Es geht immer ums Ganze

Natürlich hat die Stuttgarter Staatsoper auch vor der Ära Klaus Zehelein schon glanzvolle Zeiten ­erlebt: In den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten stand sie für eine Ensemblekultur, die es so weder in München noch in Hamburg oder Berlin gab. Günther Rennert und Wieland Wagner sorgten als Regisseure für Diskussionsstoff. Später waren es Jean-Pierre Ponnelle, Achim Freyer, Götz ­Friedrich und Harry Kupfer. Die Moderne hatte immer ein Hausrecht. Der Chor wuchs unter der Leitung von Ulrich Eistert über sich hinaus. Klaus Zehelein hat den gewachsenen Organismus dieses Hauses als Wert erkannt und mit ­neuen Herausforderungen konfrontiert. So ent­faltete die Stuttgarter Oper Energien, die bislang ungenutzt schlummerten. Heraus kam eine Ära beispiellosen Erfolgs: Sechsmal in fünfzehn Jahren wurde Stuttgart zum «Opernhaus des Jahres» ­gewählt. In der letzten Spielzeit zeigten sich die Früchte der kontinuierlichen Arbeit auch in ­anderen Kategorien: Glucks «Alceste», getragen nicht zuletzt vom «Chor des Jahres», ist die ­«Aufführung des Jahres». Catherine Naglestad, im Stuttgarter Ensemble groß geworden, wurde «Sängerin des Jahres». Die letzte Premiere bedeu­tete zugleich die «Wiederentdeckung des Jahres»: «Aeneas in Karthago» des früh verstorbenen ­Mozart-Zeitgenossen Joseph Martin Kraus. Eine Bilanz aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf den folgenden Seiten.

Herr Zehelein, fünfzehn Jahre Staats­oper Stuttgart unter Ihrer Leitung, das sind fünfzehn Spielzeiten gegen Event-Kultur und für einen künstlerischen Wahrheits­begriff, der sich von Hegel ableitet und später von Adorno übernommen wurde. Es sind Impulse ­einer Selbstbefragung und Selbstverständigung: Oper als Bild und Gegenbild der Gesellschaft. Das hat Ihrem Stuttgarter Modell viel Ehre und Aufmerksamkeit gebracht, aber nachgeahmt wurde es eigentlich nie.

Gesellschaftliches Denken ist weniger denn je im Kurs, und viele Opernhäuser gehen, wie der Klassikmarkt, in ganz andere Richtungen. Fühlen Sie sich nicht irgendwo allein mit Ihrem Anspruch?
Nein, gar nicht. Ich denke, wir konnten durchaus Anstöße über Stuttgart hinaus geben, ohne dass wir dabei die Lehrmeister der Nation sein wollten. Entscheidend war, dass der Kunstwille bei unserer Arbeit eine zentrale Rolle spielte. Es war das Bemühen, Grenzen zu überschreiten. Und wenn so etwas gelingt, dann atmet man manchmal «Luft von anderen Planeten», um es mit Schönberg zu sagen. Es atmet sich auch einfach oft besser. Die Kraft dazu ist natürlich unterschiedlich. Es gelingt nicht immer. Es dürfte aber deutlich geworden sein, dass das, ...

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Opernwelt Jahrbuch 2006
Rubrik: Opernhaus des Jahres, Seite 10
von Stephan Mösch, Uwe Schweikert

Vergriffen