukturen der DDR (Dietrich Körner als sächselnder Iberin!), die Wiederentdeckung des Dramatikers Christian Dietrich Grabbe mit „Herzog Theodor von Gothland“, in einem Doppelprojekt verbunden mit Goethes „Iphigenie“, die legendäre Trilogie der Leidenschaften mit „Medea“, „Stella“ und „Totentanz“ – jeweils mit den Protagonisten Katja Paryla und Christian Grashoff, ein ähnliches Doppelprojekt mit „Phädra“ und „Penthesilea“ an den Münchner Kammerspielen folgte. Diese wirklich epochemachenden Inszenierungen erhielten viel Beifall, waren aber niemals unumstritten. Dennoch galten Lang und Pfüller als das Dreamteam jetzt auch im nicht-sozialistischen Ausland.

Dass die Zusammenarbeit nach 1989 nicht fortgesetzt wurde, lag vielleicht daran, dass beide, Lang wie Pfüller, sich nach zehn Jahren auch nach anderen Partnern in der inszenatorischen Zusammenarbeit sehnten. Pfüller arbeitete mit dem in die Regie drängenden Chefdramaturgen der Münchner Kammerspiele, Hans-Joachim Ruckhäberle, aber auch mit Regisseuren wie Thomas Langhoff, Jörg Hube, Katja Paryla oder Johanna Schall. Auch die Zusammenarbeit mit Lang wurde nach 1995 wieder aufgenommen, wieder am Deutschen Theater. Die bahnbrechenden Erfolge stellten sich allerdings nicht mehr ein.

Erst mit Alexander Stillmark hat sich dann ab 2003 wieder eine ähnlich kontinuierliche, harmonische und sich gegenseitig inspirierende Zusammenarbeit, zuletzt ab 2011 im Theater Rudolstadt ergeben. „Die sagen dort Künstlerteam Pfüller/Stillmark, das wird nicht ausei­nandergerechnet, Bühnenbild und Kostüm und Regie … im Grunde genommen machen wir beide das Ding.“

Pfüller als Regisseur? Das wies er kategorisch von sich: „Ich habe sehr viele große Regisseure aus der Nähe gesehen. Wie viel Krampf auch dahinter steckt und wie viel Mühe, die sich gar nicht auszahlt und die ganz, ganz schwierig ist … Ich habe immer das Gefühl, ich kann dabei nur mächtig auf die Schnauze fliegen, und muss das denn wirklich sein?“

Unverwechselbarer Stil: die Theaterplakate

Pfüllers Arbeiten für das Theater sind aber mit seinen Bühnenbild- und Kostümentwürfen nicht erschöpft – hinzu traten, wieder näher an seinem gelernten Genre, die Theaterplakate, die schon zu Zeiten der DDR in deren Hauptstadt für Aufmerksamkeit sorgten. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass sehr viele, die in der DDR groß geworden sind, sich vor allem an diese knalligen, farbenfrohen Plakate erinnern. Als Pfüller 1984 zum ersten Mal mit Lang in München arbeitete und bald darauf für eine Saison auch die Theaterplakate der Münchner Kammerspiele entwarf, stach da wiederum nicht so sehr die Farbe als das Grafische he­raus – gezeichnete Plakate war man damals im Westen, wo das Fotoplakat dominierte, schon lange nicht mehr gewohnt. Pfüllers Plakate brachten, mehr noch als seine Buchillustrationen, umsonst und im Freien seine Bildersprache und die damit verbundene Wirkungsästhetik in die Öffentlichkeit: seine stupende historische Kenntnis sowohl der Drucktechnik wie auch der Plakatgestaltung. Er selbst hat in seiner typischen Bescheidenheit einmal angemerkt: „Ich habe ein paar Plakate gemacht, das waren nichts anderes als Figurinen.“

Auch für das freie theater 89 hat Pfüller über 30 Jahre die Plakate entworfen – sie wurden für das kleine Theater zu einem Markenzeichen: „Wo ein Pfüller-Plakat auftaucht oder ein Motiv ausliegt, da kann man, wenn man Glück hat, auch theater 89 erwarten“, verkündet es zu Recht auf seiner Website.

Seinem eigentlichen Metier, der Illustration, blieb er aber treu. „Mein Leben scheint aus Episoden zu bestehen. Ich widme mich manchmal nur dem Schauspiel, ich widme mich manchmal nur dem Buch, ich widme mich manchmal der Malerei, und jedes Mal scheint mir das ganz normal zu sein.“

Volker Pfüller wird fehlen: mit seiner zuspitzenden, enttarnenden, die Wahrheit hinter den Masken und Fratzen der Wirklichkeit aufdeckenden Kunst. Er bleibt in den Erinnerungen derer, die seine Ausstattungen auf der Bühne erleben durften und er bleibt, das Glück der grafischen Künstler, ganz in seinen zahllosen bildkünstlerischen Arbeiten. 

Stephan Dörschel
ist Leiter des Archivs „Darstellende Kunst“ der Akademie der Künste, Berlin. Er brachte 2019, zum 80. Geburtstag Volker Pfüllers, im Verlag Theater der Zeit das Buch „Volker Pfüller Bilderlust“ heraus.


BTR Ausgabe 6 2020
Rubrik: Foyer, Seite 6
von Stephan Dörschel

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