Nicht schlafen

Gibt es Trost, wenn die Welt in Gewalt versinkt? Der Choreograf Alain Platel nimmt es mit Gustav Mahler auf, mit dem Vorlauf des Ersten Weltkriegs und den Katastrophen der Gegenwart

Eine Mischung aus perversem Interesse an gestörtem Verhalten und Empathie mit den Betroffenen sei es gewesen, die ihn als Heilpädagogen faszinierte, gab Alain Platel einmal im Gespräch mit der Dramaturgin Renate Klett zu Protokoll. In den mehr als 30 Jahren seines Choreografen-Daseins haben sich die Anteile bei dem Menschenversteher aus Gent allerdings verschoben: Das Perverse dominiert, die Empathie lässt nach.

Wachsam blickt Platel in seiner neuen, bei der «Ruhrtriennale» uraufgeführten Produktion «nicht schlafen» in die Abgründe des Individuums – und feiert eine traurige Gewaltorgie. Die Bühne wird zum Schlachtfeld religiöser, ethnischer und geschlechtlicher Auseinandersetzungen. Ein hochpolitisches Stück.

Schaurig-schön liegen zwei präparierte Pferdekadaver auf einem niedrigen Tisch übereinander wie auf einem Altar. Das untere Tier liegt auf dem Rücken, einen Lauf in die Luft gereckt, noch denkt man sich nichts dabei. Auf dem Boden hinter dem Tisch ruht ein weiteres Tier, an lockeren Gurten befestigt. Später, wenn es in die Luft gezogen wird, wendet es seinen Kopf mit leicht geöffnetem Maul zum Publikum. Die Plastik der belgischen Bildhauerin Berlinde De Bruyckere, überzogen ...

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Tanz Oktober 2016
Rubrik: Produktionen, Seite 8
von Bettina Trouwborst