Der Gravitationsverstärker

In seinen Produktionen spielt der Künstler und Choreograf Yoann Bourgeois mit Schwer- und Fliehkraft. Mit „Requiem [Fragments]“ inszeniert er Mozart in metaphysischer Prägnanz: Tänzer:innen, Sänger:innen und eine mysteriöse Rampe erheben den freien Fall in den Stand der schönen Künste

Bühnentechnische Rundschau - Logo

Sie stürzen sich senkrecht in die Tiefe, verschwinden manchmal in einem Loch im Boden oder schmiegen sich an die Fliehkraft, während sie auf einer Drehscheibe rotieren. Yoann Bourgeois macht Mozarts Requiem zu einem Resonanzkörper für gravitationelle und zentrifugale Mächte, für materielle menschliche Körper im Spiel der unsichtbaren physikalischen Kräfte.

Auf einer spärlich beleuchteten Bühne schafft er die Illusion von Menschen in freiem Fall, wenn die Tänzer:innen seiner Kompanie und sogar die Sänger:innen des Chors sich an einer sechs Meter hohen Rampe in die Tiefe stürzen oder – stets vergeblich – versuchen, an dieser in die Höhe zu klettern und die rettende Hand einer hoch oben auf einer Art Brüstung stehenden Person zu ergreifen.

Mit Mozart, dem Pariser Insula Orchestra und dem Chor Accentus verwandelte Bourgeois als erster Regisseur den Pariser Konzertsaal von La Seine Musicale, einer Schuhkasten-Philharmonie auf der Seguin-Insel in der Seine im Westen der Stadt (BTR-Sonderband 2017) in eine Bühnenlandschaft mit Blackbox-Charakter. Allein das ist bemerkenswert, denn während in einem Konzertsaal normalerweise alles sichtbar ist, versteckt Bourgeois seine Szenografie durch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent der Bühnentechnischen Rundschau? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Bühnentechnische-Rundschau-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Bühnentechnische Rundschau

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

BTR Ausgabe 2 2024
Rubrik: Produktionen, Seite 24
von Thomas Hahn

Weitere Beiträge
Nachgefragt: Heike Schmidt

BTR: Frau Schmidt, wie sind Sie zum Theater gekommen?
Heike Schmidt
: Schon in der Schulzeit bin ich sehr oft im Theater gewesen, weil die Eltern von Klassenkameraden dort als Tänzer beziehungsweise Musiker arbeiteten. Und wie das so ist, rieten mir die Leute vom Theater: „Fang bloß nicht bei uns an, lerne auf keinen Fall bei uns!“ Ich habe dann also bei der...

Architektur der Begegnung

Im Wien Museum am Karlsplatz wird Stadt- und Kunstgeschichte erzählt, und das schon seit Ende des 19. Jahrhunderts. In der gewachsenen Sammlung finden sich hochkarätige Kunstwerke aus verschiedenen Epochen und historische Exponate. Der Rundgang „Wien. Meine Geschichte“ bietet umfassende Einblicke in die Geschichte der Stadt – von der ersten Besiedlung bis in die...

Aufbruch in neue Gewässer

Schiffe!? Wie war das, als kleines Kind in ein Boot zu steigen? Das wackelt, das bewegt sich fort, nichts ist sicher. Trägt es wirklich? Das Gefühl, die Dinge kontrollieren zu können, ist weg. Die Menschheit hat Schiffe gebaut, lange bevor sie verstanden hat, warum sie funktionieren. Auch wenn wir heute verstehen, warum Schiffe schwimmen, eine gewisse Magie bleibt....