Ein Künstler, der nicht Englisch spricht, ist kein Künstler

Das «postdramatische Theater» ist die erfolgreichste Marke der jüngeren Theatergeschichte. Seit zehn Jahren spukt der Begriff, den das gleichnamige Buch von Hans-Thies Lehmann in die Welt gesetzt hat, durch die Köpfe und Debatten. Manchen gilt er als Glaubens be kenntnis, anderen als die Achse des Bösen. Er spaltet Schauspielschulen, polarisiert zwischen Freier Szene und Öffentlichen Bühnen, lässt die einen Kritiker jubeln und andere vor Wut aufheulen. Über wenig kann sich die Theaterwelt mehr aufregen – als hätte man keine anderen Probleme. Die erstaunliche Karriere verdankt sich nicht nur verschiedenen Theaterformen und -schulen, sondern auch seiner einzigartigen Unschärfe. Denn was das postdramatische Theater wirklich ist – und vor allem was nicht –, klärt Lehmanns Buch in seinen facettenreichen Widersprüchen kaum. Das muss fürs Theater kein Nachteil sein, denn was wäre langweiliger als ein uniformes Regelwerk? Trotzdem kann es nie schaden, wenn man weiß, wovon man redet. Florian Malzacher wirft seinen zugewandten Blick auf das, was heute als postdramatisch gilt und fragt nach, wie sich dieses Theater in den letzten zehn Jahren verändert hat. Bernd Stegemann geht die Diskussion theoretisch an: Ist das Postdramatische ein Sonderfall von Theater, oder erweitert es seine Grenzen, oder bleibt es eher eine Schwundstufe?

 

Weit entfernt in der Dämmerung tapern Figuren übers brache Land, kommen zueinander und verlassen sich, kaum erkennbar erschlägt da wer wen, andere haben Sex (sieht nicht einvernehmlich aus), hier und da meint man, den Faden einer brutalen, aber völlig stummen Geschichte in die Hand zu bekommen, greift daneben oder hält ihn kurz, bevor er durch die Finger rutscht ...

Safariblick des Publikums unter freiem Himmel auf die natürliche Bühne eines künftigen Industriegeländes irgendwo am Rande von Antwerpen: Nach und nach stürzen die Figuren in eine Grube, werden zu Erde, verschwinden im Bild. Ein leichter Herbstregen lässt den Zuschauer frösteln, während er das Drama sich auflösen sieht. 
 

Selbstverständliche Skepsis

Wo fängt das Drama an, wo hört es auf? Für die Freiluft-Inszenierung «Braakland» der jungen holländischen Regisseurin Lotte van den Berg ist die Prosa J. M. Coetzees zwar ein Ausgangspunkt, aber viel mehr als Motive und etwas Atmosphäre ist davon nicht geblieben. Kein Wort, keine klar benennbare Geschichte. Immer wieder begibt sich van den Berg mit ihren Arbeiten auf das diffuse Grenzland des Genres Theater. Schauspielerisches Agieren, Sprache, Narration reduziert sie auf ...

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Theater heute Oktober 2008
Rubrik: Debatte, Seite 6
von Florian Malzacher

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